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Kinofilm - Servus Papa, See You In Hell: Otto, der Herrscher der Kommune (Clemens Schick), lässt sich als Gott verehren.

Servus Papa, See You In Hell

Sex, Drugs and Rock’n Roll

Während im Hintergrund die freilaufenden Hühner gackern, werden im Kreis der Kommunarden Vertreter der Stadtkommunen aus Amsterdam und Frankfurt/Main mit großem Hallo begrüßt: Otto (Clemens Schick) und seine rechte Hand Gisela (Angela Scherz) zeichnen Francois (Andro Steinborn) als „besten Verkäufer“ aus. Mit Versicherungen und windigen Bauherrenmodellen wird das „freie“ Landleben auf einem idyllisch gelegenen Bauernhof finanziert.

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Francois und seine Frau Mathilde (Jeanne Tremsal) wollten, dass ihre inzwischen 14-jährige Tochter Jeanne (Jana McKinnon) in einer besseren Welt aufwächst, weshalb sie diese bereits als Zweijährige in Ottos Obhut und die seiner rigorosen Hauptfrauen gaben. Welches Zwangsregime auf der abgeschiedenen (Halb-) Insel herrscht, offenbart sich wenig später: Holger (Patrick Schorn) hat sich in Simone (Silvia Bieler) verliebt. Beide müssen sich einem „Selbstdarstellung“ genannten inquisitorischen Ritual vor der ganzen Gemeinschaft unterziehen. Dem ein Psychoterror folgt, welcher einer klerikalen Teufelsaustreibung gleicht.

Die Kleinfamilie sei der Ursprung allen Übels in der Welt, weshalb in Ottos Kommune die Kinder früh von ihren Eltern getrennt werden. Freier Sex mit möglichst täglich wechselnden Partnern gehört zum Pflichtprogramm, Liebe dagegen ist als spießig verschrien und strikt verboten: nur Frauen bewohnen ein eigenes Zimmer, während sich die Männer jede Nacht eine neue Partnerin suchen müssen. Mit Ausnahme des pathologischen Egomanen Otto versteht sich, dem gottgleichen „Papa“ seiner Kommune.

Kinofilm - Servus Papa, See You In Hell: Jean (Leo Altaras) und Jeanne (Jana McKinnon) verlieben sich ineinander.

Jeanne und ihr bester Freund Otis (Arsseni Bultmann) haben keine andere Welt als diese kennengelernt und sie deshalb auch nicht hinterfragt. Was sich schlagartig ändert, als Jeanne sich in den 16-jährigen „Pferdeflüsterer“ Jean (Leo Altaras) verliebt. Mit ihm erkundet sie die nähere Umgebung, verlässt erstmals den Hof. Otto spürt instinktiv, dass sich sein Lieblingsmädchen, das er zur Betreuung seiner behinderten Tochter Kiki (Rebecca Sickmüller) in sein Haus geholt hat, ihm verweigern wird, wenn er das aristokratische ius primae noctis, das Recht der ersten Nacht, vollziehen will: Josef (Steffen Wink) muss Jean nach Frankfurt bringen.

An Sonnenwende wird Ottos Geburtstag mit Unterstützern wie dem SPÖ-Politiker Karl (Hanns Zischler) und Künstlerfreunden wie Joseph Beuys gefeiert. Jeanne darf wählen, mit wem von den Gästen Otto die Nacht verbringen darf – und entscheidet sich für ihre Mutter Mathilde. Währenddessen regt sich unter den Heranwachsenden, die von Jeannes Ausflug in die Außenwelt erfahren haben, Unmut über die rigorosen Regeln. Mit Billy (Noemi Nicolaisen) verlässt das erste Mitglied des inneren Zirkels samt ihrer Kinder die Kommune, um nach Deutschland zurückzukehren. Jeanne begleitet sie bis zum Bahnhof, kehrt aber wieder zurück: die Jugendlichen proben den Aufstand. Parallel erpresst Kathrin (Aenne Schwarz) den Politiker Karl, der Sex mit Minderjährigen hatte: der Druck auf Otto, der sich stets auf die Freiheit der Kunst berufen hat, wächst. Schließlich hat Jean in Frankfurt Mathilde über die wahren Verhältnisse in der Kommune aufgeklärt…

„Servus Papa, See You In Hell“, uraufgeführt am 26. Juni 2022 auf dem Filmfest München, basiert auf den Erinnerungen von Jeanne Tremsal. Sie ist in der Mühl-Kommune auf dem burgenländischen Friedrichshof aufgewachsen, in der bis zur Verhaftung des Gründers 1991 neue Lebensformen u.a. nach den Schriften Wilhelm Reichs ausprobiert wurden. Regisseur Christopher Roth im Festival-Presseheft: „Otto Mühl, ein einstiger Wehrmachtssoldat, kam aus der Kunst, aus dem Wiener Aktionismus. Das hat ihm nicht gereicht. Er wollte ein künstlerisch therapeutisches Experiment in der Wirklichkeit machen und hat sich mit ein paar hundert Anhängern aufs Land verzogen. Wir fangen im Film aber erst in den späten Achtzigern an, da gab es eigentlich schon Punk und der echte Mühl war längst ein alter Mann.“

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Jeanne Tremsal spielt im freilich nur scheinbar semidokumentarischen Film mit angeblich hineingeschnittenen Amateurvideos ihre eigene Mutter, während Jana McKinnon sie als junges Mädchen verkörpert. Der knappe Zweistünder wurde während des Lockdowns im August und September 2020 in der Nähe von Kassel auf Gut Kragenhof und einer Fulda-Insel gedreht, auf der das Filmteam sechs Wochen lang unter sich blieb. Kinostart ist der 24. November 2022, bei uns im Düsseldorfer Bambi zu sehen. Und am Freitag, 25. November 2022, beim Kinofest Lünen – mit dem Regisseur Christopher Roth, der Autorin und Schauspielerin Jeanne Tremsal und dem Hauptdarsteller Clemens Schick.

| Autor: Pitt Herrmann