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Furiosen Pas de quatre mit (vorn, v.l.) Maria Trautmann, Lea Kallmeier, William Cooper und Lukas von der Lühe.

Mark Twains letzte Erzählung in Bochum

Der geheimnisvolle Fremde

Im kleinen, verschlafenen österreichischen Ort „Eselsdorf” des Jahres 1590, erklärt uns der auch als Erzähler fungierende Theodor (William Cooper), scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Auf der Videowand an der Stirnseite der einstigen „Zeche 1“ im Bochumer Süden, wo sich Stück für Stück das Mosaik eines idyllischen Dorfes zusammenfügt. Und jedenfalls als Schüler. Müssen sich Theodor und seine Klassenkameraden Nikolaus (Lukas von der Lühe) und Seppi (Maria Trautmann) doch nicht sonderlich anstrengen: Wissen bedeutet für die „Allerweltsmenschen“, worunter das gemeine Volk zu verstehen ist, nichts Gutes, Gottesfurcht ist wichtiger. Meinen jedenfalls die beiden Pater im Sprengel, Peter (sorgt am Smartboard rechterhand auch für die außergewöhnlichen Visuals: Michael Habelitz) und Adolf (Lühe).

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Eines Tages taucht ein merkwürdiges Wesen in Schlips und Kragen (in Grautönen fein abgestufte Kostüme: Ester van de Pas) auf, das sich als Engel ausgibt und behauptet, die Nichte des Teufels zu sein. Es ist freilich der Satan (Lea Kallmeier), der sich mit den fröhlich tanzenden Kindern zu einem furiosen Pas de quatre auf dem von einer u-förmigen Spielfläche umgebenden Podest (Choreographie: Arthur Schopa) vereint. Und das Trio mit seinen übernatürlichen Fähigkeiten bannt, kann er doch Gedanken lesen, in der Zeit reisen und sogar den Lauf des Schicksals verändern.

So als Pater Peter seine Geldbörse verloren hat. Als er sie im Beisein der Kinder wiederfindet, freut er sich nach einigen moralischen Bedenken über die wundersame Dukaten-Vermehrung, kann er doch nun seinen finanziellen Verpflichtungen nachkommen. Doch Pater Adolf behauptet vor dem Richter (Manuel Loos), sein Amtsbruder habe ihm das Geld gestohlen. Der Satan verspricht den Kindern, dass der von ihnen verehrte Peter nicht verurteilt wird. Er hält sein Versprechen, aber auf seine Weise: Pater Peter wird freigesprochen, verliert aber gleichzeitig den Verstand. Er hält sich nun für den Kaiser – und damit für einen glücklichen Menschen. Den darob unzufriedenen Kindern antwortet der Satan: „Wer klaren Geistes ist, kann nicht glücklich sein.“

Herausragend als Theodor wie als Erzähler: William Cooper vor den Live-Visuals von Michael Habelitz.

An seiner 1916 posthum aus dem Nachlass herausgekommenen 160-seitigen Erzählung „The Mysterious Stranger“ hat der amerikanischen Autor Mark Twain (1845 – 1910) mit Unterbrechungen von 1897 bis 1908 gearbeitet. Er schrieb mehrere Versionen der Geschichte, aber jede von ihnen handelt von einem übernatürlichen Charakter namens „Satan“ oder „Nr. 44“. In ihnen geht es um menschliche Abgründe wie Krieg, Folter, Mobbing und Hexenverbrenungen. Aber auch um große philosophisch Fragen: Ist „Sünde“ eine menschliche Bestimmung wie „Gut“ und „Böse“, „Gott“ und „Teufel“? Wo bleibt das göttliche Erbarmen, wenn zwei kleine Kinder ertrinken?

Das moralische Bewusstsein soll angeblich den Menschen von den Tieren unterscheiden. Was aber gilt in Kriegszeiten ein Menschenleben? Der Satan behauptet: Der moralische Mensch hat die Wahl – und entscheidet sich zu 90 Prozent für das Unrecht. Weshalb Menschen sich wie Schafe verhalten: Sie folgen den Mächtigen ohne eigenen Willen, gehorchen schweigend. Krieg, immer wieder Krieg – bis hin zu Star Wars. „Wo führt das hin?“ fragt der Satan. Und gibt selbst die Antwort: „Nirgendwohin!“. Kann Theodor ihm widersprechen?

Das Leben ein Traum behauptete schon der spanische Dramatiker und Poet Pedro Calderón de la Barca in seinem 1635 in Madrid uraufgeführten Versdrama „La vida es sueño“. Daran schließt der junge Satan in Mark Twains Erzählung, deren sämtliche Fassungen unvollendet blieben, an, als er sich nach einem Jahr von den Kindern des österreichischen Dorfes verabschiedet. Martina van Boxen, die von 2005 bis 2018 das Junge Schauspielhaus Bochum leitete, bevor sie ans Staatstheater Kassel ging, hat mit ihrer eigenen Adaption der deutschen Übersetzung von Oliver Fehn, die 2012 im Pandämonium Verlag erschienen ist, erstmals wieder an alter Wirkungsstätte inszeniert.

„Rhythm Is It!“ könnte, frei nach der eindrucksvollen Doku von Thomas Grube und Enrique Sánchez Lansch, das Motto des musikalischen Leiters Manuel Loos sein, der linkerhand für perkussive Live-Klänge und Geräusche sorgt, während die auch als A-capella-Sänger überraschenden Darsteller zwischendurch immer wieder zu Trommeln und elektronischen Instrumenten greifen. In Verbindung mit den bisweilen an surreale Bildwelten, aber auch die politischen Fotomontagen John Heartfields erinnernden Live-Visuals von Michael Habelitz gelingt Martina van Boxen binnen gut einer Stunde eine äußerst lebendige Inszenierung dieser sehr philosophisch-hintergründigen Geschichte über den moralischen Hochmut sich selbst als Krönung der Schöpfung haltender Menschen.

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„Der geheimnisvolle Fremde“ feierte am 29. Januar 2023 im Theaterrevier an der Prinz-Regent-Straße (neben der „Zeche“) in Bochum Premiere und steht, neben zahlreichen vormittäglichen Schulaufführungen, vorerst noch dreimal als Familienvorstellungen für alle ab 13 Jahren auf dem Spielplan, Karten unter schauspielhausbochum.de oder Tel 0234 – 33 33 55 55.

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  • Samstag, 4. Februar 2023, um 18 Uhr
  • Sonntag, 5. Februar 2023, um 16 Uhr
  • Mittwoch, 8. Februar 2023, um 18 Uhr
| Quelle: Pitt Herrmann