Marxistische Vampirkomödie

Neu im Kino: Blutsauger

Marxistische Vampirkomödie: Blutsauger. Die Unternehmerin Octavia (Lilith Stangenberg) und ihr „einfacher Angestellter“ Jakob (Alexander Herbst) in der Sommerfrische am Ostsee-Strand.
Die Unternehmerin Octavia (Lilith Stangenberg) und ihr „einfacher Angestellter“ Jakob (Alexander Herbst) in der Sommerfrische am Ostsee-Strand. Foto: Grandfilm

August 1928. Der sowjetische Fabrikarbeiter Ljowuschka (Alexandre Koberidze) wird als Trotzki-Darsteller für den Film „Oktober“ des Regisseurs Sergei Eisenstein (Anton Gonopolski) gecastet. Doch seine Träume vom Künstlerleben platzen, als der echte Lew Trotzki bei Stalin in Ungnade fällt und alle seine Szenen kurz vor der Premiere aus dem Film herausgeschnitten werden. Der romantische Träumer beschließt, seine kommunistische Heimat hinter sich zu lassen, um sein Glück in Hollywood zu versuchen. In Moskau trifft er im Gorki-Park auf die deutsche Studentin Helena (Mareike Beykirch), die sich Jewka nennt, und erzählt ihr, wie er zum Film gekommen ist (Eisenstein hat ihn in der Fabrik entdeckt).

Eine Gruppe junger Marxisten um Rosa (Darja Lewin), die freiwillig in einer Fabrik arbeitet, um den Ausgebeuteten nah zu sein, hat sich am Ostseestrand zu einer Lesung aus dem Werk des verehrten Meisters versammelt. Es geht um den Verkauf der Arbeitskraft an ausbeuterische Unternehmer, denen „Vampirdurst nach lebendigem Arbeitsblut“ vorgeworfen wird. Woraufhin Bruno (Bruno Derksen) fragt, ob der Kapitalist nun „unser Vampir“ ist? Aussagen von Marx vom vampirmäßigen Einsaugen lebendiger Arbeit, erhält er zur Antwort, sind natürlich nur metaphorisch gemeint.

Marxistische Vampirkomödie: Blutsauger. Film im Film: Der Algensammler (Kyung-Taek Lie) als Vampir und Octavia (Lilith Stangenberg) als Opfer, beobachtet „Regisseur“ Ljowuschka (Alexandre Koberidze).
Film im Film: Der Algensammler (Kyung-Taek Lie) als Vampir und Octavia (Lilith Stangenberg) als Opfer, beobachtet „Regisseur“ Ljowuschka (Alexandre Koberidze). Foto: Grandfilm

Unweit steht ein vornehm gekleideter Herr am Strand und blickt lange auf die Wellen der Ostsee. Es ist Ljowuschka, der sich als verfolgter russischer Aristokrat ausgibt, um sich das Geld für die Überfahrt nach New York zu besorgen – notfalls auch durch Diebstahl. Seine außergewöhnliche Erscheinung erregt das Aufsehen der jungen Fabrikbesitzerin Octavia Flambow-Jansen (Lilith Stangenberg), die ihren „einfachen Angestellten“ Jakob (Alexander Herbst) zu ihm schickt, um den vorgeblichen Baron aus St. Petersburg zu sich einzuladen.

Der hungrige Ljowuschka schnorrt am Loch 9 eines Golfplatzes die Sandwiches eines offenbar betuchten Spielers, bevor er im Herrenhaus der exzentrischen Millionärin aufgenommen wird. Die Tarnung des geheimnisvollen Flüchtlings fliegt rasch auf, als sich dieser nachts am Tresor zu schaffen macht und von Octavia erwischt wird. Als er sich ihr offenbart, verspricht sie finanzielle Abhilfe. An den Strand zurückgekehrt trifft Ljowuschka auf einen Algensammler (Kyung-Taek Lie), der aus dem Seetang eine Salbe gegen Vampirbisse gewinnt. Und auf englische Touristen (Sara Summa und Antoni Schellecks), die seinen wunden Fuß verarzten.

Der literarisch ambitionierte Jakob, den Rosa freilich ob seiner Naivität einen „hirntoten Knecht“ Octavias nennt, schwärmt für seine dekadente Chefin („Ich ersticke in diesem kaiserlichen Puppenhäuschen“) und ist entsprechend eifersüchtig – auf den falschen russischen Baron, auf den Bürgermeister Dr. Humbug (Andreas Döhler) und den eitlen Weltenbürger Bonin (Daniel Hoesl), der ein verblüffendes Wissen über den europäischen Adel offenbart. Als Ljowuschka einen Stummfilm dreht mit dem Algensammler als Vampir und Octavia als Opfer vertraut Jakob die geheimsten Gefühle seinem Tagebuch an – bevor er einer Fliegenpilz-Mahlzeit zum Opfer fällt.

Octavias Pächter (Michael Baute) ist im Zahlungsrückstand und hat seine Lieblingspute Karla geschlachtet, die Ljowuschka zubereitet, der immer mehr Aufgaben des verstorbenen Jakob übernimmt. Tante Erkentrud (Corinna Harfouch) ist mit ihrem Diener-Paar Hans (Martin Hansen) und Franz (Juan Felipe Amaya Gonzales) eingetroffen. Sie sorgt sich um die Zukunft der Fabrik und will alle Kommunisten, die einen Betriebsrat gründen wollen, erschießen. Offenbar treiben Vampire in der Gegend ihr Unwesen…

„Blutsauger“, eine im Sommer 2019 u.a. in St. Peter-Ording, der Eckernförder Bucht und in Bochum gedrehte „marxistische Vampirkomödie über die Sehnsucht und das Kapital“, ist nach einer VoD-Voraufführung am 1. März 2021 beim Berlinale Industry Event am 17. Juni 2021 beim Berlinale Summer Special vor Publikum uraufgeführt worden. Der mit 125 Minuten überlange, nur vorgeblich in den 1920er Jahren angesiedelte Streifen wartet mit bewussten Ungereimtheiten auf, um auf die Zeitlosigkeit des Stoffes hinzuweisen: Zum Weinbergschnecken-Essen gibt’s Cola aus der Dose, alpenländische Volksmusik erklingt aus dem Radio, Octavia braust auf einer heißen Kawasaki-Maschine davon und Bonin mokiert sich über Ljowuschkas Drehversuche: „Hegel lässt die Filmkunst gänzlich unerwähnt.“

Wäre Julian Radlmaiers „ironischer Materialismus“ wenigstens kurzweilig, könnte man über die Leere der behaupteten antikapitalistischen Lehre hinwegsehen. „Blutsauger“, so lässt sich der in Berlin lebende deutsch-französische Filmemacher im Grandfilm-Presseheft vernehmen, sei „vor allem ein Film über die verführerische Bannkraft des bürgerlich-kapitalistischen Subjekts, über die Schwierigkeit menschlicher Beziehungen in einer Klassengesellschaft, über den Zwang zur Arbeit und das Recht auf Faulheit, über die Verfügung über die eigene Zeit und den eigenen Körper, die strukturelle Funktion von Rassismus, über Abstiegsängste, Aufstiegsfantasien und die alte Frage, ob man es sich als Einzelner gemütlich machen kann in unwirtlichen Verhältnissen, ohne sich zu korrumpieren.“

Neben dem Deutschen Drehbuchpreis „Goldene Lola“ 2019 gabs den „Silbernen George“ als Spezialpreis der Jury des Int. Filmfestivals Moskau 2021. Kinostart ist der 12. Mai 2022, hierzulande zu sehen nur im Sweetsixteen Dortmund sowie im Düsseldorfer Metropol.

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