Corona-Leugner: Leichen pflastern ihren Weg

Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

Corona-Leugner: Leichen pflastern ihren Weg.
Corona-Leugner: Leichen pflastern ihren Weg. Illustrator: Jörg Lippmeyer

Es gibt keine Studie über das Infektionsgeschehen des SARS-CoV-2-Virus, das durch die Demonstrationen der Corona-Leugner ohne Zweifel ausgelöst wird. Die Gründe dafür sind einfach. Das Spektrum der Demonstranten reicht von Rechtsradikalen, Reichsbürgen und realitätsverlorenen Hardcore-Pandemie-Leugnern bis hin zu unbedarften Mitläufern mit gestörtem sozialen Verantwortungsbewusstsein. Wegen der grundsätzlichen Renitenz dieses Völkchens ist es schwierig, aus ihnen repräsentative Gruppen herauszufiltern. Außerdem stammen sie aus allen möglichen Teilen des Landes. Das von ihnen ausgelöste zu Infektionsgeschehen ist deshalb nicht zu verorten.

Eine Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus ist kein unvermeidbares Schicksal. Es ist allgemein bekannt, wie man sie verhindern kann – oder zumindest die Wahrscheinlichkeit dafür deutlich senken kann: Abstand halten, Hygieneregeln beachten, Maske tragen, Lüften und vor allen Dingen, Kontakte auf ein Minimum begrenzen. Wenn jeder im Lande das beherzigt hätte, bräuchten wir jetzt keinen Lockdown. An der Spitze der Infektionsketten stehen diejenigen, die diese Regeln prinzipiell, sei es aus Renitenz, Dummheit oder Verantwortungslosigkeit, ignorieren. Deshalb reicht der gesunde Menschenverstand, um einschätzen zu können, wie es zu dem gegenwärtigen Massensterben kommen konnte.

In Sachsen wütet das Coronavirus ungebremst, bezeichnenderweise in dem Bundesland, das die Corona-Leugner-Partei AfD neben Thüringen zu ihrem Basislager machen konnte. In keinem anderen Bundesland breitet sich das Coronavirus derzeit schneller aus als im Freistaat. In 6 der 13 Landkreise und kreisfreien Städte lag der Inzidenzwert zwischenzeitlich deutlich über 500 oder knapp darunter. Bis auf Leipzig und den Vogtlandkreis liegen alle weit über 300.

Die Erklärungen seitens der Politik muten eher als Ausreden an. So sieht die sächsische Gesundheitsministerin Petra Köpping die Ursache im engen Familien- und Freundesleben auf dem Land. Im MDR meinte die Ministerin, in den Dörfern sei das Sicherheitsgefühl größer und die Leute somit unvorsichtiger. Der starke Zusammenhalt sei zwar schön, „doch diese engen freundschaftlichen Bande, diese engen Familienfeiern im Dorf, die führen dazu, dass man in diesen Kreisen sehr leichtsinnig wird". Man wisse, dass knapp 25 Prozent der Infektionen bei Familienfesten und Partys zustande kommen. „Eben da, wo sich Menschen für längere Zeit treffen und näherkommen.“ Dazu gehören auch „kleine Dorffeste“, so die Gesundheitsministerin.

Moderater titelte vor kurzem die Sächsische Zeitung: „Sachsen hat die meisten Corona-Leugner." Sie bezog sich auf eine Studie der Deutschen Bank. Darin heißt es: „Die Befragten in Sachsen sehen häufiger als in anderen Bundesländern keine Krise im Zusammenhang mit Corona.“ Verschwörungsideologien und Protestbewegungen stoßen im Freistaat durchaus auf fruchtbaren Boden. Dieser Boden ist in den entlegenen Dörfern offenbar besonders fruchtbar.

Gegenüber dem Spiegel sagte der Leipziger Historiker und Politikwissenschaftler Michael Lühmann, in Sachsen seien „Renitenz und Protest seit Jahren gereift“, eben in jenen Gebieten, wo zurzeit die Infektionszahlen in die Höhe schnellen. Hinzu kommt laut Lühmann die Nähe zur AfD, die sich im Zuge der Pandemie zur Anti-Corona-Partei gemausert hat.

Die Speerspitze der „Querdenker“-Bewegung sind die Rechtsradikalen, Hooligans und Reichsbürger. Die Initiatoren der Bewegung versuchen zwar den Eindruck zu vermitteln, sie hätten mit denen nichts zu tun. Es ist jedoch offensichtlich, dass sie massenhafte Verknüpfungen in die rechtsextreme Szene haben. Die nächste Ebene sind die Hardcore-Corona-Leugner, geringfügig weniger gewalttätig, aber genauso radikal in der Wortwahl. In ihrem Kondensstreifen folgen die simplen Ignoranten und am Ende die Menschen, für die nur der eigene Spaß im Mittelpunkt steht. Diese Zeitgenossen werden stur und unbeirrt ihr eigenes Interesse verfolgen, egal wie groß die Krise ist. Selbst wenn ein Teil von ihnen die Existenz des Virus und sogar die Notwendigkeit eines Lockdowns nicht grundsätzlich infrage stellt, sind sie für Bitten um Disziplin doch weitgehend immun. Alle zusammen machen sie die 40 Prozent der Bevölkerung aus, für die Einsicht und Vernunft kein Maßstab ihres Handelns sind. Sie tragen schließlich die Infektion in den privaten Bereich und in die Fläche. Ein effektiver Schutz der vulnerablen Bevölkerung wird dann zur Illusion und am Ende pflastern Leichen ihren Weg.

Wenn dann noch prominente Politiker wie Boris Palmer in unbedachten oder Christian Lindner in berechnenden Dampfplaudereien das Risiko relativieren, hat das vor allem in der großen Gruppe der egoistisch Nachlässigen eine verheerende Wirkung auf die Disziplin. Da hilft es auch nichts, dass Palmer in seiner Stadt Tübingen ein durchaus erfolgreiches Management der Krise praktiziert. Selbst die Notwendigkeit des harten Lockdowns stellt er ja nicht infrage. Wenn er aber den Eindruck vermittelt, als würde ihm der Weg der Schweden gefallen, die sich zum institutionellen Alibi der Corona-Leugner entwickelt haben und gerade in der zweiten Welle absaufen, muss er sich die Frage stellen lassen, wie viele Tote er damit am Ende verantworten will.

Es wurde dringend Zeit, dass auch unsere Politiker es einsehen: Das disziplinlose Lager von den ideologisch verpeilten Corona-Leugnern bis hin zu den „Schluffis“ kann man mit Appellen nicht erreichen. Denen ist es egal, wie viele Tote sie produzieren, selbst wenn es die eigene Oma, Opa, Papa oder Mama trifft. Verblendung, Dummheit, Blindheit und Verantwortungslosigkeit sind nur mit den rustikaleren Mitteln des Rechtsstaates zu neutralisieren. Sonst pflastern die Leichen auch den Weg der zaudernden Politiker.

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