Die Magie der Krankenhausambulanz

Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.Foto: Wolfgang QuickelsDr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.

Vor ein paar Jahren hatte ich mir beim Heimwerken mal eine üble Risswunde am Daumen eingefangen, die genäht werden musste. Es war abends gegen 21 Uhr, also außerhalb üblicher Praxisöffnungszeiten. Mir blieb nichts anderes übrig, als die chirurgische Ambulanz eines Krankenhauses aufzusuchen. Da ich mich im St.Anna-Hospital am besten auskannte, ging ich natürlich dorthin. Vor dem Eingang der Ambulanz traf mich schier der Schock: dort saßen und standen circa 30 Menschen und warteten auf die Behandlung ihrer Beschwerden. Da meine Verletzung zwar behandlungsbedürftig aber nicht lebensbedrohlich war, willigte ich ein, zu warten, bis der allergrößte Schwung abgearbeitet war. Ein wenig war ich auch neugierig auf das, was ich im Wartebereich aufschnappen und beobachten konnte.

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Außer mir hatten nur vier der Anwesenden eine Verletzung, die akut behandlungsbedürftig war. Ein junger Mann hatte sich anscheinend den Arm gebrochen, eine junge Frau war mit dem Fahrrad gestürzt und hatte heftige Schmerzen an der Schulter, eine Frau hatte sich wohl in ihrer Küche eine tiefe Schnittwunde der Hand zugezogen – alles klare Fälle für die chirurgische Ambulanz. Ein weiterer Mann hatte offensichtlich bei einer Prügelei eine Platzwunde an der Stirn davongetragen.

Bei keinem der sonst wartenden Patienten konnte mein halbwegs geschultes Auge irgend eine Dringlichkeit für eine notfallmäßige Behandlung durch die Krankenhausambulanz entdecken. Eine kleine Beule am Kopf kann man notfalls mit einer kalten Bierflasche kühlen, für eine Hautabschürfung reicht ein Pflaster aus der Hausapotheke. Wenn man bei Übelkeit oder Durchfall zwei Stunden Wartezeit vor der Krankenhausambulanz toleriert, ist der Behandlungsbedarf grundsätzlich fragwürdig.

Gegen 23.30 Uhr trafen sechs leicht angetrunkene „Herren“, offensichtlich ein Kegelklub, ein. Einer von Ihnen hatte ein altes Blutdruckmessgerät dabei, das sie offensichtlich aneinander ausprobiert hatten. Da sie sich die Werte nicht erklären konnten, bestanden sie auf einer Nachuntersuchung durch den diensthabenden Internisten. Das alles kurz vor Mitternacht, es kostet nichts und der Arzt hat ja auch sonst nichts Wichtigeres zu tun. Eine Dame mit Rückenschmerzen beklagte sich, dass sie außer einer Schmerztablette nichts bekommen hätte, keine Röntgenuntersuchung, keine Verordnung für Massagen, keine Spritze. Alles in allem war der weitaus größte Teil der wartenden Patienten in der Krankenhausambulanz fehl am Platz: Entweder bestand überhaupt kein akuter Behandlungsbedarf oder es hätte ein Besuch in der Hausarztpraxis am nächsten Tag ausgereicht. Die meisten Fälle waren durchweg so banal und eindeutig, dass auch schlichte Gemüter dies hätten erkennen können.

Tatsächlich macht die Inanspruchnahme der Krankenhausambulanz nur Sinn bei Verletzungen: Versorgung von Fleischwunden, die genäht werden müssen oder Verdacht auf Knochenbrüche, die geröngt werden müssen. Völlig ungeeignet ist die Notfallambulanz zur Vermeidung von Wartezeiten auf einen Termin beim Facharzt.

Für alles andere gibt es den Notdienst der niedergelassenen Ärzte. Der ist für die Behandlung der meisten Fälle besser geeignet, auch für die, die seinerzeit vor der Ambulanz des St. Anna-Hospitals warteten. Im Gegensatz zu den Krankenhausambulanzen können in der Notdienstpraxis auch Verordnungen, Kassenrezepte oder Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigungen ausgestellt werden. Dort kann ein EKG angefertigt werden und ein Ultraschallgerät steht zur Verfügung.

Weshalb aber sind Krankenhausambulanzen so häufig überlaufen? Weshalb können sich die Krankenhäuser dieser Flut nicht erwehren und weshalb wollen sie das meist auch gar nicht? Das liegt zum einen an der allgemeinen Bequemlichkeit. Krankenhäuser sind nun einmal Leuchttürme, die jeder kennt. Dagegen sind die Notdienstpraxen geradezu versteckt. Bevor man sich also die Mühe macht, die Adresse der Notdienstpraxis herauszufinden, geht man also gleich ins Krankenhaus, insbesondere dann, wenn man fremd in der Gegend ist. Außerdem sind die Krankenhäuser durchaus daran interessiert, eine „Notfall-Ambulanz“ zu betreiben, auch wenn die dort erwirtschafteten Honorare die Kosten nicht decken. Über die Notfallambulanzen werden nämlich so viele stationäre Fälle generiert (es gibt Krankenhäuser, die schaffen bis zu 40 Prozent ihrer Belegung), dass sich die Ambulanz unter dem Strich doch wieder rechnet.

Eine Lösung des Problems wäre nur die Einrichtung einer Notfallpraxis an jeder Klinik. Diese müsste wirtschaftlich vom Krankenhaus unabhängig sein und alle Patienten nach Eignung für die Krankenhausambulanz filtern. So simpel diese Lösung wäre, so utopisch ist sie angesichts der unterschiedlichen Interessen der Beteiligten – Patienten, niedergelassene Ärzte, Krankenhäuser, nicht zuletzt der Krankenkassen – und der Behäbigkeit der politischen Entscheidungsträger.

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Text: Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey 18. März 2017, 13:44 Uhr