Besondere Beziehung zwischen Täter und Opfer
'Die Frau in Blau' mit Joachim Król
Während der Autofahrt auf einem engen Waldweg küsst sich ein junges Liebespaar so intensiv, dass der Fahrer, es ist der Berufsfotograf Denis Reuter (Jonas Nay), einen Moment nicht aufpasst und ein älteres Ehepaar anfährt. Während die Frau sofort tot ist, überlebt der Mann schwer verletzt. Alfred Hansen (Joachim Król) kann sich nach einem Schädel-Hirn-Trauma, so jedenfalls die Ärzte, weder an seine verstorbene Gattin noch an den Unfall erinnern. Denis, der in der Gerichtsverhandlung mit einer Bewährungsstrafe von 18 Monaten und zweijährigem Führerscheinentzug davongekommen ist, hat alle Schuld auf sich genommen und die Beifahrerin, seine Freundin Luana (Nairi Hadodo), verschwiegen.
Wofür ihm die Modedesignerin auch dankbar ist, aber sie leidet wie Denis, der seinen Beruf an den Nagel gehängt hat und sich als Pächter einer „Boots-Bar“ über Wasser hält, unter Schuldgefühlen. Sie hat sich von Denis getrennt und sich dem Opfer Alfred genähert, der tagsüber bei Martha (Judith Bohle) in der Kunsttherapie-Gemeinschaft „Die Maler“ tätig ist, abends aber in die eigenen vier Wände zurückkehren kann. Als Denis nach zwei Jahren seinen inzwischen zur Plastikkarte geschrumpften „Lappen“ zurückbekommen will, muss er die Frage der amtlichen Psychologin Ellen Steinmann (Stephanie Schadeweg), ob er sich inzwischen bei Alfred Hansen entschuldigt hat, verneinen. Und sich weiterhin mit dem Fahrrad durch Mainz fortbewegen.
Geld beruhigt die Nerven nicht
Also kramt Denis die alten Akten der Staatsanwaltschaft heraus, erkundigt sich nach Alfred und betritt das Gebäude der „Maler“, wo er von der quirligen Iris (Amelie Gerdes) erst einmal durch die Räume und schließlich zu Alfred geführt wird. Seine Gemälde tragen sämtlich den Titel „Blau – Rot – Gelb“ – bis auf eines: „Die Frau in Blau“. Denis hat sogleich das Polizeifoto von der im Gras liegenden toten Gattin des Malers im Kopf, so ganz ohne Erinnerung an den Unfall ist Alfred also nicht. Weil er nicht die Kraft hat, sich ihm gegenüber als Fahrer des Unfallautos zu erkennen zu geben, kauft er Alfred für 900 Euro ein Bild ab. Was seine Nerven aber nicht beruhigt, zumal das Geld in Marthas Gemeinschaftskasse landet.
Plötzlich steht die ganze „Maler“-Truppe vor seiner Bar: Denis muss allen wohl einen Tretboot-Ausflug versprochen haben. Alfred meint, im Wasser das Bild seiner Gattin, das mit seinem Gemälde verschmilzt, zu erkennen. Dabei ist „Die Frau in Blau“ gerade Teil einer Ausstellung des Galeristen Klaus Löscher (Ole Schloßhauer) und ausdrücklich unverkäuflich. Der entsprechende Hinweis muss beim Transport verloren gegangen sein, jedenfalls ziert es nach der Vernissage ein roter Punkt. Alfred lässt nicht locker, bis Denis ihm verspricht, sein Gemälde beim Niersteiner Winzer, der es für seine neuerbaute Vinothek mitten im Wingert erstanden hat, zurückzuholen…
Kaleidoskop bringt die Wende
In „Die Frau in Blau“ sind zwei Männer durch einen tragischen Moment miteinander verbunden: Der eine hat einen tödlichen Unfall verursacht, der andere dabei seine Frau verloren. Ersterer ist, will er seinen Führerschein zurückerhalten, gezwungen, Letzterem, vor dem Unfall Elektriker im Rheinhafen, in seiner neuen, durch die Hirnschädigung nur noch eingeschränkten Lebensrealität zu begegnen. Nicht zuletzt mit Hilfe seiner „Ex“ Luana kommen sich die beiden Männer näher: Denis legt nicht nur die Scheu vor Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen ab, sondern verbringt die Nächte zusammen mit Alfred vor der Galerie Löscher, um das unverkäufliche Gemälde zurückzuerhalten. Als das misslingt, ist Denis sogar zu einem Einbruch in den Niersteiner Weinbergen bereit…
Denis lässt sich in Alfreds Leben hineinziehen, auch wenn ihm der Bootsverleiher Mo Yilmaz (Harun Yildirim) die Pacht entzieht und Luana wohl nicht zurückzugewinnen ist. Es mehren sich tragikomische und geradezu groteske Szenen, aber die Verbindung beider so ungleicher Männer entwickelt sich zu einer regelrechten Freundschaft, bei dem ein selbstgebasteltes Kaleidoskop mit Luanas glitzernden Schmucksteinen aus Glas die Wende zum verhalten optimistischen Schluss einleitet.
Nähe, Zeit und Aufmerksamkeit
Angeregt von der inklusiven Hamburger Ateliergemeinschaft „Die Schlumper“, wo auch neben Mainz und Nierstein vom 24. September bis zum 26. Oktober 2024 die Dreharbeiten stattfanden, ist Ruth Thoma (Buch) und Rainer Kaufmann (Regie) ein überdurchschnittlicher Fernsehfilm gelungen, bei dem Schuld nicht über Geständnisse oder Vergebung verhandelt wird, sondern in dem es um Nähe, Zeit und Aufmerksamkeit geht. Bei allem ernsten Hintergrund sorgt das exzellente Ensemble aus Profis und Laien aber ganz bewusst auch für herrliche situationskomische Szenen.
Rainer Kaufmann über Joachim Król: „Die Gefahr wäre gewesen, eine Behinderung zu spielen. Joachim hat genau das Gegenteil getan: Er hat reduziert, weggelassen, sich der Figur anvertraut. Daraus entsteht eine große Schlichtheit – und gerade dadurch Würde. Viele der schönsten Momente im Film entstehen aus dieser Ruhe heraus.“
„Die Frau in Blau“ ist am 28. September 2025 beim Filmfest Hamburg uraufgeführt worden und wird erstmals am 21. Januar 2026 um 20:15 Uhr im „Ersten“ ausgestrahlt. Der 88-minütige Film kann bereits in der ARD-Mediathek gestreamt werden.