„Musikladen“ open air

Elektrisierende WLT-Musikrevue

Akrobatisch: Tobias Schwieger, dahinter Hannes Staffler und Patrick Sühl.
Akrobatisch: Tobias Schwieger, dahinter Hannes Staffler und Patrick Sühl. Foto: Volker Beushausen

Am 13. Dezember 1972 startete Radio Bremen im „Ersten“ als Nachfolger für den legendären „Beat-Club“ ein neues Musikformat unter dem Titel: „Musikladen“. In dieser Fernsehshow, bis November 1978 moderiert vom legendären Duo Uschi Nerke und Manfred Sexauer, begeisterte die wilde Mischung unterschiedlicher Musikstile wie Rock, Pop, Rock ‘n’ Roll, Metal, Country, Jazz, Soul, Blues und Disco. Vor allem, heute unvorstellbar: alles live im Bremer TV-Studio, zum Start etwa Slade und Johnny Cash!

In den ersten Jahren wurde der fürs deutsche Pantoffelkino freche Musik-Cocktail mit kabarettistischen Zutaten etwa von Dietrich Kittner oder den „Wühlmäusen“ aus Berlin angereichert. Aber auch mit höherem Blödsinn, der heute unter dem Label Stand-up Comedy laufen würde, von Insterburg & Co. (mit der fabelhaften Franziska Ferrari als „Inge Insterburg“), Schobert & Black sowie Ulrich Roski. Dazu preisgekrönte Cartoons aus Heiner H. Hoiers spitzer Feder: so was hatte es bis dahin in der biederen ARD nicht gegeben.

Powerfrau: Samira Hempel, dahinter Tobias Schwieger und Franziska Ferrari.
Powerfrau: Samira Hempel, dahinter Tobias Schwieger und Franziska Ferrari. Foto: Volker Beushausen

Nicht nur für Tankred Schleinschock, den aus Bremen stammenden musikalischen Leiter des Westfälischen Landestheaters Castrop-Rauxel, war der „Musikladen“ Ausdruck des neu gewonnenen Gefühls von Freiheit, was besonders der Regie von Michael „Mike“ Leckebusch zu verdanken war, der wie schon zuvor im „Beat-Club“ aus Bremen Pionierarbeit leistete und immer neue Wege in der Fernsehunterhaltung suchte: „Seine Neugier, seine Kenntnis diverser Musikstile, sein Mut und seine Liebe zur Musik, die sowohl Musik als auch Künstler ernst nahm und ihnen Freiräume schaffte, prägten das Format bis zur letzten Sendung im November 1984.“ Die auch mit Specials u.a. von Roxy Music, The Police, The Sweet, Procol Harum und David Bowie für enorme Aufmerksamkeit und entsprechende Quoten sorgte.

So bunt, so frech und so schrill wie die TV-Show präsentiert sich auch die WLT-Sommerproduktion „Musikladen“ von Tankred Schleinschock, die Corona-bedingt am 5. Juni 2020 nicht wie gewohnt im Parkbad Süd umjubelte Open-Air-Premiere feiern konnte, sondern auf der erheblich größeren, die notwendigen Abstände ermöglichenden Fläche vor dem damals ganz neuen Proben- und Logistikzentrum des WLT unmittelbar neben dem Europaplatz an der Bahnhofstraße 126 in Castrop-Rauxel. In dieser einmal mehr grandios besetzten, von Barbara Manegold in rasender Show-Bizz-Qualität choreographierten Hommage von acht Musical-erprobten Schauspielern und der gleichen Anzahl inzwischen schon kultiger Instrumentalsolisten des Lippe-Saiten-Orchesters um Keyboarder Schleinschock wird das Publikum für mit Zugaben zweieinhalb wie im Fluge vergehenden Stunden auf eine jederzeit mitreißende Zeitreise in die 1970er und frühen 1980er Jahre geschickt.

Vor einer kargen Brandmauer in typischer Studio-Kulisse der bewährten Ausstatter Elke König (Bühne) und Maud Herrlein (Kostüme) lassen über dreißig Songs von Slade, T. Rex, Thin Lizzy, Albert Hammond, Suzi Quatro, Ike & Tina Turner, Bachman-Turner Overdrive, Nazareth, Queen, Amanda Lear, Bonnie Tyler, Blondie, Ramones, Meat Loaf, Motörhead, E.L.O., The Weather Girls, Gloria Gaynor, Abba, Stevie Wonder, Boney M., Van Morrison, The Rolling Stones und vielen anderen die Herzen eines Publikums höher schlagen, das begeistert mitgeht und spätestens nach „So Lonely“ von The Police jede Zurückhaltung aufgibt und, zusätzlich von der Girl-Power mit Joan Jetts „I love Rock ‚n‘ Roll“ angesteckt, nichts mehr auf den Plastikstühlen hält bei „Time Warp“ aus der „Rocky Horror Picture Show“.

Dazu wundervolle kleine Spielszenen (etwa zum Queen-Hit „Flash“!) und ganz nebenbei schnipselhafte Zeitgeschichts-Petitessen: Erinnert sich noch jemand an das „ZDF-Magazin“ mit Gerhard Löwenthal? Es ist höchst ungerecht, Einzelne herauszuheben, denn dieser „Musikladen“ ist wie sein WLT-Vorläufer „Beat-Club“ von 2019 ein kollektives Gesamtkunstwerk. Dennoch seien das Multitalent Patrick Sühl (neben Mike Kühne, Tobias Schwieger, Hannes Staffler und Mario Thomanek), Samira Hempel („Nutbush City Limit“) und, als neues Ensemble-Mitglied, Jessica Kessler („It’s Raining Men“) neben Franziska Ferrari besonders erwähnt. Diese, so der Untertitel, „musikalische Wundertüte“ wird am Mittwoch, dem 23. Juni 2021, Open Air an der Bahnhofstraße 126 in unveränderter Besetzung wiederaufgenommen. Ohne Test- und Maskenpflicht am Sitzplatz, aber mit Maske und Abstand drumherum. Vorstellungsbeginn ist um 20 Uhr, Karten über die Homepage westfaelisches-landestheater.de

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Mittwoch, 23. Juni 2021, um 20 Uhr
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