Das platte Kaninchen

Die schönste Luftbestattung der Welt

v.l. Eric Rentmeister und Xolani Mdluli in: Das platte Kaninchen.
v.l. Eric Rentmeister und Xolani Mdluli in: Das platte Kaninchen. Foto: Martin Möller

Vor einer hässlichen Plattenbau-Hochhausfassade (Ausstattung: Stefanie Stuhldreier) schläft ein Mann, der seinen Kopf unter einem Karton versteckt hat. Ihm gegenüber hat es sich ein anderer Mann unter einer Parkbank eher minder als mehr bequem gemacht. Lauter Verkehrslärm weckt die beiden. Bei denen es sich um Obdachlose handeln könnte. Zumindest in der sehr realen Inszenierung Andrea Kramers am Gelsenkirchener Consol-Theater für alle ab vier Jahren, die nun während des NRW-weiten Kinder- und Jugendtheaterfestivals Spielarten 2019 in den Herner Flottmannhallen gastierte.

Wie im Lüfter hoch unter dem Dach des Consol-Theaters sitzen die jungen Zuschauer zu beiden Seiten der schmalen Spielfläche, bei der es sich um eine vielbefahrene Straße handelt. Als der eine einen Pizzakarton im Abfallkorb neben der Bank findet, will er den Inhalt keinesfalls mit seinem inzwischen ebenfalls auf den Beinen stehenden hungrigen Gegenüber teilen. Der alle Not hat, dem starken Autoverkehr trotzend die Straßenseite zu wechseln, um sich doch noch ein Stück Pizza zu sichern. Zwei inmitten des Publikums furios agierende Tänzer und Schauspieler, die auch als Geräuschemacher überzeugen, Xolani Mdluli, der aus Eupen, dem deutschsprachigen Teil Belgiens, stammt, und der Kölner Eric Rentmeister verkörpern jedoch keine menschlichen Randexistenzen.

Gemäß der gleichnamigen Vorlage des 1932 in Hafnarfjördur, Island, geborenen und jetzt in Reykjavik lebenden Schriftstellers und Zeichners Barour Oskarsson aus dem Jahr 2013 handelt es sich bei den Protagonisten des von der Regisseurin Andrea Kramer und der Dramaturgin Sylvie Ebelt adaptierten Stücks „Das platte Kaninchen“ um zwei futterneidische Tiere – einen Hund und eine Ratte. Den beiden fällt ein plattgefahrenes Kaninchen sozusagen vor die Füße. Der Hund meint zunächst, dass er das Kaninchen kennt. Aber das stimmt wohl doch nicht. Dennoch sind sich die beiden, die gerade noch um besagtes Stück Pizza beinahe handgreiflich gerungen haben, darin einig, dass das tote Tier nicht einfach so auf der Straße liegen bleiben kann.

Obwohl es zunächst gar nicht den Anschein hat, dass im platten weißen Fell kein Funken Leben mehr steckt. Was die Spannung erhöht und den Kleinsten im Publikum die Angst nimmt. Wie überhaupt Andrea Kramer auf die spielerische Leichtigkeit des Seins setzt: die beiden Akteure haben alle Freiräume, zur Musik von Miriam Berger auch ihre tänzerischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Als sie im Papierkorb noch einen Regenschirm und ein paar Stöcke finden, kommt ihnen die Idee für die schönste Luftbestattung der Welt...

Das platte Kaninchen ist in der Consol-Theaterfassung eine 45-minütige Geschichte von heiterer Leichtigkeit, die mit philosophischem Augenzwinkern von Mitgefühl und Respekt erzählt – und weniger von existentiellen Fragen nach Leben und Tod wie in der Vorlage Oskarssons. Der hauptsächlich als Lyriker tätig ist und die Gedichte Federico Garcia Lorca ins Dänische übersetzt hat. Die nächste Vorstellung: Am Sonntag, 24. November 2019, um 15 im Consol Theater an der Bismarckstraße 240 in Gelsenkirchen (die Vorstellungen am 25., 26. und 27. November 2019 sind bereits ausverkauft). Karten unter Tel 0209 – 98 822 82.

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