Zeichen und Wunder

Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase

Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.
Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey. Foto: Wolfgang Quickels

Sollte ich mich in diesem Gesundheitsminister geirrt haben? Das, was er bislang an Aktionen und Gesetzesinitiativen auf den Weg geschickt hat, erschien mir eher wie politische Schaumschlägerei. Eine zentrale Vergabestelle für Facharzt- und Psychologentermine löst kein Strukturproblem fehlender Ressourcen. 25 Pflicht-Sprechstunden-Zeiten für Kassenpatienten zu fordern, wo gut 90 Prozent der Praxen 30 und mehr Stunden für diese geöffnet sind, halte ich für populistische Windeier. Wenn er, wie angekündigt, allerdings die deutschlandweit geradezu chaotisch organisierte Notfallmedizin in Angriff nehmen will, dann muss er ein verdammt dickes Brett bohren. Aber es soll ja Wunder geben, auch wenn die länger als das Unmögliche dauern.

Führen wir uns vor Augen, wer derzeit die Notfallversorgung bestreitet

Da ist zum einen der kassenärztliche Notdienst der niedergelassenen Ärzte, Tel 116 117. Der ist eigentlich zuständig für alles, was nicht stationär behandlungsbedürftig ist, also Grippe, Husten, Hexenschuss etc. Die Behandlung erfolgt üblicherweise in den Notfallpraxen der KV oder per Hausbesuch. Die Wartezeiten sind in der Regel komfortabel bis zumutbar. Der diensttuende Arzt kann zudem Kassenrezepte und auch Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen ausstellen. Sollte sich eine Erkrankung als stationär behandlungsbedürftig erweisen, kann er eine entsprechende Einweisung ausstellen, die allerdings in der Notaufnahme der Klinik gerne ignoriert wird - aber dazu später mehr. An diesem allgemeinen Notdienst müssen annähernd alle niedergelassenen Ärzte teilnehmen, also auch HNO- und Hautärzte, Orthopäden, Urologen, Psychiater und Gynäkologen. Neben der Praxistätigkeit ist das eine durchaus lästige Pflicht. Viele Ärzte und vor allem die Fachkollegen, die in ihrer üblichen Tätigkeit wenig mit Allgemeinmedizin zu tun haben, lassen sich deshalb gerne vertreten. Das machen dann oft Krankenhausärzte, die sich zu ihrem Gehalt etliches hinzu verdienen können.

Nicht zu verwechseln ist damit der Notarzt, Tel 112. Das ist ein Arzt mit einer entsprechenden Zusatzqualifikation, der bei akuten, lebensgefährdenden Erkrankungen oder Verletzungen eines Patienten mit Transportmitteln des Rettungsdienstes (Notarzteinsatzfahrzeug, Notarztwagen, Rettungshubschrauber) in kürzestmöglicher Zeit zu diesem gelangt und ihn vor einem Krankenhausaufenthalt behandelt. Dabei arbeitet der Notarzt im Team mit Notfallsanitätern oder Rettungsassistenten. Aber auch dieser Rettungsdienst wird gerne für Routiinetransporte missbraucht. Es kostet in der Realität meist nichts, sich als Notfall darzustellen.

Als Drittes - und ich möchte sagen wesentliches Problem – beteiligen sich die Notaufnahmen der Kliniken an der ambulanten Medizin. Eigentlich sind diese nur für dringliche, potenziell bedrohliche Verletzungs- oder Krankheitszustände da. Weil die kassenärztlichen Notdienstpraxen oft klein und versteckt, Kliniken aber groß, weit sichtbar und bekannt sind, rennen mittlerweile Kreti und Pleti mit jedem Wehwehchen dorthin. Rund 80 Prozent der Patienten der Notfallambulanzen der Kliniken wären beim kassenärztlichen Notdienst besser und vor allem schneller versorgt. Sie verstopfen die Notaufnahme und binden wichtiges Personal. Um die dringlichen von den weniger akuten, nicht selten läppischen Fällen zu trennen, werden in den Notaufnahmen so genannte Triage-Systeme praktiziert. Als „Triage“ bezeichnete man in den Kriegen die Selektion der hoffnungslosen Verletzten von denen, die noch eine Chance hatten. In der Notaufnahme veranlasst eine „geschulte Fachkraft“ (das sind keineswegs Ärzte) ein EKG, eine Laboruntersuchung und eine Blutgasanalyse. Außerdem hakt sie eine standardisierte Checkliste an Fragen ab. Zeigen diese Werte keine akut lebensbedrohliche Situation, geht es ab in die Wartehalle, bis der diensthabende Arzt neben seiner Stationstätigkeit und der Versorgung der echt dringlichen Fälle Zeit hat. Das kann dann schon mal mehrere Stunden dauern. Die ärztliche Expertise der Kollegen des ärztlichen Notdienstes spielt allenfalls dann eine Rolle, wenn ein Krankenwagen für den Transport des Patienten gerufen wurde. Wird der Patient von Angehörigen gebracht, interessiert sich meist niemand mehr für den Einweisungsschein. Für die Kliniken sind die Notfallambulanzen, auch wenn diese selbst defizitär sind, ein gutes Geschäft. Generieren sie daraus doch zahlreiche stationäre Fälle, die die Defizite mehr als kompensieren.

Die Vorschläge von Herrn Spahn, Zusammenlegung der Notfallnummern 112 und 116117 und die Einrichtung von ärztlich besetzten Schleusenpraxen vor jeder Notaufnahme, finde ich höchst interessant, fast sogar alternativlos. Wenn er aber das derzeitige Chaos aus Bequemlichkeit, Dummheit, Verantwortungslosigkeit und Gewinninteresse auflösen will, hat er gehörig Gegenwind zu erwarten. Die Zusammenlegung der Notfallnummern 112 und 116 117 hat schon für böses Stirnrunzeln bei den Organisatoren Leitstellen des Rettungsdienstes gesorgt. Die „Deutsche Stiftung Patientenschutz“ wird wohl nicht lange mit Forderungen auf sich warten lassen. Mit Sicherheit wird die Deutsche Krankenhausgesellschaft schwerwiegende Bedenken beisteuern. Und auch die Kassenärztlichen Vereinigungen werden sich schwertun, wenn zusätzlich zu erbringende Leistungen nicht angemessen honoriert werden.

Vielleicht ist da Projekt aber auch eine erste, schüchterne Antwort auf die Bertelsmannstudie, die fast eine Kahlschlag der Kliniklandschaft fordert.

Autor: