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In Eugene O’Neills Schauspiel „Hughie“ stand Wolfgang Welt 2005 am Schauspielhaus Bochum erstmals auf den Brettern – in der stummen Titelrolle.

Wolfgang(s) Welt in wohlfeilen „Wälzern“

Wörter pflastern seinen Weg

Darauf hat die Fangemeinde des Bochumer Ausnahme-Schriftstellers Wolfgang Welt (1952 - 2016) gewartet: Der Verlag Andreas Reiffer legt in zwei je rund 400 Seiten starken Paperbacks quasi das Gesamtwerk vor. Bislang verstreut, teils auch unveröffentlicht, findet sich jetzt das Oeuvre, bis auf die größeren Romane „Der Tick“ (2001) und „Der Tunnel am Ende des Lichts“ (2003), in kompakter Form. Dieser Revierautor, von manchen geringschätzend lediglich als Chronist des eigenen Lebens betrachtet, schrieb natürlich auch über sich, aber eben im Kontext seiner Zeit bzw. Umgebung. So beobachtete er ganz genau das Alltagsleben seiner Umwelt, fixierte es schriftlich, macht sich zum Zeitzeugen. Ist so auch begehrter Autor u.a. für die „Süddeutsche Zeitung“ gewesen, wenn es für die Nachbarstädter darum ging, Abschied vom das Stadtleben prägende Opelwerk zu nehmen. Wer kann schon zwei so prominente und renommierte Fürsprecher wie Willi Winkler und Peter Handke vorweisen?

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Im Jahr 2002 von der Hermann-Lenz-Stiftung für sein Werk ausgezeichnet macht Wolfgang Welts „oral history“ ihn für den Zeitkritiker, Schriftsteller und SZ-Journalisten Willi Winkler zum größten Erzähler des Ruhrgebiets; der spätere Literatur-Nobelpreisträger Peter Handke ermunterte den Langendreerer Literaten stetig. „Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe“, sein bekanntestes Buch, ist, welcher Autor des Reviers kann das für sich in Anspruch nehmen, 1986 im Suhrkamp-Verlag erschienen. Seine Musikkritiken u.a. für „Rock Session“, „Musik-Express“ und „Die Welt“ sind nun in „Kein Schlaf bis Hammersmith“ nachzulesen, Geschichten wie der „Buddy“-Text und zahlreiche Literaturkritiken im Sammelband „Die Pannschüppe“, beide herausgegeben von Martin Willems vom Düsseldorfer Heinrich-Heine-Institut, das den Nachlass des Schriftstellers betreut.

Wolfgang Welt liest im Juni 1981 seinen Bruce-Cockburn-Artikel.

Willems beschreibt das Wirken Wolfgang Welts als einmalig: „Indem Welt zunehmend gelebtes Leben in seine Texte über Musik und Literatur einfließen lässt - ein außergewöhnliches und auch mutiges Vorgehen -, nimmt er die Leser im wahrsten Sinne des Wortes mit. Welt tritt ungeheuer meinungsstark auf, nach der Lektüre weiß man immer genau, wie er die Platte, das Buch, den Film, das Theaterstück fand, eine Konsequenz, die heutige Kritiken nur selten aufweisen. Seine Erzählungen sind lakonisch-lässig, immer unverstellt, hoch-assoziativ. Sie haben einen unverwechselbaren Sound, zwischen den Zeilen schimmert staubtrockener Humor.“

Schnupperstudent, Schallplattenverkäufer, Musik- und Literaturkritiker für Szene- und Insidermagazine, Romanautor, Nachtportier bei der Stadt Bochum und nach 1991 am Schauspielhaus an der Königsallee. Ausgestattet mit einem großen Faible für London: In der britischen Hauptstadt und Musikmetropole weilte Welt mehrfach. Einen einwöchigen Aufenthalt dort bezeichnete er gar als die schönste Zeit seines Lebens. Ob Welt nun als der Vorreiter der Pop-Literatur genannt wird, es wäre ihm vermutlich egal gewesen. Was Fakt ist: Der Schreiber von der Wilhelmshöhe hatte mit einer Erkrankung zu leben, sich damit einzurichten.

Wenn seine Mutter noch zu deren Lebzeiten und das Schauspielhaus Bochum in einem kurzen Nachruf von einem Geheimnis dieser Autorenpersönlichkeit sprechen, dann ist es vielleicht dies: Schriftsteller zu werden war sein erklärtes Ziel, doch um davon leben zu können, hatte er sich mit seinem Handicap abzufinden. Was ihm trotz und alledem mit großer Lakonie, Lässigkeit und auch Würde gelungen ist. In jungen Jahren Fan von Buddy Holly und anderen Rock'n'Rollern bevorzugte der Nachtdienstler bei seiner Arbeit zuletzt den sanften Schlagersound von WDR 4.

Seine radikal subjektiven und meinungsstarken Äußerungen bekamen auch Zeitgenossen aus unserer Stadt zu „spüren“. So bezeichnete Welt den Schriftsteller Volker W. Degener als schreibenden Hauptkommissar, den Theatermacher Willi Thomczyk als notorischen Nichtkönner und glücklosen Künstler. Torwartlegende Hans Tilkowski war für ihn lediglich ein Handwerker, wünschte er sich den Herner Vorzeigefußballer doch eher als Zerberus, in Anlehnung an den Höllenhund aus der griechischen Mythologie. Und einen ganz privaten Bezug zu Wanne-Eickel findet sich in dem Umstand, dass sein Bruder seit vielen Jahren dort der Liebe wegen lebt.

Martin Willems (Hrsg.): Wolfgang Welt, Die Pannschüppe, 400 Seiten, ISBN 978-3-945715-82-6, 20 Euro; Martin Willems (Hrsg.): Wolfgang Welt, Kein Schlaf bis Hammersmith, 370 Seiten, ISBN 978-3-945715-81-9, 20 Euro. Beide Bücher sind im Verlag Andreas Reiffer erschienen und weisen neben zahlreichen Abbildungen auch QR-Codes zu Original-Tönen auf.

| Quelle: Sabine Herrmann