Das Wundertheater/Wachsfigurenkabinett

Kurzweiliges von Hans Werner Henze und Karl Amadeus Hartmann

Christopher Richard Hochstuhl und Rina Hirayama als Theaterprinzipale in Henzes „Das Wundertheater“.
Christopher Richard Hochstuhl und Rina Hirayama als Theaterprinzipale in Henzes „Das Wundertheater“. Foto: Sascha Kreklau

Neue Musik hat eine lange Tradition in der Gelsenkirchener Oper, das lässt sich gut am Beispiel der fünf Hartmann-Kurzopern „Wachsfigurenkabinett“ belegen: Vor 27 Jahren konnte der Komponist Johannes Kalitzke für ein längerfristiges Engagement verpflichtet werden. Mit seinem „Forum für (Neue) Musik“ setzte er Maßstäbe für weit größere, besser ausgestattete Bühnen in unserem Land. Als Auftakt hatte er am 6. Januar 1996 die kleinen Kammeropern Karl Amadeus Hartmanns (1905 – 1963) gewählt.

Was Musical-Experte Dick Top zusammen mit Lothar Knepper am Pult aus den frühen Werken eines im Dritten Reich verbotenen Komponisten, der hierzulande weitgehend nur durch seine großen Arbeiten wie die Oper „Simplicius Simplicissimus“ bekannt ist, seinerzeit etwa mit Tom Erik Lie als Rasputin an szenischen Kabinettstückchen hervorzauberte, erreichte den Rang wundervoller Petitessen und ermöglichte vor allem auch den gegenüber expressiven, poly- und atonalen Kompositionen skeptisch eingestellten „Einsteigern“ eine geradezu schwebend-leichte, heitere erste Begegnung.

Margot Genet (vorn) als Prinzessin von Miami mit den fünf Sängern Yevhen Rakhmanin, Christopher Richard Hochstuhl, Oleh Lebedyev, Yisae Choi und Bogil Kim (hinten, v.l.) in „Wachsfigurenkabinett“.
Margot Genet (vorn) als Prinzessin von Miami mit den fünf Sängern Yevhen Rakhmanin, Christopher Richard Hochstuhl, Oleh Lebedyev, Yisae Choi und Bogil Kim (hinten, v.l.) in „Wachsfigurenkabinett“. Foto: Sascha Kreklau

Die fünf kleinen Opern, in den bewegten Zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts entstanden, offenbaren einen höchst witzigen, humorvollen jungen Komponisten, dessen unterhaltende Miniaturen stark von der Berliner und Münchener Kabarett-Brettl-Szene, aber auch von der Operette und der Revue jener Jahre beeinflusst sind. Zu Lebzeiten des Komponisten ist nur „Die Moritat vom Leben und Sterben des heiligen Teufels“ aufgeführt worden auf der Probebühne der Bayerischen Staatsoper München. Eine für 1930 in Münster geplante Uraufführung aller fünf Miniaturen verhinderte die Weltwirtschaftskrise.

Erst 1980 wurden sie anlässlich einer großen Hartmann-Ausstellung in der Bayerischen Staatsbibliothek München wiederentdeckt: die Witwe Elisabeth Hartmann hatte die handgeschriebenen Partituren zur Verfügung gestellt und Hans Werner Henze setzte die Uraufführung am 29. Mai 1988 im Rahmen der 1. Münchener Biennale für neues Musiktheater im Deutschen Museum durch. Die drei nur in Klavierauszügen vorhandenen Werke „Der Mann, der vom Tode auferstand“, „Chaplin – Ford – Trott“ und „Fürwahr“ wurden von den mit Hartmann künstlerisch verbundenen Komponisten Günter Bialas, Wilfried Hiller und Henze selbst instrumentiert.

Nun hat die ungarische Regisseurin und Berliner Hochschullehrerin Zsófia Geréb zusammen mit dem kurzfristig eingesprungenen musikalischen Leiter Gregor Rot, dem aus Österreich stammenden 1. Kapellmeister des Theaters Bielefeld, die Kurzopern Hartmanns mit Hans Werner Henzes am 7. Mai 1949 in Heidelberg uraufgeführter Kurzoper „Das Wundertheater“ kombiniert zu einem eher heterogenen zweieinhalbstündigen Abend. Dieser Doppel- bzw. Sechsfach-Abend mit zwei stilistisch höchst unterschiedlichen Partituren gibt acht Mitgliedern des Opernstudio NRW die Chance, ihre enorme musikalische und darstellerische Flexibilität zu zeigen.

Das Publikum nimmt auf der Rang-Tribüne Platz, während Parkett und Bühne des Kleinen Hauses den beiden Opernstudio-Pianistinnen Maddalena Altieri und Atsuko Ota sowie der Neuen Philharmonie Westfalen vorbehalten sind. In der 45-minütigen Kurzoper „Das Wundertheater“, das Libretto Adolf Friedrich Graf von Schacks bezieht sich auf ein gleichnamiges Intermezzo von „Don Quixote“-Autor Miguel de Cervantes aus dem Jahr 1615, führt eine von Chanfalla (Christopher Hochstuhl) und seiner Gefährtin Chirinos (Rina Hirayama) geleitete Theatertruppe eine scheinheilige Dorfgesellschaft mit einer komplett unsichtbaren Bühnenshow an der Nase herum. Nur wer in einer „rechtmäßigen christlichen Ehe“ gezeugt worden sei, könne die Spektakel auf der Bühne sehen, behauptet der Direktor. Da möchte sich natürlich niemand eine Blöße geben – und schnell ist ein schwarzes Schaf gefunden. Erst ein hinzugekommener Fourier (der Bochumer Schauspieler Maximilian Strestik als ahnungsloser Offizier) stellt die Illusion infrage – und wird überwältigt.

Das variable Treppenkonstrukt des Berliner Ausstatters bulgarischer Herkunft, Ivan Ivanov, ist für den zweiten Teil erweitert worden. Der „Wachsfigurenkabinett“-Reigen nach einem Libretto von Erich Bormann beginnt mit „Leben und Sterben des heiligen Teufels“ und entführt das Publikum an den Zarenhof, wo der Wanderprediger Rasputin (Demian Matushevskyi) nicht nur von der Großfürstin (Heejin Kim), sondern überhaupt von der Damenwelt als hellseherischer Wunderheiler – und potentes Mannsbild – vergöttert wird.

„Der Mann, der vom Tode auferstand“ bringt das neue Medium Radio in die Musiktheaterwelt: ein Reicher (Yevhen Rakhmanin) wird vom Lärm vor seiner Haustür aufgeschreckt. Er fürchtet um Hab und Gut, dabei ist es nur die Rundfunkübertragung einer Revolutionsoper, die ihn scheinbar auf die Anklagebank des Proletariats setzt. Denn vor seiner Tür steht…

Slapstick ist angesagt in „Fürwahr…?!“, der Skizze über zwei Betrunkene, die sich beim mehrfach scheiternden Versuch, die Haustür aufzuschließen, nicht als Vater (Yisae Choi) und Sohn (Oleh Lebedyev) erkennen. Ein Schutzmann (Christopher Hochstuhl) schlichtet auf ungewöhnliche Weise…

„Die Witwe von Ephesus“ entführt in das Reich der Mythologie: ein Mann (Christopher Hochstuhl), der gehängt werden soll, weil er seine Familie nicht mehr ernähren kann, will nicht sterben – und begegnet einer Witwe (Margot Genet), die ohne ihren verstorbenen Gatten nicht weiterleben will. Daraus ergeben sich neue Möglichkeiten…

Beim ur-amerikanischen revueartigen Bilderbogen „Chaplin – Ford - Trott“ schließlich handelt es sich um eine „szenische Jazzkantate“ als Hommage an das Land der unbegrenzten Möglichkeiten: eine Liebesgeschichte mündet in einen Mord aus Langeweile...

Zsófia Geréb verknüpft die Geschichten untereinander durch die Besetzung. Ein paradigmatisches Beispiel: Aus dem paranoiden Reichen in „Der Mann, der vom Tode auferstand“, wird der verstorbene Gatte in „Die Witwe von Ephesus“, der statt des vorgesehenen Opfers, das mit der Witwe fliehen kann, an den Galgen gehängt wird.

Der Doppelabend „Das Wundertheater. Wachsfigurenkabinett“ steht noch zweimal auf dem Spielplan: Am Donnerstag, 23. Juni 2022 und am Freitag, 24. Juni 2022, jeweils um 19:30 Uhr im Kleinen Haus, Karten unter musiktheater-im-revier.de oder Tel 0209/4097200.

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  • Donnerstag, 23. Juni 2022, um 19:30 Uhr
  • Freitag, 24. Juni 2022, um 19:30 Uhr
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