Flimmer-Billy im Online-Stream

Grips-Theater über Mediennutzung

Thomas Ahrens in der Titelrolle des Billy Bergmann.
Thomas Ahrens in der Titelrolle des Billy Bergmann. Foto: Grips Theater

Bis einschließlich 23. Juli 2020 kann „Flimmer-Billy“, ein wundervolles, sechzigminütiges Theaterstück über den alltäglichen TV-Konsum für alle ab sechs Jahren, im Sommerferien-Programm des Berliner Grips-Theaters kostenlos gestreamt werden unter grips.online/sehen. Autor und Hauptdarsteller in der Titelrolle des Billy Bergmann ist das Grips-Urgestein Thomas Ahrens, zu sehen ist der Mitschnitt einer Vorstellung aus dem Jahr 2007 in der Schiller-Theater-Werkstatt.

Billy Bergmann sitzt ständig vor der Glotze. Zumal es ihm eine Dino-DVD besonders angetan hat, weshalb der Kleine mit der bunten Strickmütze manchmal fast selbst zum Saurier wird vom vielen Gucken. Eigentlich gruselts ihm ja vor dem Gezeigten, andererseits stammt die Silberscheibe von Papa. Die hat er dagelassen, als er ausgezogen ist. Wenn Billy 'mal wieder allzu sehr die kalten Schauer über den Rücken laufen, zappt er sich ins Kommerz-Kinder-TV 'rein, da läuft SpongeBob, der Schwammkopf.

Eines Abends, und das passiert der privat wie beruflich gestressten Alleinerziehenden durchaus häufiger, kommt Billys Mutter (Claudia Balko) erst sehr spät nach Hause – vom Elternabend in der Schule. Bei dem es um Glotze und Gameboy gegangen ist: die Lehrerin hat ihr geraten, mit ihrem Sprössling einen Psychologen aufzusuchen! Als sie ihren fernsehsüchtigen Sohn noch zur Bett-Zeit vor der Glotze erwischt, droht sie ihm mit Fernsehentzug, um sich dann selbst zur „Tagesschau“ vor den Bildschirm zu setzen. Was der aufsässige Kleine naturgemäß nicht nachvollziehen kann: Ihm soll der Kasten verboten werden, wo doch Mutter selbst davorsitzt.

Die gibt den Kampf resigniert auf und zieht einen Schlussstrich: Die ganze Wohnung wird ab sofort zur fernsehfreien Zone erklärt. Am nächsten Tag landet Billy auf der Suche nach einem Flimmerkasten zunächst bei seiner Großmutter Therese (Claudia Balko) im Altenheim. Eine gute Tat, schließlich hat er sie schon ewig nicht mehr besucht. Allein: bei ihrem Gerät funktioniert nur noch der Ton, der Bildschirm bleibt schwarz. So erzählt er seiner im Rollstuhl sitzenden Oma – und, doll gespielter fliegender Rollenwechsel, ihrem Pfleger Heinz-Otto (Thomas Ahrens), den Film zur Tonspur nach. Dino-Junkie Billy versucht es nun beim Nachbarskind Sabina Tesic (schon wieder die ungemein wandlungsfähige Claudia Balko).

Die trägt zwar eine Brille und muss Flöte üben, ist also blöd in seinen Augen. Hat aber weder Lust, ihr Nasenfahrrad aufzusetzen noch in den dummen Stab zu blasen. Ist also ganz in Ordnung. Aber leider steht nur ein TV-Gerät mit Kindersicherung in der guten Stube. Was tun? Die Kinder toben in der Wohnung herum, spielen Banküberfall und machen manchen anderen Unsinn, der Spaß macht. Leider geht dabei Sabinas Geburtstagsgeschenk für ihre Mutter zu Bruch, ein Saugroboter im Wert von 149 Euro. Den soll Billy nun bezahlen.

Der schwänzt anderntags die Schule, um sich seine Überlebens-Ration an Flimmer-Bildern bei den Kaufhaus-Monitoren zu holen. Billys Mutter ist ratlos und klagt ihr Leid Sabinas Vater, ihrem Obst- und Gemüsehändler. Der weiß Rat: Seine Tochter soll auf ihren Sohn aufpassen und ihm dabei ganz nebenbei auch bei den Schulaufgaben helfen. Freilich: die Sache mit dem kaputten automatischen Staubsauger ist noch nicht ausgestanden. Zumal Oma erstaunt bei ihrer Tochter nachgefragt hat, warum Billy unbedingt 150 Euro benötigt. Was also tun? Sabina und Billy bereiten eine Theateraufführung für das Geburtstagsfest von Frau Tesic vor.

Und auch Billys Mutter will wieder mehr mit ihrem Sohn gemeinsam unternehmen. So kommt der große Fernseher zu Oma ins Altenheim. Was Billy gar nichts ausmacht: hat er mit der Brillenschlange Sabina doch eine tolle Freundin gewonnen. Und aktives Dino-Theater (auf dem Theater) macht sowieso mehr Spaß als passives Dino-Glotzen.

Zwei Schauspieler im fliegenden Wechsel in sieben Rollen, dazu linkerhand auf Uwe Nebes Bühne, die aus vier variablen Modulen besteht, der Percussonist und Vibraphonist Thomas Holm im Dauereinsatz: „Flimmer-Billy“ ist in Jens Neumanns so federleichter wie temporeicher Inszenierung großes Theater für kleine Zuschauer, die am furios-spielfreudigen Darsteller-Duo ihre helle Freude haben.

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