Verwirrende Begrifflichkeiten

Eine Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.
Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey. Foto: Wolfgang Quickels

Am Sonntag (5.4.2020) habe ich mit den „Presseclub“ im Fernsehen angeschaut. Die teilnehmenden Journalisten gehörten sicher den oberen Gehaltsklassen an. Ihr ökonomischer Sachverstand schien mir bemerkenswert zu sein (obwohl ich das nur begrenzt beurteilen kann). Beim epidemiologischen Sachverstand schien mir allerdings noch ganz viel Luft nach oben zu sein. Besonders auffällig waren ihre Defizite im Umgang mit den Fachbegriffen, deren Bedeutung sie in wesentlichen Teilen offenbar nicht verstanden hatten. Von einer realitätsnahen Einschätzung der Unwägbarkeiten und Dunkelziffern waren sie weit entfernt. Umso bemerkenswerter war ihr Anspruch, Exit-Szenarien einschätzen zu können.

Allerdings ist es auch nicht so ganz einfach, alle derzeit kursierenden Fachbegriffe unter epidemiologischen und infektiologischen Aspekten immer richtig zu interpretieren. Deshalb erlaube ich mir, den Versuch zu unternehmen, die zahlreichen Begriffe, die derzeit in den Medien zu den Eigenschaften dieser Seuche kursieren, ein wenig zu beleuchten. In der Berichterstattung zu Covid-19 steht in letzter Zeit besonders die „Verdopplungszeit“ im Fokus, deshalb fange ich damit an.

Verdopplungszeit

Sie bezeichnet den Zeitraum, innerhalb dessen sich die Zahl der jemals Infizierten verdoppelt. Bei den aktuellen Zahlen reden wir aber nur über die tatsächlich erfassten Personen, bei denen durch einen Rachenabstrich der Virus nachgewiesen wurde. Eingeschlossen sind neben denjenigen, die als Virusausscheider identifiziert wurden, auch die bereits Geheilten ebenso wie die Gestorbenen. Worüber wir nicht reden ist die Dunkelziffer, also diejenigen, die infiziert sind, die Viren ausscheiden und andere anstecken können, aber keine Krankheitssymptome haben und deshalb nicht getestet werden.

Die Dunkelziffer ist die Hauptfehlerquelle bei der Ermittlung der Verdopplungszeit. Wenn nämlich mehr getestet wird, gehen mehr Infektiöse ins Netz und die Verdopplungszeit könnte kürzer erscheinen, als sie tatsächlich ist. Ebenso kann durch eine verringerte Testfrequenz eine längere Verdopplungszeit vorgetäuscht werden.

Je länger diese Verdopplungszeit, desto langsamer breitet sich die Seuche aus. Aber erst, wenn sich die Verdopplungszeit der Unendlichkeit nähert, holt die Zahl der Genesenen und somit Immunen und der Toten allmählich die Zahl der Infizierten ein. Dann gibt es keine Vermehrung der Infizierten mehr und die Seuche wäre besiegt. In China hat man diesen Zustand schon fast erreicht (Genesene in Hubei 63762, Aktive 834), in Korea (Genesene 6325, Aktive 3654) und Singapur (Genesene 282 , Aktive 826) ist man nahe dran. Solange allerdings immer noch aktiv Infektiöse auftauchen, kann jederzeit „die Post wieder abgehen“, denn der überwiegende Teil der Bevölkerung ist nach wie vor immunologisch ungeschützt. Es ist also weiter höchste Vorsicht geboten. Wenn die Zahl der Infektiösen der Zahl der Genesenen noch so schnell davon läuft, wie aktuell in Deutschland, wäre eine Lockerung der Restriktionen fatal.

Dennoch, die Zahl derjenigen, die den Infekt hinter sich haben (also die Genesenen und leider auch die Toten) steigt. Wenn die Maßnahmen zur Eindämmung der Seuche greifen, müsste irgendwann der Zeitpunkt kommen, wo sich die Differenz der geheilten Infektionsfälle plus der Toten zu den floriden Infekten verringert. Das können Sie kontrollieren, wenn Sie die einschlägigen Internetseiten (Robert-Koch-Institut, Johns-Hopkins-Universität, Tagesschau, Süddeutsche Zeitung etc.) öffnen. Dort werden die aktiven Infektionen neben den Geheilten und Verstorbenen aufgeführt.

Hoffen wir, dass der Anteil der Verstorbenen an den abgeschlossenen Infekten gering bleibt. Dabei muss aber immer klar sein, dass die Zahl der bestätigten Erkrankungsfälle, die in bürokratischer Regelmäßigkeit aktualisiert wird, nur einen kleinen Ausschnitt der tatsächlich Infizierten abbildet.

Übrigens: Im Gegensatz zur Verdopplungszeit steht die viel bekanntere Halbwertszeit. Das ist die Zeitspanne, nach der eine mit der Zeit abnehmende Größe die Hälfte des anfänglichen Werts erreicht. Diese Zahl war von besonderem Interesse während der Tschernobyl-Katastrophe bezüglich der freigesetzten radioaktiven Strahlung. Sie wurde oft mit der Zeit des vollständigen Verschwindens der Strahlung verwechselt. Das war aber nicht richtig. Sie war nur auf die auf die Hälfte des Ausgangswertes gesunken, nicht auf Null.

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