Superintendentin zum Weihnachtsfest 2020

Superintendentin Claudia Reifenberger

Claudia Reifenberger.
Claudia Reifenberger. Foto: Privat

„Ich wünsche Dir alles Gute. Du sollst immer Äpfel finden an einem Baum, wenn Du sie brauchst.“ Zum Abschied aus meinem Dienst als Pfarrerin in der Kirchengemeinde vor wenigen Wochen schenkt ein Kind mir ein buntes Bild. Und seinen Wunsch. Er ist so ausgefallen, dass ich immer wieder darüber nachdenken muss. Und ich frage mich tatsächlich, wann ich Äpfel dringend brauchen könnte. In welcher Situation wären Äpfel für mich die Lösung? Oder täten mir mindestens gut? Einen Hinweis erhalte ich ganz überraschend in der vorigen Woche.

Beim Fernsehen. „Der Baum wird früher gekauft als sonst“, sagt der Christbaumhändler aus dem Ruhrgebiet auf die Frage des Reporters, wie das Geschäft in diesem Jahr läuft. „Ich könnte mir vorstellen, weil man im Homeoffice mehr Zeit zuhause verbringt und der Einsamkeit mit ein paar Lichtern und bunten Kugeln entgegenwirken will.“ Ein Baum. Die bunten Kugeln. Was wir an die Zweige hängen, es erfreut nicht nur unsere Augen, sondern hat auch einen hohen Symbolgehalt. Bevor es 1870 technisch möglich wurde Glaskörper von innen zu versilbern und Christbaumkugeln herzustellen, hingen tatsächlich echte Äpfel am Baum. Weil der Apfel im Lateinischen Malum heißt, dieser Begriff aber auch Übel, Leid, Fehler oder Unheil bedeutet, schlossen unsere Vorfahren, dass die Frucht am Baum der Erkenntnis im Paradies nur ein Apfel gewesen sein konnte. Als es üblich wurde in den Kirchen das biblische Geschehen zu spielen, gehörte am Heiligen Abend auch das Paradiesspiel dazu. Es wurde vor dem Krippenspiel aufgeführt, denn es erklärte, wie die Sünde in die Welt gekommen ist.

Der „Baum der Erkenntnis“, der auch im Winter grün sein musste, denn Früchte hängen nicht an abgeblätterten Bäumen.
Der „Baum der Erkenntnis“, der auch im Winter grün sein musste, denn Früchte hängen nicht an abgeblätterten Bäumen. Foto: Ev. Kirchenkreis Herne

Zur Spielszene gehörte auch der Baum der Erkenntnis, der auch im Winter grün sein musste, denn Früchte hängen nicht an abgeblätterten Bäumen. Wenn das Paradiesspiel vorüber war und das Spiel der Geburt des Heilands begann, blieb der Paradiesbaum stehen und wurde so zum Vorläufer für den Christbaum, den wir kennen. Die roten Äpfel und die Schleifen versinnbildlichten das Blut, das der Neugeborene später vergießen wird, um die Menschen zu erlösen. Damit drückten die Menschen aus, dass Krippe und Kreuz eine Einheit bilden und dass der Neugeborene zugleich als Erlöser und nicht als bloßes Kleinkind gefeiert wird. Davon singen auch die Weihnachtslieder in unserem Gesangbuch. Die gesamte Heilsgeschichte verdichtet sich so in der Symbolik des Baums mit seinen Äpfeln. Dem Christbaum wohnte schon immer eine besondere Faszination inne. Und vielleicht ist es deshalb nicht verwunderlich, dass in diesem ungewöhnlichen Jahr die Bäume früher gekauft werden, und es werden sogar mehr Bäume gekauft als sonst.

Und wenn sie dann leuchten in der Heiligen Nacht und in der Weihnachtszeit, dann erzählen sie vom guten Ursprung und Anfang des Lebens. Von der Sehnsucht Gottes, aus der alles Leben stammt. Von Gottes Liebesbedürftigkeit, mit der er sich uns Menschen zuwendet im Geschenk des Heilands: „Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis; der Cherub steht nicht mehr dafür. Gott sei Lob, Ehr und Preis.“

Es mag sein, dass an diesem Weihnachtsfest 2020 der Trost besonders nötig ist. Die Zusage, dass Gott diese Welt und unser Leben in der Hand hält. Trotzdem und durch alle Unsicherheit und Bedrohung hindurch. Und dass die Zukunft heilvoll ist.

„Ich wünsche Dir alles Gute. Du sollst immer Äpfel finden an einem Baum, wenn Du sie brauchst.“ Das wünsche ich Ihnen zu diesem Weihnachtsfest!

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