Die Dunkelziffer ist hoch

Gewalt gegen Frauen in der Corona-Krise

Beratungsstelle Schattenlicht Plakatwand Herne
Plakat-Aktion gegen Gewalt an Frauen und Mädchen. Foto: Beratungsstelle Schattenlicht

Die eigenen vier Wände sollten Sicherheit und Zuflucht bieten, besonders in Zeiten einer Krise. Doch für Frauen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, war die Zeit des ersten Lockdowns und die damit verbundenen Kontaktbeschränkungen eine gefährliche Zeit. Jobängste, Kurzarbeit, Ängste vor Ansteckungen mit dem Virus und Stress unter anderem auch, weil die Schulen geschlossen blieben, all das sorgte dafür, dass ohnehin schon schwierige Situationen zu eskalieren drohten.

Erstmals gibt es seit Juni 2020 eine Studie, die sich genau mit diesem Thema beschäftigt. Mitarbeiterinnen der Technischen Universität München (TUM) und des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung haben sich bei circa 3.800 Frauen im Alter zwischen 18 und 65 Jahren nach ihren Erfahrungen mit häuslicher Gewalt während des ersten Lockdowns, von April bis Mai 2020, in einer Onlinebefragung erkundigt.

Da bei solch sensiblen Fragen das Problem bestand, dass viele Frauen aus Scham schweigen, haben die Mitarbeiterinnen Prof. Dr. Janina Steinert von der Technischen Universität München und Dr. Cara Ebert vom RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, eine umfassende Messmethode entwickelt. Durch diese Methode mussten die Befragten nicht direkt Fragen zu ihren Erfahrungen mit Gewalt beantworten, sondern ihnen wurden Fragen über ein Listensystem gestellt. Hier gab es eine Auswahl an verschiedenen Aussagen und sie mussten angeben, wie viele davon auf sie zutreffen.

Körperliche Auseinandersetzungen mit dem Partner

In dieser Befragung gaben 3,1 Prozent der befragten Frauen an, dass es während des Lockdowns zu körperlichen Auseinandersetzungen mit dem Partner gekommen sei. Opfer von emotionaler Gewalt seien sogar 3,8 Prozent der Befragten geworden. Ebenso sei es bei 3,6 Prozent zu sexueller Gewalt gekommen.

Viele dieser Frauen hatten aufgrund des Lockdowns keine Möglichkeit, ihrem Partner zu entkommen. Das weiß auch Beate Kaupen, Mitarbeiterin des Frauenhauses Herne. „Wir hatten eigentlich während des Lockdowns mit einem großen Ansturm von Frauen, die sich bei uns melden, gerechnet, wie es in anderen Ländern der Fall war, aber dieser Ansturm blieb aus. Es ist anzunehmen, dass die Partner vielfach die Kontakte der Frauen reguliert haben. Durch die Kontaktbeschränkungen hatten die Frauen so gut wie keine Möglichkeit, sich bei uns zu melden. Außerdem kann es sein, dass es einigen Frauen schwerer fiel, während der Kontaktbeschränkungen einen Schlussstrich zu ziehen.“

Platznachfrage gestiegen

Weiterhin erzählt sie: „Nach dem ersten Lockdown hat die Nachfrage nach Plätzen im Frauenhaus zugenommen. Da sich viele Frauen während des Lockdowns nicht melden konnten, hatten wir jetzt wieder eine erhöhte Nachfrage. Aber wir müssen leider sagen, dass es mehr Anfragen gibt, als wir Plätze haben.“

In ganz Nordrhein-Westfalen sei es schwer, einen Platz in einem Frauenhaus zu bekommen. Die Bewohnerinnen des Frauenhauses Herne zogen im September 2020 in ein neues größeres Gebäude. Das bedeute mehr Platz und Komfort für die Frauen. Der Umzug sei auch durch Spenden mitfinanziert worden. „Wir sind sehr froh, dass die Spendenbereitschaft in der Bevölkerung trotz der schwierigen persönlichen Lagen in Zeiten von Corona trotzdem da war“, sagt die Mitarbeiterin des Frauenhauses. „Dadurch, dass wir jetzt im neuen Gebäude sind, konnten wir unser Angebot um zwei Plätze aufstocken, sodass wir nun insgesamt zehn Plätze zur Verfügung haben“, so Kaupen.

Hilfetelefon verzeichnete mehr Anfragen

Ebenso habe auch die Anzahl der Anrufe bei Hilfshotlines wie dem bundesweiten Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ während des Lockdowns zugenommen. „Im April zeigten die Beratungsanfragen beim unserem Hilfetelefon einen Anstieg, der über die üblichen Schwankungen hinausgeht“, so Stefanie Keienburg, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit des Bundesamtes für Familien und zivilgesellschaftliche Aufgaben.

Weiter führt sie aus: „Die Beratungskontakte übers Telefon und auch Online haben um etwa 20 Prozent zugenommen. Parallel zum Anstieg der Beratungskontakte sind die Beratungen im Bereich häuslicher Gewalt/Gewalt in (Ex-)Paarbeziehungen um etwa 18 Prozent angestiegen und haben sich inzwischen auf diesem höheren Niveau eingependelt.“

Genau von dieser Zunahme von Telefongesprächen und E-Mailkontakten spricht auch Susanne Wormuth von Schattenlicht Beratungs- und Kontaktstelle für Frauen und Mädchen e.V. : „Da wir ein kleiner Verein sind, mussten wir uns komplett umstrukturieren. Auch sind uns Geldquellen weggebrochen, da wir uns neben Unterstützung von der Kommune und dem Land NRW, hauptsächlich von Spenden finanzieren.“

Jedoch habe es nach Bekanntwerden des finanziellen Engpasses eine große Bereitschaft in der Bevölkerung gegeben, den Verein mit Spenden zu unterstützen. „Dafür sind wir den Menschen immer noch unendlich dankbar, dass sie mithalfen, den Fortbestand unseres Beratungsangebotes zu sichern“, so Wormuth. „Wir konnten während des Lockdowns nur telefonische Beratungen anbieten und auch jetzt ist es uns aufgrund der Corona-Schutzverordnung noch nicht möglich, wieder face-to-face zu beraten.“

Geschehnisse mit viel Scham verbunden

So sei es für einige Frauen leichter gewesen, den ersten Kontakt übers Telefon herzustellen. „Für viele Frauen ist das, was ihnen passiert, mit unheimlich viel Scham verbunden. Sie geben sich die Schuld, an dem was ihnen geschehen ist, was natürlich nicht der Fall ist“, so die Diplom-Sozialarbeiterin.

Isolierung hat zugenommen

Dennoch seien die Beratungsanfragen von Februar bis Anfang Mai 2020, während des ersten Lockdowns stark zurückgegangen. Wormuth mutmaßt, dass dies damit zusammenhing, dass die Partner selbst viel zu Hause waren und so die Frauen besser kontrollieren konnten. Die Isolierung der Frauen habe massiv zugenommen, da auch Kontrollinstanzen, wie Arbeit oder Schulen wegfielen. In einigen Gesprächen haben die Frauen geschildert, dass die Partner ihre eigene Frustration aufgrund von Kurzarbeit oder Ängsten vor Jobverlust an ihren Partnerinnen und Kindern ausgelassen haben. Dies sei nicht immer in körperlicher Gewalt gemündet, aber vielfach in verbaler und emotionaler Gewalt, so die Diplom-Sozialarbeiterin. Dennoch hätte es auch Fälle gegeben, wo sich die Frauen in akuter Lebensgefahr befanden.

Emotionale Abhängigkeit

„Das Hauptproblem aber ist es, dass die Frauen den Männern emotional ausgeliefert sind. Besonders durch den Lockdown konnten die Partner viel mehr Druck auf ihre Partnerinnen aufbauen. Es ist eine richtige Gehirnwäsche, denen die Frauen ausgesetzt sind. Es ist doch so: Wenn man immer hört, nichts wert zu sein, glaubt man es irgendwann auch“, so Susanne Wormuth.

Außerdem haben die Mitarbeiterinnen des Vereins feste Gesprächszeiten mit den Frauen vereinbart, da es meist mit einem Gespräch nicht getan sei. Dies sei jedoch schwierig gewesen, da sich durch die Anwesenheit der Partner die Termine auch öfter verschoben hätten. „Deshalb fragen wir immer bei den Frauen zu Beginn des Gespräches nach, ob alles ok ist und die Frauen offen reden können“, so Wormuth.

Ebenso seien Polizeieinsätze zu Zeiten des Lockdowns weniger geworden. „Wenn die Polizei zu einem Einsatz wegen häuslicher Gewalt gerufen wird, sprechen sie möglichst alleine mit der betroffenen Frau und informieren sie über die Hilfsmöglichkeiten, die sie in Anspruch nehmen kann. Danach schreiben sie einen Bericht und faxen eine Abschrift mit der Bitte, dass wir uns mit der betroffenen Frau in Verbindung setzen“, erzählt die Mitarbeiterin von Schattenlicht. Zu Zeiten des Lockdowns seien diese Faxe so gut wie ausgeblieben.

Was jedoch zugenommen habe war, dass sich Freunde und Familienangehörige beim Verein gemeldet hätten, mit der Bitte Kontakt zu betroffenen Frauen aufzunehmen. Das sei eine große Hilfe, aber letztendlich muss die betroffene Frau selbst den Mut finden, sich vom gewalttätigen Partner zu lösen. So versuchen die Frauen vom Verein Schattenlicht, auch unter erschwerten Corona-Bedingungen, diesen Mut zu stärken.

Jens Artschwager, Pressesprecher der Polizei Bochum, teilt auf Anfrage von halloherne mit, dass von Januar bis September 2019 die Zahlen im Bereich Häusliche Gewalt in Herne bei 466 Fällen lagen, in diesem Jahr sei die Zahl auf 343 Fälle gesunken. „Wichtig dabei ist, dass wir in diesem Deliktfeld grundsätzlich von einer signifikanten Dunkelziffer ausgehen, weil viele Opfer von einer Anzeige absehen. Wer Opfer geworden ist, fühlt sich oft hilflos, allein und ist traumatisiert.“ Um den Frauen, die häusliche Gewalt erleben, zu helfen, biete das Kommissariat für Gewaltprävention und Opferschutz ein umfassendes Beratungsangebot an und vermittelt Ansprechpartner.

Weiterhin rät er, dass betroffene Frauen im Falle einer Bedrohung die Polizei rufen sollen. Aber auch Nachbarn sollten aufmerksam sein und im Verdachtsfall „die 110“ anrufen. „Erhalten wir Kenntnis über häusliche Gewalt, sei es durch Hinweise oder Anrufen, müssen wir von Amtswegen ein Ermittlungsverfahren einleiten“, so der Pressesprecher. Ebenso sei es wichtig, dass die Betroffenen die Ereignisse zeitlich dokumentieren und sich ebenfalls Verletzungen ärztlich attestieren lassen. So gebe es im Falle einer Anzeige beweissichere Dokumente.

Die Corona-Pandemie hat dazu beigetragen, dass sich die Situation für betroffene Frauen verschlechtert hat und sie sich ihrem gewalttätigen Partner zu Zeiten eines Lockdowns oftmals nicht entziehen können. So sind Nachbarn, Familienmitglieder und Freunde in der Verantwortung, mögliche Fälle von häuslicher Gewalt Kontrollinstanzen zu melden, wenn den betroffenen Frauen selbst die Kraft dazu fehlt.

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