Ende ohne Schrecken

Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

Start für die Corona-Schutzimpfung in Herne (NW), am Sonntag (27.12.2020). Am späten Vormittag wurden im Altenheim am Koppenbergs-Hof rund 100 Bewohner und rund 70 Mitarbeiter zum ersten Mal mit dem zugelassenen Impfstoff von BionTech/Pfizer geeimpft.
Start für die Corona-Schutzimpfung. Foto: Stefan Kuhn

Derzeit beunruhigen uns Meldungen von Impfstoffmangel und Virusmutationen. Wie das Leben in Zukunft mit Sars-CoV-2 aussehen wird, so ganz genau weiß man das noch nicht. Es wird, das ist sicher, in den nächsten Monaten noch zu zahlreichen schweren Covid-19-Erkrankungen und Todesfällen durch das Virus weltweit kommen. Eintausend Tote pro Tag nur in Deutschland, von denen 200 z. T. deutlich unter 70 Jahre alt sind und somit noch viel Leben vor sich gehabt hätten, das ist schwer zu ertragen. Angesichts der Tatsache, dass viele Menschen offensichtlich immer noch nicht begriffen haben wie sich das Virus ausbreitet, nämlich durch engen Kontakt und über Aerosole in geschlossenen Räumen, scheinen die derzeitigen Zwangsmaßnahmen alternativlos. Aber so wird es nicht bleiben. Inzwischen wird ein Impfstoff nach dem anderen zugelassen, da kann man schon mal etwas weiter in die Zukunft blicken.

Eines muss man bei diesem Virus gleich vorweg sagen: Es wird nicht verschwinden wie sein älterer Bruder SARS-CoV-1 von 2002. Das war einfach nicht ausreichend infektiös, um sich über einzelne, lokal begrenzte Endemien in Südostasien hinaus ausbreiten zu können.

Andrerseits ist SARS-CoV-2 auch nicht so ein schwieriger Gegner wie die Erreger von HIV, Herpes oder sogar Influenza. Es hat kaum effektive Strategien, das menschliche Immunsystem zu umgehen und es mutiert weit weniger als das Grippevirus, das für jede Grippesaison eine andere Impfstoff-Formulierung benötigt.

Man wird SARS-CoV-2 aber nicht ausrotten können wie die Pocken. Im Gegensatz zu Covid-19 hatte diese Krankheit einige widerwärtige Eigenarten, die die Motivation zur Ausrottung massiv befeuerten: Sie verursachte nicht nur fürchterliche Symptome, wie einen schrecklich schmerzhaften Hautausschlag und schlimme Allgemeinsymptome. Selbst bei Ausheilung waren die Betroffenen am ganzen Körper entstellt. Mindestens 30 Prozent der Patienten verstarben, einhundert mal mehr als bei Covid-19. Vor allem befielen die Pocken Menschen jeden Alters. Alle, auch die jungen Leute, hatten Angst davor. Deshalb wurde die allgemeine Impfpflicht gegen Pocken, die es im Deutschen Reich seit 1874 gab und in der BRD erst 1983 aufgehoben wurde, auch nicht ernsthaft bekämpft. Die weltweite Impfkampagne der Jahre 1967 bis 1980 hatte aber vor allem eine günstige Voraussetzung: Der Westen war sich mit dem Ostblock ausnahmsweise bezüglich dieses Ziels mal einig. Auch die Kinderlähmung ist durch weltweite Impfkampagnen fast verschwunden. Die Masern wehren sich, unterstützt von neurotischen Impfgegnern, noch ein wenig.

Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.
Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey. Foto: Wolfgang Quickels

Mit dem Versuch der Ausrottung von SARS-CoV-2 würde man es ungleich schwerer haben. Weil ein enormer Teil der Infektionen symptomlos verläuft, haben wir es mit einer gigantischen Dunkelziffer zu tun. In Deutschland, wo immerhin die an Covid-19 Verstorbenen einigermaßen präzise gezählt werden, wird nur etwa ein Zehntel der Infizierten identifiziert. Bei mildem Verlauf ist Covid-19 auch nur schwer von anderen Atemwegsinfekten zu unterscheiden. Wenn durch die Impfung schließlich eine Herdenimmunität erreicht ist, kann man SARS-CoV-2 aus dem dann wieder einsetzenden Wust der Erkältungs- und Grippefälle kaum noch herausfiltern.

Zum zweiten können offenbar Tiere wie Katzen, Frettchen, Nerze und verwandte Arten das Virus verbreiten. Konnte man noch Millionen von Zuchtnerzen in Dänemark und Holland kurzerhand töten und verbrennen, wird die Sache bei frei herumlaufenden Haus- und Wildtieren deutlich komplizierter. Es dürfte zwar selten sein, aber über direkten Kontakt oder über den Umweg von Haustieren könnte das Virus wieder zurück zum Menschen gelangen. Eine erfolgreiche Ausrottungskampagne könnte auch daran scheitern.

Schließlich hat Covid-19 eine ziemlich perfide Eigenschaft. Weil sie überwiegend Alte und Kranke tötet, entwickelt sie eine Art pandemischer Euthanasie. So zeigt sich in der gegenwärtigen Pandemiesituation, dass große Teile vor allem der jüngeren Bevölkerungen, nicht nur in Deutschland sondern weltweit, teilweise eine geradezu zynische Gleichgültigkeit gegenüber dieser Seuche entwickeln. Alte und Kranke werden von vielen, die nicht mit ihnen verwandt sind, als unnötiger gesellschaftlicher Ballast wahrgenommen. Eines der größten Probleme dürfte daher die fehlende Kooperation der symptomlosen Überträger der Infektion sein.

Der Hauptgrund, weshalb es keine wirklich effektive Kampagne zur Ausrottung von SARS-CoV-2 geben wird, ist jedoch ein anderer: Es mag verrückt klingen, aber es lohnt sich einfach nicht. Das derzeitige Problem von SARS-CoV-2 besteht nämlich darin, dass es auf eine weltweit immunologisch naive, also wehrlose Bevölkerung trifft. Das führt geradezu zu einer Überflutung mit der Infektion. Die ist zwar für die allermeisten Menschen einigermaßen ungefährlich. Aber wenn prozentual nur wenige - und aus Sicht der Zyniker entbehrliche - Menschen schwer erkranken oder sterben, ist deren absolute Zahl doch so gigantisch, dass ohne geeignete Gegenmaßnahmen jedes Gesundheitssystem darunter zusammenbrechen würde.

Noch ächzen Pflegekräfte und Ärzte auf den Intensiv-Stationen unter der Last dieser Seuche. Für sie sind die Belastungen durch die schweren Verläufe mit dem enormen pflegerischen Aufwand und dem Massensterben körperlich und psychisch brutal. Ich bin auch nicht sonderlich optimistisch, das man sich daran noch erinnert, wenn die anlaufenden Impfungen das Problem allmählich in den Griff kriegen. Letztlich ist es aber nur eine Frage der Zeit, dass dadurch die Auslastung der Intensivstationen und die Sterblichkeit zurückgeht.

Sicher weiß man zwar noch nicht, ob durch die Impfung nur die Anzahl der symptomatischen Fälle reduziert wird und nicht das gesamte Infektionsgeschehen. Das wäre jedoch der „Worst case“ und würde jeder Erfahrung mit bisherigen Impfungen widersprechen. Zudem deuten die meisten Daten darauf hin, dass asymptomatisch Infizierte auch weniger ansteckend sind. Bei der hohen Effizienz insbesondere der mRNA-Impfstoffe rechne ich mit einer weitgehend sterilen Immunität.

Die Impfbereitschaft gerade der älteren Bevölkerung ist extrem hoch. Das wird dazu führen, dass nicht mehr Hunderte täglich sterben und nur noch wenige ernsthaft erkranken. Weil es dann kaum noch möglich ist, die Infizierten zu identifizieren, würden parallel dazu effektive Maßnahmen zur Auslöschung exponentiell aufwendiger, je stärker das Virus zurückgedrängt ist. Gleichzeitig wird aber der Nutzen geringer.

Ich bin sicher, es wird ein paar, aber nicht viele Jahre dauern und Sars-CoV-2 wird sich zu einem endemischen Erreger, also einem, der dann nur noch in bestimmten Regionen auftritt, entwickeln und langfristig ungefährlich für die Menschheit werden. So wie eine Pandemie in den Jahren 1889-1890 möglicherweise nicht auf die Grippe zurückging, sondern auf ein vom Rind übergesprungenes Coronavirus. Der Erreger könnte sich im Laufe der Jahre zu einem der bekannten, saisonal kursierenden Erkältungs-Coronaviren entwickelt haben.

Autor: