'Ein nasser Hund'

Neu im Kino

Soheil (Doguhan Kabadayi, r.) wird im Laden auf den Davidstern angesprochen.
Soheil (Doguhan Kabadayi, r.) wird im Laden auf den Davidstern angesprochen. Foto: Warner Bros.

Als Soheil (Doguhan Kabadayi) mit seinen Eltern (Dorka Gryllus und Kida Khodr Ramadan) von Göttingen nach Berlin ziehen, wo sie im Arbeiterbezirk Wedding ein Stoffgeschäft mit Schneiderei eröffnen, beginnt für den jungen iranischstämmigen Juden ein neuer Lebensabschnitt. Wedding, so klärt ihn eine Mitschülerin auf, sei „der Ort, wo du dich von deinen irdischen Fesseln befreien kannst.“

Doch zuvor muss er sich von den Fesseln seiner Herkunft befreien: Bereits beim ersten Bummel durch den Kiez wird er in einem Laden von arabischstämmigen Gleichaltrigen als „dreckiger Jude“ angefeindet, worauf er die Kette mit dem Davidstern, ein Geschenk seiner Großmutter, unterm Hemd versteckt – und später gleich daheim lässt. Besser ist das: Soheil sieht aus wie alle anderen hier, die selbstverständlich davon ausgehen, dass er als Perser Muslim ist. Zunächst erkämpft sich Soheil einen Platz bei den Straßenfußballern, dann in der Szene – als offenbar begabter Sprayer „King Star“. Und wird von der Gang seines schärfsten Konkurrenten Husseyn (Mohammad „Momo“ Eliraqui) aufgenommen.

Überfall geplant

Die sich mit Kleinkriminalität nicht länger aufhalten will, sondern einen Überfall auf das Juweliergeschäft eines Juden plant. Der wäre beinahe schief gegangen, doch Soheil lenkt die Polizisten von der Verfolgung ab, indem er deren Fahrzeug besprüht und sich widerstandslos festnehmen lässt. Künftig ist Husseyn sein bester Kumpel, der ihn sogar in die Moschee mitnimmt. Und dazu bringt, bei einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit einer rivalisierenden Kreuzberger Gang am Kottbusser Tor ein Messer zu zücken. Andererseits hat er sich in Selma (Derya Dilber), eine junge Türkin aus der Parallelklasse, verliebt und hilft ihr, Plastikdeckel für den Kauf eines Rollstuhls für Flüchtlinge zu sammeln.

Wisst ihr, was Liebe ist? Religion ist scheißegal – du liebst einfach!“: Selma (Derya Silber) und Soheil (Doguhan Kabadayi).
Wisst ihr, was Liebe ist? Religion ist scheißegal – du liebst einfach!“: Selma (Derya Silber) und Soheil (Doguhan Kabadayi). Foto: Warner Bros.

Nachdem es auf der Geburtstagsparty einer Freundin von Selma „passiert“ ist, schweben beide im siebten Himmel. Aber als Soheil sich nach einer völlig aus dem Ruder gelaufenen Graffiti-Aktion an der Schule als Jude outet, ist nicht nur Selmas Mutter (Ariella Hirshfeld) entsetzt, sondern auch die Gang um Ricky (Maradona Akhouch) und Fadi (Omar Antabli). Die stellen Soheil, der sich in der Bibliothek des Jüdischen Gemeindezentrums erstmals mit der Geschichte des Judentums und dem Holocaust auseinandersetzt, eine Falle: beim Revanche-Kampf gegen die verhassten Kreuzberger soll er ans Messer geliefert werden. Doch Husseyn hält zu ihm: „Ich liebe ihn wie einen Bruder. Ich habe den Koran gelesen, es gibt keinen Grund, Juden zu hassen.“ Aber auch er kann nicht verhindern, dass Soheil angeschossen wird...

2010 Autobiographie erschienen

„Für die Deutschen war ich ein Kanake, für die Moslems ein Jude, für die Juden ein krimineller Jugendlicher aus dem Wedding“: Die im Oktober 2010 erschienene Autobiographie „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude“ von Aryw Sharuz Shalicar, die im Titel ein iranisches Hass-Sprichwort zitiert, erzählt die wahre Geschichte einer doppelten Flucht, die damit endet, dass Soheil nun mit Frau und zwei Kindern in Jerusalem lebt mit dem Foto seines Erstgeborenen im Arm seiner offenbar glücklichen Berliner Freunde vor Augen. Es ist dennoch über gut einhundert Minuten ein pessimistischer Film geworden, weil er die ausweglose Wirklichkeit spiegelt – in Europa wie im Nahen Osten.

Der Drehbuchautor und Regisseur Damir Lukačević, Absolvent der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb), ist 1966 in Zagreb geboren und im Alter von vier Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen. Zusammen mit seinem Kameramann Sten Mende hat er diese hochpolitische Liebes- und Coming-of-Age-Geschichte ins Heute transponiert zu einem aktuellen Berlin-Porträt, das den bisher eher unterbelichteten Bezirk Wedding zu einer eigenen Hauptfigur macht. In den Hauptrollen der Jugendlichen Laiendarsteller, die u.a. beim Streetcasting auf sich aufmerksam gemacht haben. Bis auf Doguhan Kabadayi, der sich selbst via Instagram bewarb. „Ein nasser Hund“ kommt am 9. September 2021 in die Kinos, bei uns zu sehen im Metropolis Bochum, im Eulenspiegel Essen, in der Schauburg Dortmund sowie im Bambi Düsseldorf.

Autor: