„Jagger Jagger“ mit Till Beckmann

Phantasievolles Kindertheater um Mobbing

Jagger (Saskia Rudat) ist Bent (Moritz Fleiter) eine große Hilfe.
Jagger (Saskia Rudat) ist Bent (Moritz Fleiter) eine große Hilfe. Foto: André Symann

Der achtjährige Bengt (Moritz Fleiter) findet sich zu dick, weil die anderen ihn zu dick finden. Dabei wünscht er sich nichts sehnlicher als einen Freund. Die anderen – das sind drei gleichaltrige Kinder (Sindy Tscherrig, Till Beckmann und Jennifer Ewert), die im selben Mietshaus wohnen. Statt mit Bengt zu spielen, ärgern und drangsalieren sie ihn, wo immer sie ihn zu fassen kriegen.

Wie an einem Ferientag im Sommer. Bengts Eltern (Till Beckmann und Jennifer Ewert) haben ihm, bevor sie zur Arbeit gegangen sind, aufgetragen, den Müll herunterzubringen. Bengt weiß, dass die drei nur darauf warten, wieder über ihn herfallen zu können – und zögert lange, den Hof zu betreten. Diesmal treibt es das gleichaltrige Mobbing-Trio auf die Spitze: es sperrt Bengt im dunklen, kalten Müllraum ein. Kein Wunder also, dass Bengt sich schwört, künftig in der Wohnung zu bleiben - mindestens bis er dreißig Jahre alt ist.

Drei Nachbarskinder (Sindy Tscherrig, Till Beckmann und Jennifer Ewert) ärgern Bengt (vorn: Moritz Fleiter).
Drei Nachbarskinder (Sindy Tscherrig, Till Beckmann und Jennifer Ewert) ärgern Bengt (vorn: Moritz Fleiter). Foto: André Symann

Die absolute Dunkelheit macht ihm Angst. Da raschelt doch was – sollten etwa Ratten im Unrat hausen? Bengts Schwester Astrid (Sindy Tscherrig) hat schließlich schon ‘mal einen solchen ekligen Nager hier gefunden und die ganze Familie vor Angst zusammengebrüllt. Es ist ein ziemlich zotteliger, abgerissen erscheinender Vierbeiner, wie sich bald – und zum Glück für Bengt – herausstellt: Jagger Svensson (Saskia Rudat) ist ein zwar ein unansehnlicher, hier hat die Maskenbildnerin Karina Brachner ganze Arbeit geleistet, aber durch und durch menschlicher Hund. Der nur aussieht wie ein geprügelter Köter von Penner, wenn er mit seinen wenigen Klamotten von einem Ort zum nächsten zieht. In Wahrheit liebt Jagger seine Freiheit über alles, entpuppt sich als äußerst selbstbewusst und lässt sich nichts gefallen. „Wenn man die Fiesen nicht bestraft, dann lernen sie nie, nett zu sein“: Jagger weiß ganz genau, was derjenige zu tun hat, der ein Hundeleben führen muss: Er muss sich wehren und es den anderen heimzahlen. Und mit einer Sonnenbrille auf der Nase steht man gleich als ganz anderer Kerl da…

Die schwedische, in der Nähe von Stockholm lebende Erfolgsautorin Frida Nilsson hat mit ihrem Roman „Jagger Jagger“ ein vielschichtiges Kinderbuch über Mobbing geschrieben. Darin erzählt sie ohne Schnörkel schonungslos direkt, aber mit großer Empathie und viel schrägem Humor von der Einsamkeit des Opfers und dem, was ihm vielleicht Halt geben kann. Es ist auf Deutsch in der Übersetzung von Friederike Buchinger unter dem Titel „Ich und Jagger gegen den Rest der Welt“ im Gerstenberg-Verlag mit Illustrationen von Ulf K. erschienen.

Der renommierte Verlag Felix Bloch Erben hat die Uraufführung der Romanadaption an das freie Essener Ensemble Toboso vergeben, das mit dem Theater Duisburg und den Freilichtspielen Schwäbisch Hall kooperiert. Umjubelte Premiere – mit dem Herner Schauspieler Till Beckmann - war am 1. November 2020 im Maschinenhaus der Zeche Carl in Essen, also unmittelbar vor dem erneuten (Teil-) Lockdown. In der phantasievollen (die Eltern sitzen auf hohen Richter-Stühlen wie beim Tennis), vor allem auch witzigen (roter Alarmknopf als Mobbing-Button) Ausstattung von Sandra Hilli Becker inszeniert Fabian Sattler mit hohem Tempo und fliegendem Rollenwechsel des fünfköpfigen Ensembles den Rückblick des nunmehr Mittdreißigers Bengt auf seine Kindheit, die ihm, das darf durchaus verraten werden, bisweilen wie ein Traum vorkommt.

Frida Nilsson, Jahrgang 1979, schreibt seit 2004 äußerst erfolgreich für Kinder. Ihre Bücher, darunter „Siri und die Eismeerpiraten“ sowie die Geschichten rund um „Hedvig!“, wurden in viele Sprachen übersetzt und sind vielfach ausgezeichnet worden. Sie war für den Astrid-Lindgren-Preis und für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert, ausgezeichnet wurde sie mit dem White Raven (2012), dem Astrid-Lindgren-Preis (2014), der Nils-Holgersson-Plakette (2016) sowie jüngst den James Krüss Preis für internationale Kinder- und Jugendliteratur (2019). In einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk hat sie Mitte September 2019 gesagt: „Die Menschen, sie ziehen ihre Kinder groß, als wären sie noch nichts, sondern müssten erst werden. Aber vielleicht ist die Kindheit die beste und wichtigste Zeit unseres Lebens.“

Das freie Essener Ensemble „Toboso“ entwickelt seit 2013 unkonventionelle Theatererlebnisse für junges Publikum. In gemeinsamen Recherchen mit Jugendlichen suchen Performer, Dramaturgen und Theaterpädagogen nach kreativen, authentischen Spielformen, in denen Theater zu einem individuellen Entdeckungsraum werden kann. Der Name der Gruppe wurzelt in Cervantes Roman „Don Quijote“, der die Vorlage für eine der ersten Produktionen war: Darin bezeichnet Don Quijote die fiktive Figur der „Dulcinea von Toboso“ als Herrin seiner Seele. So macht er Toboso zu einem phantastischen Sehnsuchtsort, der all denen zur Realität wird, die mit ganzer Leidenschaft dem Abenteuer einer Idee folgen.

Heimat und Produktionsort ist das Maschinenhaus der Altenessener Zeche Carl, wo „Jagger Jagger“ für alle ab neun Jahren wieder, so es die Pandemielage zulässt, am 1. und 2. Dezember 2020 auf dem Spielplan steht. Zudem sollen die ausgefallenen November-Vorstellungen nachgeholt werden. mehr Info

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Dienstag, 01. Dezember 2020, um 19 Uhr Maschinenhaus Essen , Wilhelm-Nieswandt-Allee 100 , 45326 Essen Wenn es die Pandemie wieder zulässt, sind das die Aufführungs-Tage. Eintritt: 10 / 5 € erm. Schuklassen: 4 € / Schüler, Begleitpersonen frei.

Weitere Termine:

  • Mittwoch, 02. Dezember 2020, um 10 Uhr
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