Spaziergang durch die Einsamkeit

Theater Kohlenpott lädt in den Flottmann-Skulpturenpark

Gabriele Kloke vom Theater Kohlenpott mit dem Regieteam (v.l.) Lasse Borutta, Malina Hoffmann und Rami Al-Telawi.
Gabriele Kloke vom Theater Kohlenpott mit dem Regieteam (v.l.) Lasse Borutta, Malina Hoffmann und Rami Al-Telawi. Foto: Pitt Herrmann

In Corona-Zeiten müssen sich die Theatermacher einiges einfallen lassen, um ihr Publikum unter den notwendigen Hygienebedingungen nicht nur virtuell „bespielen“ zu können. Das Herner Theater Kohlenpott lädt am Freitag, 31. Juli 2020, um 19 Uhr auf den Parkplatz der Flottmann-Hallen zu einem ungewöhnlichen, zumindest in unserer Region bisher singulären Live-Event ein. „Alleinsam“ lautet der Titel einer Stückentwicklung dreier junger angehender Regisseure, die ganz individuell oder in kleinen Gruppen ganz herkömmlich analog, also live erlebt werden kann – mit digitaler Hilfe des eigenem Smartphones.

Najim weiß nicht mehr weiter. Schon lange nicht mehr. Was tun gegen dieses kalte Gefühl im Rücken, das ihn nicht mehr in Ruhe lässt: „Irgendwann. Dann bist du ganz alleine. Dann ist neben dir nur noch ein Mensch. Oder ein Hund vielleicht. Oder der Fernseher.“ Najim hat Angst vor diesem Moment. Er sitzt mit seinem Handy und seinen sieben Sachen auf einer Bank im Park und weiß gleichzeitig, dass das, vorvor er sich fürchtet, längst seine Realität ist...

Ausgehend von Recherchen an der Ruhr-Universität Bochum, von Interviewfetzen mit Freunden und Bekannten, aber auch aus eigenem Erleben heraus sind kleine Geschichten entstanden, die vom Alleinsein erzählen oder der Angst davor: „Ich sehe einen Mann auf einer Parkbank sitzen. Vorsichtig wickelt er sein Brot aus dem Alupapier. „Schade, dass er alleine Frühstückt“, denke ich und dann denke ich noch: 'Was wohl mit mir passiert, sobald ich ganz alleine bin?'“ Gedanken, die so recht zur Pandemie-Zeit passen, aber bereits lange zuvor im Herbst 2019 konzipiert worden sind von drei jungen Regisseuren: Malina Hoffmann (23) beginnt im Herbst als Regieassistentin an den Münchner Kammerspielen, Rami Al-Telawi (26) nimmt im Herbst ein Studium an der Theaterakademie Stuttgart auf und Lasse Borutta (18) muss erst noch sein Abitur bauen.

Jana Deppe erinnert sich an gemeinsame Stunden auf einer Parkbank.
Jana Deppe erinnert sich an gemeinsame Stunden auf einer Parkbank. Foto: Theater Kohlenpott

„Alleinsam“ funktioniert als persönliche Meditation mit Kopfhörern. Das achtköpfige Ensemble agiert in Zweier-Gruppen oder solistisch an sechs Stationen: die Schauspiel-Studentin Jana Deppe (22), der Abiturient Baker Tarchichi (19), Feyza Oktay (20), die Tänzerin Elena Roserschein (18), die Studentin Hajar Alessa (27), Mohammad Malta und der Abiturient Mika Hoffmann (17). Auf der siebten Station ist die Audiostimme von Elena Ubrig zu hören, die auch einen Einleitungstext spricht. Alle Teilnehmer erhalten ein Booklet mit einem Lageplan des Flottmann-Skulpturenparks, in dem die sieben Aufführungsorte verzeichnet sind. Da es sich um abgeschlossene Geschichten handelt, ist kein fester Parcours vorgeschrieben.

Während das ursprüngliche Regiekonzept vorsah, dass die Zuschauer im gesamten Flottmann-Hallenkomplex einen Theaterparcours erleben sollten, gesteuert mit einer eigens dafür entwickelten App, machte der Ausbruch der Corona-Pandemie den drei Theatermachern des nunmehr bereits vierten Kohlenpott-Regielabors einen dicken Strich durch die Indoor-Rechnung. Nun geht’s also auf Schusters Rappen durch den Park. Für den voraussichtlich gut einstündigen performativen Spaziergang benötigen die Teilnehmer einen eigenen Kopfhörer und ein aufgeladenes Gerät, das Audio-Dateien abspielen kann, etwa ein Handy oder einen MP3 Player. Die Audiofiles zum Stück werden nach der Anmeldung unter alleinsam20@gmail.com zugeschickt.

Der Eintritt ist frei, am Ende entscheidet das Publikum selbst über die Höhe der Spende. Die ruhig etwas üppiger ausfallen darf: für die lange Probenzeit unter erschwerten Corona-Bedingungen und die Aufführung gibt’s noch nicht 'mal eine Aufwandsentschädigung: dem Theater Kohlenpott ist nach der pandemiebedingten mehrmonatigen Spielpause die Kohle ausgegangen.

„Alleinsein“ wird an sieben Orten im Flottmannpark gespielt.
„Alleinsein“ wird an sieben Orten im Flottmannpark gespielt. Foto: Pitt Herrmann
Juli
31
Freitag
Freitag, 31. Juli 2020, um 19 Uhr Flottmann Hallen Herne , Straße des Bohrhammers 5 , 44625 Herne Eintritt frei, Spende freiwillig.
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