Neu: 'Drei Mal Leben'

Schauspielhaus Bochum

v.l. Oliver Möller, Jele Brückner, Karin Moog und Sascha Nathan.
v.l. Oliver Möller, Jele Brückner, Karin Moog und Sascha Nathan. Foto: Julian Baumann

„Drei Mal Leben“ von Yasmina Reza ist eine Versuchsanordnung für zwei Paare in drei Durchgängen, die immer knapper, schneller, „exzentrischer“ werden. Sie stellt Variationen einer Ausgangssituation vor, welche gleichermaßen den Schauspielern, der Regie und dem Publikum offeriert werden: Henri (Sascha Nathan) beschäftigt sich als Astrophysiker wie sein Freund Hubert Finidori („Eine Karriere, das ist ein Schlachtplan“: Oliver Möller) mit Eigenschaften und Verhalten von Himmelskörpern außerhalb des Planeten Erde.

Henri sitzt seit zwei Jahren an einer wissenschaftlichen Untersuchung, die nun kurz vor ihrer Veröffentlichung steht und die ihn, mit Huberts Hilfe, zu einem Karrieresprung verhelfen soll: Thema ist der galaktische Halo, der helle Lichthof des Gases um die sichtbaren Himmelskörper der Galaxien. Genauer gesagt: der Dark Matter Halo, die kugelförmige bis elliptische Umgebung aus dunkler Materie. Die der Mensch zwar nicht sehen kann, aber ihre Wirkung erkennt. Hubert gilt als einer der größten Kosmologie-Experten weltweit, der sich mit der Frage nach Ursprung, Entwicklung und Beschaffenheit des Kosmos beschäftigt: „Nicht erhöht und nichts transzendiert. Der Mensch allein entscheidet über das, was er ist.“

v.l. Karin Moog, Oliver Möller, Jele Brückner und Sascha Nathan.
v.l. Karin Moog, Oliver Möller, Jele Brückner und Sascha Nathan. Foto: Julian Baumann

Ein Abendessen der beiden ungleichen Freunde mit ihren Ehefrauen steht bevor. Doch Huberts Gattin Ines („Ich bin unkränkbar“: Jele Brückner) hat sich im Datum geirrt und nun stehen sie einen Tag zu früh vor Henris Haustür. „Er will einen Keks“: Dahinter spielt sich ein Familiendrama ab, das zunächst noch ausgesprochen heitere Züge trägt. Der Sohn macht Henri und Sonja (selbstbewusste Juristin und Geschäftsfrau: Karin Moog) eine Szene nach der anderen, weil er nicht einschlafen kann – oder will.

Nun stehen Hubert und Ines an der Wohnungstür. Da heißt es improvisieren mit Gebäck, Appetithäppchen und reichlich Sancerre. Hubert berichtet Henri von einer ins Internet gestellten Veröffentlichung eines mexikanischen Forschers offenbar exakt zu dessen Thema – und Henri sieht sich um die Früchte seiner jahrelangen Forschertätigkeit gebracht. Der Abend scheint gelaufen – und endet im Chaos.

In der ersten, ausführlichen Version ist Henri der total verunsicherte, vor dem Scheitern seiner Ambitionen stehende Mann, gedemütigt von seiner beruflich erfolgreichen Frau und seinem „Freund“, der mit einem Gutachten nun wohl nichts mehr für ihn tun kann. Und Sonja ist hin- und hergerissen zwischen dem Abscheu über Huberts vermutlich gezielte Indiskretion und seiner Männlichkeit. Ines dagegen versucht so verzweifelt wie vergeblich, sich auf Henris Seite zu schlagen, um ihrer eigenen Situation, der einer grauen Maus an der Seite des erfolgreichen Forschers, welcher jetzt sogar in die Akademie der Wissenschaften aufgenommen wird, wenigstens einen Abend lang zu entfliehen. Sie glaubt keinesfalls, „dass der Mensch ein Nichts im Universum ist.“ Sondern fragt im Gegenteil: „Was wäre das Universum ohne uns?“ Ihre Antwort: „Ein Ort des Trübsinns, der Düsternis, ohne ein Gramm Poesie.“

Zu modifizierten Konstellationen und Koalitionen kommt es in den beiden weiteren „Leben“ genannten Durchgängen, wobei jeder mit jedem und jeder für sich selbst kämpft. Am Ende verbünden sich die beiden Frauen in ihrer Rolle als Mütter, um das quengelige Kind zu besänftigen. Und die beiden Männer sehen einer erfolgreichen gemeinsamen Zukunft entgegen, nachdem Henri durch ein Telefonat mit seinem vermeintlichen Konkurrenten aus Mexiko geklärt hat, dass beide Forscher zwar am gleichen Thema arbeiten, jedoch unter gänzlich anderen Aspekten und mit entgegengesetzten Resultaten. Hubert Finidori, der im ersten „Leben“ noch vorrangig Konkurrenten ausschalten wollte, spricht nun von der Notwendigkeit gemeinsamen Forschens auf dem Weg zu einer Allheitstheorie: mit einer solchen Formel könne man einer „Welt ohne Trennung“ näher kommen und damit die Erkenntnis des von ihm zitierten französischen Mathematikers und Physikers Jules Henri Poincaré überwinden, nach der die Wissenschaft niemals die letzte Wahrheit der Objekte beobachten und beschreiben kann, sondern nur die Relationen zwischen realen Objekten.

Am Ende alles in Butter? Mitnichten! Denn die Grundkonstellation, hier die harte, erfolgreiche, sich nun aber gegen Huberts Anmache wehrende Geschäftsfrau und der verunsicherte Wissenschaftler (Henri: „Eine brillante Frau und ein Versager“), aber zugleich liebevolle und kompromissbereite Vater, dort der erfolgreiche Forscher und Macho und die gedemütigte Hausfrau, bleibt die gleiche, nur der Grad der Abhängigkeiten zwischen den beiden Männern hat sich geändert. „Von einer absurden Freude in eine ebenso absurde Melancholie zu wechseln“ weiß Henri: „Das alles beruht doch auf nichts.“

Zwanzig Jahre nach der grandios-federleichten Uraufführung Luc Bondys am Wiener Burgtheater in der unvergesslichen Besetzung Ulrich Mühe, Susanne Lothar, Sven-Eric Bechtolf und Andrea Clausen hat Andrea Breth im Januar 2020 das sprachlich so elegante wie pointenreiche Konversationsstück Yasmina Rezas am Berliner Ensemble herausgebracht – mit einem nicht weniger bemerkenswerten Darsteller-Quartett: Nico Holonics, Constanze Becker, August Diehl und Judith Engel. Über zwei pausenlose Stunden erneut großartiges Schauspielertheater, das dank eines spielfreudigen Quartetts lustvoller Übertreibungskünstler auf der raffinierten Drehbühne Raimund Orfeo Voigts die Abgründe hinter der oftmals sehr heiteren Fassade dieser alles andere als boulevardesken Zimmerschlacht freilegt. Die bei den Ruhrfestspielen 2020 geplanten Vorstellungen mussten leider corona-bedingt ausfallen.

Nach der Bochumer Erstaufführung 2004 am Prinz-Regent-Theater, Sybille Broll-Pape inszenierte mit Dino Nolting, Maria Ammann, Udo Thies und Sabine Weisshaar, nun eine Neuinszenierung der früheren Bochumer Schauspielerin Martina Eitner-Acheampong, die sich unserer Zeit annähert (Alexa-Technik im Smartphone, „Abstand“-Extempores), vor allem aber über gut einhundert pausenlose Minuten ein freudiges Wiedersehen mit vier Bochumer Ensemblemitgliedern der Goerden-Intendanz ermöglicht. Welche auf einer mit nur wenigen Designer-Requisiten ausgestatteten elliptischen Weltenscheibe des Bühnenbildners Jan Steigert immer wieder aus ihren Rollen fallen: in ihrer ersten Bochumer Inszenierung setzt die Regisseurin auch mit dem exaltierten Spiel ihrer Protagonisten Zeichen gegen die Aufführungstradition des nur scheinbar in die Jahre gekommenen Stücks.

Martina Eitner-Acheampong will die Spiegelung des wissenschaftlichen Hintergrunds des Stücks, in den bisherigen Inszenierungen völlig übergangen, im Handeln der Personen beleuchten, was sich freilich neben surrealen Momenten der Erinnerung, der Träume und der (Selbst-) Reflexion der Figuren vor allem in der Ausstattung niederschlägt (skurrile Kostüm-Accessoires im dritten Leben: Valerie Hirschmann). Die Regisseurin im Programmheft: „Unsere Videoellipse über der Spielfläche ist auch ein Halo, und sie ist ein Spiegel, der ein anderes Universum zeigen kann. Und sie ist auch immer wieder eine Fläche, in der man Alltagsgegenstände in anderer Wahrnehmung sieht, Gegenstände, die eigene Universen bilden: ein Küchenschwamm, verschüttete Kondensmilch. So haben wir drei Leben und drei Universen auf der Bühne: Die Spielfläche selbst, die, hochglänzend, ein (kopfstehendes) Spiegelbild erzeugt und der Video-Halo, in dem wir ein drittes Universum aus Bildern sehen.“

„Drei Mal Leben“ feierte am 2. Oktober 2020 Premiere im Schauspielhaus Bochum. Die weiteren Vorstellungen am 16., 17. und 18. Oktober 2020 sind ausverkauft, im November 2020 steht das Stück nicht auf dem Spielplan. Bleibt die Hoffnung auf den Dezember 2020.

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