Gefährliches Blaulicht

Cop-Cats
Cop-Cats Foto: Jörg Lippmeyer

Wenn ein Patient mit dem Hubschrauber transportiert wird, dauern Start und Landung jeweils fast 5 Minuten. Man darf erst aussteigen oder sich dem Hubschrauber nähern, wenn der Rotor stillsteht. Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde in Herne der Rettungsdienst eingerichtet. Alles war neu damals, niemand hatte Erfahrung im medizinischen Rettungsdienst. Die Assistenz- und Oberärzte der Krankenhäuser wurden zu diesen Diensten verdonnert, egal, ob sie sich das zutrauten oder nicht.

Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.
Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey. Foto: Wolfgang Quickels

In der Anfangsphase des Rettungsdienstes mussten alle Fachbereiche, nicht nur Chirurgen, Anästhesisten und Internisten, auch Gynäkologen am Rettungsdienst teilnehmen. Der Weiterbildungsgrad der Kollegen in Notfallmedizin war ohne Bedeutung. Eine systematische Ausbildung von Rettungsärzten gab es noch nicht. In wöchentlich wechselndem Turnus stand das Fahrzeug des Notarztes an den teilnehmenden Kliniken der Stadt. Gesteuert wurde es von Feuerwehrleuten, die eigens für diese Aufgabe eingestellt worden waren. Eine besondere Qualifikation als Fahrer eines Notarztfahrzeuges wurde nicht hinterfragt. Die Mitarbeiter der Telefonzentrale der Feuerwehr hatten keine Erfahrung darin, aus den angeforderten Einsätzen die tatsächlichen Notfälle herauszufiltern. So war es nicht verwunderlich, dass einerseits massenhaft Rettungseinsätze zu Bagatellfällen stattfanden, andrerseits unerfahrene Notärzte bei tatsächlichen Notfällen ziemlich hilflos waren. Die ebenso unerfahrenen Fahrer des Notarztwagens bretterten in völliger Fehleinschätzung des Effekts von Blaulicht und Martinshorn mit exzessiv überhöhter Geschwindigkeit durch schmale Sträßchen und über Rotlicht-Ampeln. Im Nachhinein erscheint es mir immer noch als Wunder, dass damals keine schweren Unfälle passiert sind.

Das ist heute völlig anders. Die Telefonzentralen sind mit qualifizierten Leuten besetzt, die den Notfall von der Bagatelle unterscheiden können. Die am Rettungsdienst teilnehmenden Ärzte sind für diese Aufgabe qualifiziert. Auch den Fahrern des Notarztwagens kann man heute im Allgemeinen Umsicht und professionelle Coolness attestieren.

Gleichwohl fahren Rettungsfahrzeuge und Notarztwagen oft mit überhöhter Geschwindigkeit. Immer wieder hört und liest man von schweren Unfällen im Notfalleinsatz von Rettungsfahrzeugen und Polizei. Blaulicht und Martinshorn scheinen auf alle, die es nutzen dürfen, einen merkwürdigen Reiz auszuüben. Das hoheitliche Recht, Gesetze – insbesondere im Straßenverkehr – übertreten zu dürfen, hat einen ganz eigenen Kick, der den Sinn für Angemessenheit manchmal überlagert. Vor allem scheint mir die Vorstellung vom Nutzen überhöhter Geschwindigkeit im innerstädtischen Bereich oft übertrieben optimistisch.

Ich wohne nahe der Hertener Straße in Westerholt. Wegen des nahen Krankenhauses fahren hier häufig Rettungsfahrzeuge mit Sondersignal. Die Strecke ist ohne Ampelunterbrechung 2 km lang, jeweils zur Hälfte herrscht eine Geschwindigkeitsbeschränkung von 70 kmh beziehungseise 50 kmh. Mit einer Geschwindigkeit von 100 kmh könnte man auf diesen 2 km maximal 20 Sekunden an Zeit gewinnen. Das ist auch im Rettungseinsatz ein irrelevanter Zeitgewinn. Die meisten innerstädtischen Strecken sind jedoch in Abständen von wenigen hundert Metern von Ampeln unterbrochen. Der eigentliche Zeitgewinn des Sondersignals besteht darin, hier nicht warten zu müssen.

In Herne beträgt die maximale Distanz von einem Krankenhaus bis zur Stadtgrenze etwa 14 km. Mit Sondersignal ist das bei maximalem Tempo von 50 kmh in etwa 15 Minuten zu schaffen und das nur deshalb, weil man Ampelkreuzungen auch bei Rotlicht queren kann. Eine überhöhte Geschwindigkeit ist demgegenüber weitestgehend wirkungslos. Der Zeitgewinn liegt so gut wie nie über einer Minute. Bei alldem darf man die physiologischen Reaktionsgrenzen der Verkehrsteilnehmer nicht ignorieren. Auch nicht Hörgestörte müssen das akustische Sondersignal zunächst mal orten, bevor sie darauf vernünftig reagieren können. Wie oft habe ich als Notarzt wie als normaler Verkehrsteilnehmer erlebt, wie durch das plötzliche Einsetzen des Martinshorns im Stau oder vor der Ampel das Chaos ausbrach. Das kostet weit mehr Zeit, als durch Hektik zu gewinnen wäre.

cooAuch wenn häufig lamentiert wird, dass im Rettungsdienst jede Minute zählt - Umsicht und ein kühler Kopf sparen sehr viel mehr Zeit als überhöhte Geschwindigkeit. Die schafft nur eine überhöhte Gefahr.

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