'Das Beste aus der Situation machen'

Distanzunterricht stellt LWL-Förderschulen vor Herausforderungen

Sebastian Büsing von der Michael-Ende-Schule mit dem Förderschwerpunkt Sprache sieht wie viele Lehrer aktuell seine Schüler nur in Videokonferenzen. Auch nach dem 22. Februar wird der Distanzunterricht an vielen Förderschulen weiterhin zum Alltag gehören.
Sebastian Büsing von der Michael-Ende-Schule mit dem Förderschwerpunkt Sprache sieht wie viele Lehrer aktuell seine Schüler nur in Videokonferenzen. Auch nach dem 22. Februar wird der Distanzunterricht an vielen Förderschulen weiterhin zum Alltag gehören. Foto: LWL/M. Büsing

Westfalen-Lippe (lwl). Schulschließungen, Distanzunterricht und (Not-)Betreuung - die Corona-Pandemie stellt auch die Förderschulen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) vor große Herausforderungen. Denn die Bedürfnisse und Möglichkeiten der Schüler unterscheiden sich auch innerhalb eines Förderschwerpunktes mitunter so stark, dass der Unterricht zuhause nicht für alle Schülerinnen in gleicher Form umsetzbar ist. „Alle Beschäftigten - die Lehrkräfte und alle Beschäftigten im Bereich Verwaltung, Therapie und Pflege - und die Eltern setzen sich auch und gerade in dieser Zeit mit außerordentlichem Engagement für eine bestmögliche Bildung und Förderung der Kinder und Jugendlichen mit Behinderung ein. Der Anspruch auf gleichberechtigte Teilhabe darf auch in dieser Zeit der Corona-Pandemie nicht aus dem Blick geraten“, sagt Birgit Westers, LWL-Schul- und Jugenddezernentin.

Die Pandemie hat den Unterricht an Förderschulen stark verändert - keine außerschulischen Aktivitäten, keine klassenübergreifenden Projekte, kaum gemeinsame Aktionen innerhalb der Klasse. Die zurzeit andauernden Schulschließungen haben die Möglichkeiten der individuellen Förderung noch weiter eingeschränkt und erfordern viel Kreativität. „Aktuell findet der Unterricht rein digital als Distanzlernen statt, sodass nun fast alle Schüler und Lehrer von zu Hause arbeiten. Dadurch ist es aber auch komplizierter geworden, den Schülerinnen etwas zu erklären“, weiß Christina Beck, Schulleiterin der Ravensberger Schule mit dem Förderschwerpunkt Sprache in Bielefeld. „Einige Lehrerinnen erstellen kurze Videos, um schwierige Inhalte anschaulicher zu vermitteln. Andere haben sich zu Hause ihre eigenen Tafeln gebastelt.“ Aus ihren Erfahrungen im ersten Lockdown haben alle Kollegien der 35 LWL-Förderschulen gelernt: „Manche Fächer und Themen erfordern eine konstante Betreuung durch die Lehrer per Videokonferenz, in anderen Fächern gibt es dagegen längerfristige Aufgaben zum selbstständigen Arbeiten“, sagt Beck.

Als Träger unterstützt der LWL die Förderschulen unter anderem mit 2.500 IPads für die Schüler und 800 Laptops für die Lehrkräfte. Die LWL-Förderschulen müssen hier auch auf die Barrierefreiheit der Anwendungen achten und die Inhalte individuell auf den Grad der Behinderung sowie die Selbstständigkeit ihrer Schüler anpassen. „Für den Umgang mit der Lernplattform haben wir insbesondere unsere blinden Schülerinnen während des Präsenzunterrichts geschult“, erklärt Andreas Liebald, Leiter der von-Vincke-Schule für Blinde und Sehbehinderte in Soest. „Über die Plattform werden Aufgaben gestellt und abgegeben sowie Videokonferenzen durchgeführt. Schüler, die aufgrund ihres Alters oder der mangelnden Barrierefreiheit die Anwendung nicht nutzen können, werden per E-Mail oder auch Post mit Unterrichtsmaterial versorgt.“ Auch wenn sich das Distanzlernen am regulären Stundenplan orientiert, müssen die Schülerinnen ihre Tagesabläufe und das Bearbeiten der Aufgaben zu Hause viel mehr selbst strukturieren. Das fällt gerade jüngeren Schülern noch schwer. Die Unterstützung der Kinder im Distanzunterricht ist dadurch auch für die Eltern und die Familie eine besondere Belastung.

Eine große Herausforderung für den LWL als Schulträger war und bleibt die Organisation des Schülerspezialverkehrs. Im Normalbetrieb befördern im Auftrag des LWL 65 Beförderungsunternehmen auf rund 1.314 Buslinien etwa 5.200 Schülerinnen täglich. Eine Mammutaufgabe, erst recht bei verschärften Hygienevorgaben und wechselnden Schulmodellen in Corona-Zeiten. „Gemeinsam mit den beauftragten Unternehmen stellen wir sicher, dass die Kinder und Jugendlichen auch in dieser Zeit zuverlässig und sicher befördert werden“, so Westers.

Die Rheinisch-Westfälische Realschule in Dortmund beispielsweise betreut Schüler mit Hörbehinderung sogar aus ganz NRW. „Unsere Schülerinnen und Schüler haben selten Freunde in direkter Nähe zum Wohnort. Die Schule, das Internat und die Sportvereine sind die wichtigsten Orte für soziale Kontakte“, sagt Corinna Braun, Schulleiterin in Dortmund. „Momentan findet alles, auch das Privatleben, nur digital statt. Das führt zu einer besonderen Vereinsamung von Menschen mit Behinderung. Vor allem Schüler mit häuslichen oder psychischen Problemen verlieren in dieser Situation sehr viel schneller den Boden.“ Der regelmäßige Austausch zwischen den Lehrern, Eltern und Schülerinnen über Videokonferenz, Telefon oder E-Mail ist daher wichtig.

In der (Not-)Betreuung sind aktuell mit insgesamt rund 630 Schülern - das entspricht etwa zwölf Prozent aller Schülerinnen der LWL-Förderschulen - zwar nur wenige Kinder, die Nachfrage steigt aber mit der Dauer des Lockdowns. Die Felsenmeerschule in Hemer mit dem Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung betreut vor Ort zurzeit 18 von insgesamt 250 Schülern. „Das Verständnis bei den Eltern ist hoch. Die Familien wollen sich und andere schützen“, erzählt Schulleiter Thomas Bömelburg. „Die Schülerinnen in der Notbetreuung sind nach Alter in drei Gruppen unterteilt und nehmen normal am Distanzunterricht teil. Außerdem findet das Therapieangebot weiterhin individuell statt.“

Während der Schulschließungen im Frühjahr 2020 zeigte sich, dass der Therapieausfall vor allem für mehrfach schwerstbehinderte Schülerinnen zu Rückschritten in der Entwicklung und erheblichen gesundheitlichen Folgen geführt hat. Um die Therapien während des jetzigen Distanzunterrichts unter Einhaltung aller Hygienevorschriften weiterhin anbieten zu können, hat der LWL flexible Arbeitszeitmodelle für die Therapie- und Pflegekräfte gestaltet. Wie im Bereich des Schülerspezialverkehrs wechselt auch hier die Anzahl der Schüler, die das Therapieangebot täglich wahrnehmen, fast täglich.

Neben den verbesserten digitalen Kenntnissen, beobachten die Schulen auch positive Entwicklungen in der Zusammenarbeit auf Distanz. „Alle, Lehrerinnen, Schüler und Eltern, sind positiv an das Thema herangegangen und strengen sich wirklich an, das Beste aus der Situation zu machen“, erzählt Christa Grziwocz, Schulleiterin der Michael-Ende-Schule in Olpe mit dem Förderschwerpunkt Sprache. „Teilweise wirkt sich das Distanzlernen auch positiv auf Schülerinnen mit Formen des Autismus aus, die anders als im Präsenzunterricht nun neue Facetten ihrer Persönlichkeit zeigen, mit anderen offener kommunizieren und in Interaktion treten können.“

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