Ein hoffnungsloser Fall?

Kolumne von Hans-Jürgen Jaworski

Skulpturen des schwedischen Grafiker und Bildhauer Claes Hake - Granit-Archen in Bootsform.
Skulpturen des schwedischen Grafiker und Bildhauer Claes Hake - Granit-Archen in Bootsform. Foto: Hans-Jürgen Jaworski

Der weltweit bekannte schwedische Autor Henning Mankell schrieb 2001 in dem Vorwort der deutschen Ausgabe seines Buches „Wallanders erster Fall“: „Erst als ich den achten und letzten Teil der Serie über Kurt Wallender geschrieben hatte, wurde mir klar, welchen Untertitel ich die ganze Zeit gesucht, aber nicht gefunden hatte. Als alles, oder zumindest das meiste, geschrieben war, erkannte ich, dass der Untertitel 'Romane über die europäische Unruhe' lauten müsste. …

Denn die Romane hatten stets nur ein einziges Thema variiert: Was geschieht in den 90er Jahren mit dem europäischen Rechtsstaat? Wie kann die Demokratie überleben, wenn das Fundament des Rechtsstaates nicht mehr intakt ist? Hat die europäische Demokratie einen Preis, der eines Tages als zu hoch angesehen wird und nicht länger wert, dass man ihn bezahlt? …Natürlich hat die Demokratie keinen Preis. Wenn wir einen Preis festlegen, der nicht überstiegen werden kann, haben wir die Demontage der Demokratie eingeleitet. Sie kann nur weiterleben, wenn sie als unschätzbar betrachtet wird.

'... es geht mehr um Währung als um Werte'

Skulpturen des schwedischen Grafiker und Bildhauer Claes Hake - Granit-Archen in Bootsform.
Skulpturen des schwedischen Grafiker und Bildhauer Claes Hake - Granit-Archen in Bootsform. Foto: Hans-Jürgen Jaworski

Genau an dem Tag des russischen Einmarsches in die Ukraine ist mir dieser Text in die Hände gefallen. Seitdem lässt er mich nicht mehr in Ruhe, weil mir klar geworden ist, dass die Demontage der Demokratie nicht erst in diesen Tagen passiert, sondern mehr oder weniger indirekt schon lange auch bei uns eingeleitet worden ist. Denn es geht immer um den Preis, mehr um Währung als um Werte. Das hat sich nicht nur an den Diskussionen über mögliche Sanktionen gegen Russland gezeigt, sondern vielmehr seit vielen Jahren daran, mit welchen Staaten welche Geschäfte gemacht werden. Im Zweifelsfall (oder sogar Regelfall?) ist die Maximierung des Gewinns wichtiger als eine menschenmögliche Moral, steht der Aktienkurs höher als der Anstand.

'Geld regiert die Welt'

Auf den ersten Blick scheint ein Wandel durch den Ukraine-Krieg eingeleitet worden zu sein. Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, dass dieser angedeutete Wandel irgendwann grundlegend und dauerhaft sein wird. Wahrscheinlich ist dafür die Ökonomisierung unserer Welt bis in die letzten Winkel aller Gesellschaften und Kulturen viel zu weit fortgeschritten. Der alte Spruch „Geld regiert die Welt“ hat nichts an Wahrheit verloren.

Szenenwechsel. Der bei uns kaum bekannte schwedische Grafiker und Bildhauer Claes Hake hat an verschiedenen Orten Schwedens seine Archen, Granit-Skulpturen in Bootsform, aufgestellt. Gut 600 km nördlich von Stockholm, direkt neben der E 4, stehen gleich 5 davon auf einem Acker, den 5 Kontinenten entsprechend. Die Botschaft ist klar: Die Katastrophe naht. Jeder Kontinent, also der ganze Globus, braucht so etwas wie eine Rettungsarche.

Skulpturen des schwedischen Grafiker und Bildhauer Claes Hake - Granit-Archen in Bootsform.
Skulpturen des schwedischen Grafiker und Bildhauer Claes Hake - Granit-Archen in Bootsform. Foto: Hans-Jürgen Jaworski

Seit Beginn der Corona-Pandemie bin ich mehrmals auf meinem Weg in den hohen Norden Schwedens an diesem Kunstwerk, das für mich ein Mahnmal ist, vorbeigekommen; denn ich habe in dieser Zeit das Auto dem Flugzeug vorgezogen. Und natürlich denke ich seitdem verstärkt über die alte Erzählung von Noah und der Arche nach, allein schon immer wieder wegen Corona und all dessen, was diese Pandemie bisher verstärkt, verdeutlicht und auch aufgedeckt hat. Aber seit einigen Tagen lässt mich diese Geschichte überhaupt nicht mehr los.

Man kann das getrost belächeln und diese uralte Geschichte als eine Geschichte für Kleinkinder im konfessionellen Kindergarten betrachten. Es ist auch berechtigt, ihre Historizität zu bezweifeln, weil es darum überhaupt nicht geht. Es geht um die Botschaft, um die anthropologische Aussage in ihr.

Da heißt es nämlich am Anfang: “…dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar.“ (1.Mose 6,5)

Und ich frage mich, ob sich das eigentlich geändert hat im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende. Ich glaube nicht! Die Mittel und Möglichkeiten des Menschen haben sich in einem unvorstellbaren Maße geändert - eben auch die Mittel der Zerstörung und Vernichtung. Alle philosophischen und psychologischen Konzepte von einer stufenweise Höherentwicklung der Menschheit werden jeden Tag ad absurdum geführt. Da lobe ich mir doch die primitive Entwicklungsstufe des Menschen, auf der Keulen und Stöcke noch eine Rolle spielten. Das Wissen der Spezie Mensch hat sich weiter-und höherentwickelt, aber nicht ihr Herz. Was nützt denn das größte Wissen, wenn dazu nicht auch ein großes Gewissen gehört?!

Ist die Menschheit am Ende nicht doch ein hoffnungsloser Fall?

Es heißt weiter dann nach der Sintflut: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1.Mose 8,22) Der Regenbogen ist das Zeichen für dieses Versprechen.

Skulpturen des schwedischen Grafiker und Bildhauer Claes Hake - Granit-Archen in Bootsform.
Skulpturen des schwedischen Grafiker und Bildhauer Claes Hake - Granit-Archen in Bootsform. Foto: Hans-Jürgen Jaworski

Das ist die gute Botschaft der Geschichte: Der Mensch hat sich zwar nicht geändert. Dennoch gibt es keine weitere Sintflut, angeordnet von Höherer Stelle, kein zweites Gericht Gottes dieser Art.

Und es ist auch gar nicht nötig. Das besorgen wir doch glatt selbst! So könnte man sagen: Das größte Gericht Gottes ist der sich selbst überlassene Mensch - in seiner Hybris, seiner Gier und seinem Herrschaftswahn.

Wer über sich keinen mehr akzeptiert und sieht, der sieht auch nicht mehr den anderen neben sich.

Wenn ich wahrscheinlich in einigen Wochen (falls das hoffentlich möglich ist) wieder auf der E 4 nach Norden fahren werde, werde ich sicher an den 5 Archen von Claes Hake anhalten und schauen, welche Arche wohl für Europa stehen könnte; denn dieser Kontinent hätte sie in diesen Tagen am nötigsten.

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