Das vorläufige Ende von bunten Tattoos

Nach EU-Verbot: Herner Tätowierer klagen über Einbußen

Tätowierer vom Tattoostudio Baker Street an der Bochumer Straße bei der Arbeit. Bunte Farben sind vorerst ab Anfang Januar 2022 verboten.
Vorerst nur noch schwarz-weiß: Tätowierer vom Tattoostudio Baker Street bei der Arbeit. Bunte Farben mit laut EU-Verordnung mit "falschen" Inhaltsstoffen ab Anfang Januar 2022 verboten. Foto: Faloco Fotografie

Das Ende kam mit längerer Ankündigung und doch irgendwie plötzlich: Seit Dienstag (4.1.2022) verbietet eine neue EU-Verordnung viele Inhaltsstoffe, die in diversen gängigen Tätowierfarben enthalten sind. Beschlossen wurde das bereits 2020. Es bedeutet konkret: Künftige Tattoos werden auf der Haut nur noch in schwarz-weiß gestochen, farbliche Körperverzierungen sind vorerst nicht möglich - auch bereits angefangene, aber unvollendete bunte Tattoos dürfen nicht weiter bearbeitet werden. Immerhin: Für die noch nicht fertigen Werke gibt es noch Hoffnung.

Die Europäische Chemikalienverordnung „Reach“ soll dazu beitragen, dass gefährliche Stoffe in Produkten erkannt und entsprechend verboten oder angepasst werden. Nach der neuen Reach-Anpassung sind Tattoo-Farben mit bestimmten Konservierungs- oder Bindemitteln nun verboten, da sie allergische Reaktionen auslösen könnten. Die Europäische Che­mikalienagentur (ECHA) betont dabei auf ihrer Webseite, dass das Ziel der Vorgabe nicht sei, Tätowierungen zu verbieten, sondern Tätowierfarben sowie Permanent-Make-up sicherer zu machen.

'Blau 15' und 'Grün 7'

Genauer geht es um die beiden Pigmente „Blau 15“ und „Grün 7“. Die Begründung der ECHA dazu: „Diese beiden Pigmente wurden durch die Kosmetik-Produkt-Regulation bereits beschränkt. Und wenn sie nicht mehr auf der Haut erlaubt sind, sollten sie auch nicht in der Haut erlaubt sein.“

Tätowierer vom Tattoostudio Baker Street an der Bochumer Straße bei der Arbeit. Bunte Farben sind vorerst ab Anfang Januar 2022 verboten.
Gezeichnet werden die Tattoos weiterhin, bis neue Farben mit passenden Inhaltsstoffen verfügbar und vorhanden sind, bleiben die Zeichnungen schwarz-weiß. Foto: Faloco Fotografie

halloherne hat mit zwei Tattoostudios aus Herne über das Farbverbot gesprochen - trotz hoher Nachfrage von Kunden fanden sie Zeit für ein kurzes Gespräch.

Hohe Einbußen

Jana Wojczewski, Inhaberin von Pott.Ink an der Straße 'Aschebrock' in Holsterhausen, klagt über hohe Einbußen, die durch die neue Verordnung entstehen. „Wir müssen Farbe im Wert von über 1.000 Euro wegwerfen, das ersetzt uns niemand“, berichtet die Chefin. „Toni, eine unserer Tätowiererinnen, sticht nur bunte Tattoos, zum Beispiel im Comicstyle. Sie kann momentan ihre eigenen Projekte gar nicht fortführen.“

Mit den bisherigen Tattoofarben vorerst nicht mehr möglich: Ein buntes Tattoo mit den drei Pokémon (von unten) Nebulak, Alpollo und Gengar.
Mit den bisherigen Tattoofarben vorerst nicht mehr möglich: Ein buntes Tattoo mit den drei Pokémon (von unten) Nebulak, Alpollo und Gengar. Foto: Faloco Fotografie

Mit der neuen Verordnung sei es nach den mehrfachen Lockdowns und damit verbundenen Arbeitsverboten ein erneuter Schlag in die Magengrube. „Die Kunden werden einfach bevormundet. Sie werden im Vorfeld über mögliche Risiken aufgeklärt und unterschreiben dann selbst. Raucher sehen auch die Warnhinweise auf den Packungen und dürfen dann trotzdem Zigaretten kaufen“, ist Wojczewski verärgert. So hätten Personen die Entscheidung getroffen, die von der Materie wenig bis gar keine Ahnung hätten. „Unsere Kunden haben sich nicht bei uns beschwert, sie sind viel mehr sauer auf die EU.“

Überstunden vor Weihnachten

Da sich Pott.Ink noch bis einschließlich Sonntag, 9. Januar 2022, im Urlaub befindet, seien in den vergangenen Tagen die Anrufe und Anfragen über noch kurzfristige Termine mit farbigen Tattoos ausgeblieben. „Vor Weihnachten hatten wir aber noch einige Leute auf der Warteliste und einige von uns haben Überstunden gemacht“, berichtet die Inhaberin.

Tätowierer vom Tattoostudio Baker Street an der Bochumer Straße bei der Arbeit. Bunte Farben sind vorerst ab Anfang Januar 2022 verboten.
Ein Blick in das Tattoostudio Baker Street an der Bochumer Straße. Foto: Faloco Fotografie

Und was machen nun diejenigen, die ein halbfertiges, farbiges Tattoo auf ihrem Körper haben? „Die müssen warten, bis passende Farben ohne die verbotenen Inhaltsstoffe verfügbar sind.“

'Fühlt sich an wie Schikane'

Auch Samira Maaß, Inhaberin des Tattoostudios Baker Street an der Bochumer Straße, trifft die neue Verordnung hart: „Es fühlt sich für uns Selbstständige schon an wie Schikane. Erst die monatelangen Schließungen wegen der Pandemie und dann die neuen Auflagen."

Weiter führt sie aus: „Wir können momentan noch nicht viele Infos an unsere Kunden weitergeben, weil wir selbst noch keine großen Informationen haben, wie es weiter geht. Man kommt sich unprofessionell vor, obwohl man selbst nichts dafür kann."

Tätowierer vom Tattoostudio Baker Street an der Bochumer Straße bei der Arbeit. Bunte Farben sind vorerst ab Anfang Januar 2022 verboten.
Personen mit halbfertigen bunten Tattoos müssen erstmal warten. Foto: Faloco Fotografie

Die Reach-konformen Farben seien in ihrer Anschaffung teurer als die bisherigen und aufgrund der hohen Nachfrage könne man sie derzeit schwerer erwerben. Maaß habe aber bereits die Reach-konformen Schwarz- und Grautöne rechtzeitig bestellt und kann diese nun verwenden.

Materialkosten im Jahr 2021 insgesamt gestiegen

Insgesamt seien aber die kompletten Materialkosten für Tätowierer im Jahr 2021 gestiegen. Dazu zählen neben den Farben auch spezielle Seifen, Nadeln, Hygienemittel oder auch Cremes.

Samira Maaß will sich noch nicht festlegen, was die neue Verordnung für ihre Existenz als Selbstständige bedeutet. „Natürlich hat man etwas Angst um seine Existenz. Momentan ist alles noch total undurchsichtig. Aber das Jahr hat erst angefangen, wir müssen einfach abwarten, was passiert", so die Inhaberin vom Studio Baker Street.

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