Ein aufgeblasener Staatsepidemiologe

Eine Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

Cool Cats Schweden.
Cool Cats zum Thema Corona in Schweden und Anders Tegnell. Illustrator: Jörg Lippmeyer

Schweden hat einen Staatsepidemiologen, der für den - schmeichelhaft so genannten - „Sonderweg“ seines Landes in der Corona-Pandemie verantwortlich ist. Anders Tegnell heißt er. Jetzt hat die Funke Mediengruppe ein Interview mit ihm veröffentlicht, in dem er noch immer ignoriert, dass sein Weg in dieser Katastrophe über 5000 zusätzliche Tote gefordert hat. Dabei zeigt bereits ein relativ flüchtiger Blick auf die absoluten Zahlen, vor allem aber die Zahlen relativ zur Einwohnerzahl, dass Schweden zu den Ländern in Europa gehört, die bei den wesentlichen Messgrößen der Pandemie – Infektionszahlen, Neuinfektionen, Tote - am schlechtesten abschneiden.

Wie ist es möglich, dass dieser offensichtliche Versager, der seit Beginn der Krise eine Fehleinschätzung an die nächste reiht, immer noch im Amt ist und offenbar der größte Teil der Schweden ihm weiter vertraut? Und es kommt immer noch vor, dass Vertreter nichtschwedischer Medien mit einem Rest von Bewunderung die dort stattfindende Katastrophe beschreiben.

Erinnern wir uns: Zu Beginn der Pandemie entschlossen sich fast alle betroffenen Länder zu einem mehr oder weniger rigiden Lockdown. In Deutschland, besonders in Nordrhein-Westfalen fiel der nach meiner Wahrnehmung durchaus noch erträglich aus. Dadurch war die Pandemie bereits Ende März weitgehend unter Kontrolle. Seit Mitte April konnte der Lockdown zunehmend gelockert werden.

Mittlerweile lebt es sich bei uns genauso locker wie in Schweden. Trotzdem sind die deutschen Zahlen nach wie vor drastisch besser als die schwedischen. Dort gab es nie eine Maskenpflicht, fast alles blieb erlaubt. Sämtliche Geschäfte, Kitas und Schulen bis zur neunten Klasse, Büros, Bars, Restaurants und Fitnessstudios blieben geöffnet - und die Infektionszahlen explodierten.

In dieser Zeit erreichten die Fehleinschätzungen des Anders Tegnell und der von ihm geleitete Behörde zum Teil absurde Größenordnungen. Man hatte den Eindruck, je haarsträubender der publizierte Unsinn war, desto sprachloser waren darüber die Experten bei uns. Im Zuge der mittlerweile als abwegig erkannten Perspektive, eine Herdenimmunität ohne Auslösen einer Katastrophe erreichen zu können, publizierte Tegnells Behörde im März, auf eine nachgewiesene Infektion kämen 999 weitere unentdeckte.

Danach hätten im Raum Stockholm 10 statt 1 Million Menschen leben müssen. Selbst die schwedische Nachlässigkeit bei den Testungen führte nie zu einer Dunkelziffer, die das 30-fache der entdeckten Infektionen ausmachte (nebenbei – in Deutschland waren wir nie schlechter als 1 : 12). Damit waren sie genauso schlecht, wie Italien und Spanien, obwohl sie im Gegensatz zu diesen Länder alle Zeit der Welt hatten, sich auf die Pandemie einzustellen.

Tegnell behauptet in seinem Funke-Interview: „… zeigt, dass man auch mit einem freiwilligen Ansatz, mit Empfehlungen, Erfolg haben kann. Das kann den gleichen Effekt haben, als würde man die gesamte Gesellschaft per Lockdown lahm legen..."

Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.
Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey. Foto: Wolfgang Quickels

Schweden hat, bezogen auf die Einwohnerzahl, über fünf mal mehr Tote, über fünf mal mehr Gesamtinfektionen und nach wie vor auch über fünf mal mehr Neuinfektionen pro Tag (im durchschnittlichen Mittel des Monats Juli). Das als Erfolg zu verkaufen, ist entweder dreist oder es zeugt von völligem Realitätsverlust.

Im weiteren Verlauf des Interviews: "...und dies mit bedeutend weniger negativen Nebeneffekten. Zwangsmaßnahmen für das ganze Volk sind riskant, denn man muss ja als Gesundheitsbehörde auf die gesamte Volksgesundheit schauen und darauf, inwieweit die Effekte eines Lockdowns die Menschen so stark belasten, dass zum Beispiel die Sterblichkeit in anderen Bereichen steigt. Etwa dann, wenn sich schwerkranke Patienten nicht mehr zum Arzt trauen. Oder wenn die Zahl der Suizide steigt...“

Ich weiß nicht so genau, wie in Schweden die Menschen von den Praxen und Kliniken ferngehalten werden. Von Leuten, die sich dort sehr genau auskennen, weiß ich jedoch, dass es auch in normalen Zeiten deutlich schwieriger als in Deutschland ist, eine angemessene ambulante oder stationäre Behandlung zu bekommen. In Deutschland jedenfalls hatte man vor fünf Monaten auch die Sorge vor mehr Suiziden, Depressionen und häuslicher Gewalt. Bislang ist jedoch die Zahl der Suizide eher rückläufig, Depressionen und häusliche Gewalt sind unverändert. Ebenso ist keine nennenswerte Verschleppung von Herzinfarkten, Schlaganfällen oder Krebserkrankungen zu verzeichnen.

Zur Maskenpflicht sagt er: „Wir wissen noch immer wenig darüber, inwieweit Masken die Pandemie überhaupt dämpfen können.“ Mitnichten, Herr Tegnell. Es ist inzwischen weltweit unumstritten, das eine konsequente Maskendisziplin das Infektionsrisiko um mehr als 80 Prozent senken kann!

Zu der unverhältnismäßig hohen Zahl von Toten befragt: „...ein großer Anteil der Verstorbenen in Schweden, rund die Hälfte, wohnte in speziellen Altenheimen, wo die Ältesten und besonders Kranken leben….ich denke, dass punktuelle, fokussierte Maßnahmen etwa zum Schutz der Alten besser sind als große, breit angelegte Maßnahmen wie der Lockdown eines ganzen Landes. (...) Zudem haben wir in Schweden seit Wochen immer weniger Neuinfizierte, Patienten auf Intensivstationen und Todesfälle.“

'Katastrophaler Misserfolg'

Seine „punktuellen und fokussierten Maßnahmen“ sind offensichtlich in Schweden ein katastrophaler Misserfolg. Die Zahl der Patienten in Altenheimen in Deutschland beträgt ein vielfaches von Schweden, die Zahl der hiesigen Todesfälle nur einen Bruchteil. Wie er die Ausbreitung der Infektion in Altenheimen ohne konsequente Trennung von den Infektionsrisiken verhindern will, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Seine Meinung zur Belastung der Intensivstationen würde man bei uns im Revier wohl mit dem Spruch „mit vollen Hosen ist gut stinken“ kommentieren.

Wenn man Ü80-Patienten eine intensivmedizinische Behandlung per se verweigert, ist das sicher auch eine effektive Maßnahme, das Gesundheitswesen zu entlasten. Professor Ulf Dittmer, Epidemiologe der Uni-Klinik Essen, sagt ebenfalls im Funke-Interview: „... ist es geradezu zynisch davon zu sprechen, dass der schwedische Sonderweg erfolgreich sei. ...Deutschland hätte bei dieser Quote rund 50.000 Tote gehabt statt 9.200.“ Wenn Schweden so effektiv wie Deutschland gewesen wäre, hätte es jetzt über 5000 Tote weniger zu verzeichnen! Die Zahl der Neuinfektionen, bezogen auf die Einwohnerzahl, war im Juli gut sechs Mal höher als in Deutschland.

Während in Deutschland alle namhaften Wissenschaftler ihre Aussagen permanent am aktuellen Erkenntnisstand orientieren und sich dann auch regelmäßig korrigieren – was in der seriösen Wissenschaft Standard ist, wiederholt Tegnell regelmäßig seine in weiten Teilen nur als hanbüchener Blödsinn zu bezeichnenden Hypothesen und Fehleinschätzungen seit dem Beginn der Krise. Dass er damit ca. 60.000 Jahre menschlichen Lebens zerstört hat, scheint ihn und das schwedische Volk, dem sein Alltagsvergnügen offensichtlich wichtiger ist, nicht zu beeindrucken.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Versager vom „Format“ eines Anders Tegnell sich in Deutschland längere Zeit in einer derart verantwortlichen Position hätte halten können. So erzeugt die Corona-Krise und der Vergleich Deutschlands mit Schweden bei mir ein Gefühl, gegen das ich mich bislang eher immun wähnte: einen Hauch von Nationalstolz.

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