'Fünf gelöschte Nachrichten'

„Das“ Corona-Drama am Schauspiel Essen

Der Schauspieler K (Dennis Bodenbinder) begegnet in Pandemie-Zeiten vor dem Kühlschrank nur sich selbst. 'Fünf gelöschte Nachrichten' - DAS Corona-Drama am Schauspiel Essen.
Der Schauspieler K (Dennis Bodenbinder) begegnet in Pandemie-Zeiten vor dem Kühlschrank nur sich selbst. 'Fünf gelöschte Nachrichten' - DAS Corona-Drama am Schauspiel Essen. Foto: Markus Hesse

„Ich bin Faust!“ behauptet der junge Schauspieler K (grandioses Solo: Dennis Bodenbinder gibt nach dem langen Corona-Lockdown alles), und beglaubigt das mit den ersten Versen aus der Tragödie erstem Teil: Habe nun, ach! Philosophie, / Juristerei und Medizin / Und leider auch Theologie / Durchaus studiert, mit heißem Bemühn…

Da steht er nun, der arme Tor, in seinem Studierzimmer. Durch den Ausbruch der Pandemie ganz auf sich selbst zurückgeworfen wie „die“ Figur, welche er verkörpern soll. Und zwar in Peter Steinschem Ausmaße ungekürzt in beiden Teilen. Worauf sich K, der wohl nicht von ungefähr so heißt wie der Protagonist in „Der Process“ im absurden Theater Franz Kafkas, aber auch der Keuner-Parabeln Bert Brechts, akribisch vorbereitet hat.

Die Nachrichtenlage stimmt fatalistisch: Dennis Bodenbinder als K. 'Fünf gelöschte Nachrichten' - DAS Corona-Drama am Schauspiel Essen.
Die Nachrichtenlage stimmt fatalistisch: Dennis Bodenbinder als K. 'Fünf gelöschte Nachrichten' - DAS Corona-Drama am Schauspiel Essen. Foto: Markus Hesse

Über dem Etagenbett linker Hand hängt eine Reproduktion der Tischbein-Inkunabel „Goethe in der Campagne“ neben einem Porträtfoto Samuel Becketts, mittig neben dem Trumm von Kühlschrank mit Ice Crusher und über dem Bücherbord rechts weisen Plakate, darunter „Warten auf Godot“ und Gustaf Gründgens in seiner Paraderolle im „Faust“, auf die Säuleinheiligen der Zunft hin. Und der mit Pizza-Kartons verstopfte Abfalleimer in der Einheitsbühne der Ausstatterin Marlene Lücker auf die Dauer des gecancelten Lebens nach Schließung der Theater.

K tigert von einer Ecke des Raumes in die andere, würdigt der sich auf dem Schreibtisch stapelnden Sekundärliteratur kaum eines Blickes, sucht verzweifelt nach Möglichkeiten, seiner Einsamkeit in der verordneten Isolation zu entkommen. Doch die Freundinnen von einst haben selbst eigene Probleme genug und sind im Zweifelsfall inzwischen verheiratet. Was bleibt angesichts der täglichen Tartarenmeldungen in der „Tagesschau“? Netflix streamen was das Zeug hält, Junk Food vom Imbiss um die Ecke in sich hineinstopfen, durch abstruse Alltags-Selfies (Magerquark mit Gurke zur inneren und äußeren Anwendung) mit der Social Media Community in Kontakt bleiben. Doch immer ist es 17 Uhr und stets begegnet K vor der geöffneten Kühlschranktür nur sich selbst.

Für den YouTube-Dauerkonsumenten sind die letzten Tage der Menschheit angebrochen, weshalb er, wenn auch wohl nur im (Alp-) Traum, Ausbruchsversuche unternimmt. Real durch die Wand, aber auch in Gedanken um das Große und Ganze – von der Massentierhaltung über den Schlachthof bis hin zu den Corona-Inzidenzzahlen will er die Zusammenhänge begreifen. Und greift immer wieder vergeblich zum Handy: Message deleted.

„Fünf gelöschte Nachrichten“ bleiben von K’s Bedürfnis nach persönlicher Zuneigung und menschlicher Wärme. Der Autor Falk Richter, langjähriger Hausregisseur an der Berliner Schaubühne, lässt uns in seinem Monodram in das Innenleben eines Künstlers blicken, dessen Kreativitätspotential seit geraumer Zeit brach liegt ohne Aussicht auf Besserung. Die Auftragsarbeit für das Kunstfest Weimar, wo sie in der Inszenierung des Autors am 28. August 2020 uraufgeführt worden ist, erscheint heute geradezu prophetisch, konnte man zum damaligen Zeitpunkt doch nicht ahnen, wie lange die Corona-Pandemie samt Einschränkung individueller Freiheitsrechte wie der Berufsausübung und die damit verbundenen finanziellen und psychischen Probleme unsere Gesellschaft bis hin zur Spaltung verunsichern.

In der Essener Casa inszeniert mit Damian Popp erstmals ein Regiestudent der Folkwang Universität. In seiner Abschlussinszenierung agiert mit Dennis Bodenbinder ein junges Essener Schauspiel-Ensemblemitglied auf der intimen Bühne: er spricht, spielt und tanzt den Protagonisten K, schwitzt ihn förmlich aus in seinem über 75 pausenlose Minuten körperbetonten Spiel eines unmittelbar selbst Betroffenen. Authentischer kann Theater nicht sein – und bleibt dennoch ein Spiel. Endlich wieder live!

Wieder auf dem Spielplan am 11., 16., 17., 24., 26. und 30. Juni 2021 in der intimen Nebenspielstätte Casa des Schauspiels Essen, Karten über die TUP-Homepage.

Juni
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Freitag
Freitag, 11. Juni 2021 Casa am Schauspiel Essen , Theaterpassage Theaterplatz 7 , 45127 Essen
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