Der Tote im Nachtzug

Frankfurter „Tatort“ mit Joachim Król

Conny Mey (Nina Kunzendorf, l.) und Kollege Frank Steier (Joachim Król, r.) sprechen mit der hochschwangeren Witwe Elsa Lange (Inka Friedrich).
Conny Mey (Nina Kunzendorf, l.) und Kollege Frank Steier (Joachim Król, r.) sprechen mit der hochschwangeren Witwe Elsa Lange (Inka Friedrich). Foto: Johannes Krieg/Hessischer Rundfunk

Als der Schlafwagen-Schaffner einem Reisenden den soeben erst bestellten Kaffee ins Abteil bringen will, findet er den Mann blutüberströmt auf dem Bett vor. Und für den Nachtzug aus Warschau ist ein von der Polizei umstelltes Nebengleis des Hauptbahnhofs in Frankfurt am Main außerplanmäßige Endstation. Als die Kriminalhauptkommissarin Conny Mey (Nina Kunzendorf), die früh morgens übers Handy beim Joggen benachrichtigt worden ist und den Bahnhof zeitgleich mit ihrem Kollegen Frank Steier (Joachim Król) in, so zumindest dessen Ansicht, allzu sportlicher Kleidung erreicht, ist der Mann im Schlafwagenabteil seinen Verletzungen erlegen - und ein Verdächtiger beim Eintreffen der Polizei geflohen. Frank Steier, obwohl nach einer Stichverletzung noch krankgeschrieben, ist von seinem Vorgesetzten (Gerd Wameling) quasi aus dem Bett der Reha-Klinik geholt worden.

Was ihm einerseits schmeichelt: Der Chef der Mordkommission hält Kollegin Mey allein für überfordert. Was ihn andererseits aber selbst überfordert angesichts andauernder Schmerzen und einem psychischen Gesamtzustand, der nur als labil bezeichnet werden kann. Was allerdings, wie die „Tatort“-Fans noch aus der ersten, ebenso von Lars Kraume geschriebenen und verfilmten Folge des neuen hessischen Ermittler-Duos, „Eine bessere Welt“, wissen, beinahe der Normalität entspricht. Und Meys Freund, den Polizei-Psychologen Daniel Behnken (Arndt Klawitter) auf den Plan gerufen hat, der nun eine kaum noch marginal zu nennende Rolle spielt.

Hartmann (Rüdiger Kling), Thomsen (Benno Fürmann) und der Chef der Mordkommission (Gerd Wameling).
Hartmann (Rüdiger Kling), Thomsen (Benno Fürmann) und der Chef der Mordkommission (Gerd Wameling). Foto: Johannes Krieg/Hessischer Rundfunk

In „Der Tote im Nachtzug“ sieht alles nach einem Raubmord aus, zumal beim Opfer zwar die Quittung einer Warschauer Bank über die Abhebung von 15.000 Euro vorgefunden wird, nicht aber das Geld. Der erste, schwere Weg der Kommissare führt zur hochschwangeren Gattin des Ermordeten, zu Elsa Lange (Inka Friedrich). Von ihr erfahren sie, dass ihr Ehemann Rüdiger (Stephan Grossmann) Sanitäter bei der Bundeswehr in Afghanistan war, bevor er vor drei Jahren wegen Medikamentenmissbrauchs entlassen wurde.

Was sie verschweigt, Mey und Steier erst mühsam herausbringen müssen: Das Opfer und der flüchtige Hauptverdächtige, Stanislav Kilic (Jevgenij Sitochin), haben sich aus Afghanistan gekannt und vermutlich am Hindukusch gemeinsame Sache gemacht: Penicillin aus Bundeswehr-Beständen im Tausch gegen Rohopium, das über militärische Kanäle nach Europa gebracht worden ist. Beide haben offenbar einem Drogenring angehört. Wollte sich Stanislav rächen? Und was treibt die frischgebackene Witwe um, sich mit „Stani“ heimlich in einem Hotel der Mainmetropole zu treffen? Die sich, soweit der Fortschritt gegenüber dem Vorgänger, in Armin Alkers Bildern als zumindest nächtlich buntschillernde Weltstadt präsentiert. Der Fall bekommt eine neue Wendung, als plötzlich auch Feldjäger großes Interesse an Stanislav zeigen – und sich gegenüber den Polizei-Kollegen sehr zugeknöpft geben...

„Der Tote im Nachtzug“, der zweite „Tatort“-Fall des Ermittlerteams des Hessischen Rundfunks, basiert auf einem authentischen Fall aus dem Buch „Auf der Spur des Bösen“ des Kriminalkommissars und „Tatort“-Analytikers Axel Petermann. Die hochspannende Story bietet reichlich Gelegenheit, die persönliche Geschichte des so ungleichen Duos um weitere Facetten zu bereichern. „Aber ich brauch' Sie doch!“: Dass sich die toughe Mey und der introvertierte Steier näher kommen, liegt nicht nur am „Sequenzding“, an der in aller Ausführlichkeit geschilderten aufwendigen Rekonstruktion des Tathergangs im notabene engen Schlafwagenabteil: Sie scheint ehrlich bemüht um ihren nicht nur gesundheitlich angeschlagenen Kollegen mit klaustrophobischen Angstzuständen. Selbst als er ihre Geste, ihn bei der Rückkehr an seinen Büro-Schreibtisch mit einem Blumenstrauß zu überraschen, abschätzig mit „Mädchengemüse“ quittiert.

Umgekehrt ist es Steier, der sich um Conny Mey sorgt, als diese bei einer wilden Verfolgungsjagd durch die Katakomben des U- und S-Bahnhofs der Frankfurter Hauptwache mittels Elektroschocker außer Gefecht gesetzt wird. Freilich nur für kurze Zeit, dann kann sich die langbeinige Kommissarin, die gefühlt mehrere Tage lang im kurzen Jogginghöschen unter der Lederjacke mit „Polizei“-Aufdruck unterwegs ist, wieder den Ermittlungen widmen – und ganz speziell einem plötzlich gar nicht mehr zugeknöpften MAD-Ermittler, dem Bundeswehr-Offizier Thomsen (Benno Fürmann). Auf die richtige Spur aber führt einmal mehr der beharrliche Haudegen Steier: Er findet an den Bahngleisen die Tatwaffe...

„Der Tote im Nachtzug“, erstausgestrahlt am 20. November 2011 in der ARD und im Jahr darauf in Wiesbaden mit dem Deutschen Fernsehkrimi-Preis ausgezeichnet, ist in mehrfacher Hinsicht ein außergewöhnlicher Krimi, nicht zuletzt weil er Fragen aufwirft, wie weit Staatsbeamte gehen dürfen, um durch Rechtsbeugung Gerechtigkeit zu schaffen, die auf rechtlichem Wege nicht erreicht werden kann. Wenn die „Tatort“-Reihe den Anspruch hat, Fiktion auf der Basis von Realität zu erzeugen, und vor allem deshalb ist sie neben dem „Polizeiruf 110“ auch die erfolgreichste Krimiserie Deutschlands, muss der überraschende und hier natürlich nicht preisgegebene Ausgang in den entsprechenden Gremien diskutiert werden. Und das umso mehr in einer Zeit, wo es nicht nur um „einfache“ Fälle von Selbstjustiz geht, sondern um die Verstrickung von MAD, Verfassungsschutz und anderen staatlichen Organen in terroristische Verbrechen. Bananenrepublik Deutschland.

Der Hessische Rundfunk wiederholt „Der Tote im Nachtzug“ jetzt zweimal in seinem Dritten Fernsehprogramm: Am Montag, 10. Mai 2021, um 21.45 Uhr sowie am Dienstag, 11. Mai 2021, um 22.30 Uhr.

Mai
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Montag, 10. Mai 2021, um 21:45 Uhr

Weitere Termine:

  • Dienstag, 11. Mai 2021, um 22:30 Uhr
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