Mit dem Melken der Kühe fing es an - Impflexikon 1

Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

Die Cool Cats zum Corona-Impf-Lexikon.
Die Cool Cats zum Corona-Impf-Lexikon. Illustrator: Jörg Lippmeyer

Heute startet unserer Impflexikon. Wie berichtet erklärt uns unser Doc in lockerer Reihenfolge und in gewohnt launiger Form Wissenswertes zu den Impfungen. Frei nach dem Motto: wieso, weshalb, warum...

Eine Schutzimpfung gegen Covid-19 ist greifbar nahe. Angesichts der weltweiten Verbreitung der Seuche darf man wohl das gigantischste Impf-Programm, das dieser Planet je gesehen hat, erwarten. Die Firmen Biontech aus Deutschland und Moderna aus den USA stehen unmittelbar vor der Zulassung, in 2 – 3 Monaten wird die Firma CureVac folgen und auch Astra-Zeneca (Schweden/GB) ist weit fortgeschritten. Mittlerweile beschäftigen sich mehr als 200 Forschungsinstitute mit der Entwicklung von Impfstoffen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis der Markt mit Impfstoffen unterschiedlichster Provenienz geflutet wird. Zusätzlich zu den Impfstoffen wird es irgendwann – eventuell - auch antivirale Medikamente geben, mit denen Covid-19 behandelt werden kann. Allerdings sind Medikamente deutlich schwieriger herzustellen als Impfstoffe (auf den Grund dafür werde ich in einer späteren Kolumne zurückkommen).

Es ist noch nicht allzu lange her, da hätte man von der Identifizierung eines Virus als Ursache einer Krankheit, seiner Form und seines biologischen Aufbaus bis zur Zulassung des Impfstoffs 15 bis 20 Jahre angesetzt. Bei SARS-CoV 2 haben wir noch Glück in der Katastrophe. Die Vorerfahrung mit Impfstoff-Projekten gegen verwandte Viren (SARS-CoV und MERS) sowie neue Technologien machen eine geradezu unglaubliche Beschleunigung möglich.

Der ideale Impfstoff würde bei jedem, der damit geimpft wird, ohne irgendwelche unerwünschten Effekte und Nebenwirkungen einen vollständigen und lebenslangen Schutz vor Ansteckung mit einem Virus erzielen. Das ist jedoch eine unerfüllbare Illusion, kein Impfstoff wird dieses Idealziel jemals erfüllen können. Das Wesen einer Impfung besteht darin, dem Immunsystem eine Infektion vorzugaukeln. Weil der Organismus aber nicht mit einer echten Infektion „geflutet“ wird, reagiert das Immunsystem mit einer überschaubaren und erträglichen Reaktion. Teilweise findet diese Reaktion nur lokal an der Injektionsstelle statt (Rötung, Schmerz, Spannung und Schwellung an der Injektionsstelle) manchmal folgt auch ein leichtes Krankheitsgefühl, (Abgeschlagenheit oder Kopf- und Gliederschmerzen), oft wird subjektiv auch gar nichts wahrgenommen. Nicht selten kann die Erwartung von Nebenwirkungen auch zu einer gesteigerten Selbstbeobachtung führen, dem „Nocebo-Effekt“ (von lateinisch nocebo „ich werde schaden“). Das ist das Gegenteil des „Placebo-Effektes“ (von lateinisch placebo „ich werde gefallen“). Als Folge können zufällig auftretende Befindlichkeitsstörungen, die normalerweise gar nicht beachtet würden, plötzlich bewusst wahrgenommen und irrtümlich der Impfung angelastet werden. Aber, bei der Bewertung von Reaktionen nach einer Impfung muss stets bedacht werden, dass Impfungen bei gesunden Menschen durchgeführt werden. Deshalb sind die Anforderungen an die Sicherheit eines Impfstoffes extrem hoch angesiedelt.

Impfkomplikation

Bei einer Impfkomplikation wird dagegen das übliche Ausmaß einer Impfreaktion deutlich überschritten. Lebend-Impfstoffe (auf die verschiedenen Arten von Impfstoffen komme ich einer weiteren Kolumne zurück) können in sehr seltenen Fällen zu einem Ausbruch derjenigen Krankheit führen, gegen die geimpft wurde. Ein Grenzfall zur gewünschten Impfreaktion sind so genannte „Impfmasern“, die bei drei bis fünf Prozent der Impfungen gegen Masern auftreten. Als Nebenwirkungen der Impfung sieht man dann leichten Ausschlag oder Fieber. Fast immer jedoch verlaufen diese deutlich leichter als die „natürliche“ Infektion. Da Impfstoffe üblicherweise in eine speziellen Lösung enthalten sind, die konservierende oder wirkverstärkende Eigenschaften hat, kann es sehr selten als Reaktion auf diese Inhaltsstoffe zu einer akuten allergischen Reaktion kommen. Bei über 25 Millionen verabreichten Impfdosen gegen Masern wurde das in 33 Fällen (häufig mit Vorerkrankungen wie Asthma) beobachtet. Keiner der Fälle verlief tödlich.

Die ältesten bekannten Impfungen waren Pockenimpfungen, die vermutlich in sehr primitiver Form schon etwa 1000 v. Chr. in Indien durchgeführt wurden. Die erste gesicherte Dokumentation über Pockenimpfungen stammt aus dem Jahr 1549 vom chinesischen Arzt Wan Quan. Bei dieser Impfung wurde gemahlener Pockenschorf in die Nase der Impflinge geblasen. Das senkte die Letalität einer Pockeninfektion von 20 bis 30 % auf unter zwei Prozent, über die Nebenwirkungen dieser Impfung ist aber wenig bekannt.

Im 18. Jahrhundert entdeckte man, dass Melker, die sich bei Rindern mit den Kuhpocken angesteckt hatten, nur an den Händen vereinzelte Pusteln bekamen. Danach waren sie gegen die Pocken immun. Mit dem Inhalt der Kuhpockenpusteln infizierte der englische Arzt Edward Jenner (1749–1823) im Jahr 1796 einen Jungen mit den Kuhpocken. Der erwies sich später als immun gegen gewöhnliche Pocken. Da der Impfstoff von Kühen stammte, nannte Jenner seinen Impfstoff Vaccine (von lat. vacca „Kuh“) und die Technik der künstlichen Immunisierung „Vaccination“, Begriffe, die heute noch im medizinischen Fachchinesisch für Impfungen bzw. Impfstoffe gebräuchlich sind.

Die Pocken sind als Krankheit durch die Impfung ausgerottet worden. Seit 1980 gibt es offiziell nur noch zwei Orte, das Forschungszentrum der US-amerikanischen Seuchenbehörde in Atlanta und ihr russisches Gegenstück in Kolzowo südöstlich von Nowosibirsk, an denen Pockenviren lagern.

Impfungen sind mittlerweile das wichtigste Mittel zur Vorbeugung und Ausrottung von Infektionskrankheiten. Was bei Pocken vollständig, bei Kinderlähmung fast gelungen ist, könnte auch bei Masern klappen, wenn alle mitmachen würden. Neben der Entdeckung der Antibiotika und des Insulins haben die Impfungen für die den größten Sprung in der durchschnittlichen Lebenserwartung der Menschen gesorgt.

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