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Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder lässt sich gern an der Seite von Alex Karp sehen – und ablichten.

Die Welt von Palantir und Alex Karp

Neu im Kino: Watching You

Update, Donnerstag, 20.6.2024

Läuft weiterhin im Metropol Düsseldorf.

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Update, Donnerstag, 13.6.2024

Der Film läuft weiterhin in der Endstation Bochum und im Sweetsixteen Dortmund.

Wie ein 'Running Gag' durchzieht eine Szene die knapp hundertminütige Dokumentation „Watching You“, in der ein gutaussehender junger Mann in Frankfurt am Main auf Treppenstufen vor einem Haus sitzt, um sich eine dicke Zigarre anzuzünden. Mit Streichhölzern, die vom Wind immer wieder vorzeitig ausgeblasen werden. Es sind frühe Filmaufnahmen des Kameramannes Thomas Giefer aus den 1990er Jahren, als der junge Mann am Sigmund Freud-Institut der Mainmetropole promovierte.

Bei ihm handelt es sich um den buntschillernden, milliardenschweren US-Unternehmer Alex Karp, der 2003 zusammen mit dem deutschstämmigen Peter Thiel, einem reaktionären Libertären mit recht bizarren Ansichten, der heute offen Donald Trump unterstützt, in Palo Alto die Firma Palantir Technologies gründete. Diese hat die so erfolgreiche wie höchst umstrittene Datenanalyse-Software „Gotham“ entwickelt, welche einerseits Staaten zur umfassenden Überwachung ihrer Bürger befähigt und andererseits Geheimdienste, Militär und Polizeibehörden, letztere auch in Deutschland, mit Informationen unterstützt, die Verbrechen aufklären, aber auch zum gezielten Töten genutzt werden können.

Software kann helfen – und töten

Palantir „macht“ Analyse-Software: Data Mining analysiert wie kein anderes Produkt riesige, unstrukturierte Datenmengen. Dieses Zusammenspiel ermöglicht erst das Erschaffen künstlicher Intelligenzen. Diese Big-Data-Software wird von automatisierten Handelssystemen an Börsen ebenso genutzt wie bei der Aufdeckung von Betrug und bei der Geheimdienstarbeit. Immer geht es darum, in gigantischen Datenmengen die entscheidenden Muster zu finden. Die Kunden in aller Welt schätzen an Palantir besonders die Benutzerfreundlichkeit.

Thomas Giefer hat den jungen Frankfurter Doktoranten Alex Karp in den 1990er Jahren in Groucho Marx-Manier mit Zigarre inszeniert.

Derzeit ist Palantir wichtiger Partner der Ukraine im Verteidigungskrieg gegen Russland. Die Firma ist so verschwiegen wie mysteriös. Sie wurde groß mit ihrer Arbeit für die US-Geheimdienste CIA und NSA. 2020 an die New Yorker Börse gekommen ist sie heute über 50 Milliarden US-Dollar wert. Mit ihrer Hilfe soll Osama Bin Laden zur Strecke gebracht worden sein. Alex Karp, der als CEO die größte kommerzielle Überwachungsfirma der Welt leitet, bezeichnet sich selbst als ehemaliger Neomarxist und ist stolz darauf, dass seine Eltern Hippies waren. Er bekennt trocken: „Unser Produkt kann zum Töten von Menschen eingesetzt werden.“

Sohn von Hippie-Eltern

Alex Karp wuchs an der amerikanischen Ostküste auf. Der Vater Medizin-Professor in Princeton, die Mutter Fotografin. Schon als Kleinkind schleppten sie ihn mit auf Friedensdemos. Gingen für Mitbestimmung von Arbeitern auf die Straße: „Revolutionäre“, wie Karp stolz erzählt. Er hat seinen Master an der Stanford University gemacht, die als die intellektuelle Quelle des Silicon Valley gilt. Als der Doktorand Karp in den 1990ern nach Frankfurt/Main kommt, hat er wenig Geld. Hier lernt er auch den Dokumentarfilmer und Kameramann Thomas Giefer kennen.

„Ich fand ihn lustig und schräg. Vor der Kamera erinnerte er mich mit seiner Zigarre an Groucho Marx. Für mich er war kein blitzender Intellektueller oder ein Superhirn“, erinnert sich Giefer. Von seinem Palantir-Mitgründer Thiel sagt Karp: „Er ist ein echter Freund, und ich habe nicht viele“. Politisch sei man dennoch gänzlich konträr. Zur exklusiven, jährlich an einem anderen Ort stattfindenden Bilderberg-Konferenz, einem Treffen von rund 140 Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft, kommt er schon ‘mal in Adidas-Trainingshose, Daunenweste und Yoga-Matte. Manchmal unterrichtet er seine Mitarbeiter in Thai Chi. Schon früh war für Alex Karp klar, dass er die „wichtigste Softwarefirma der Welt“ erschaffen will.

Katz-und-Maus-Spiel

Was ihm zweifellos gelungen ist. Nicht gelungen ist dem Kasseler Dokumentarfilmer Klaus Stern („Weltmarktführer“), Alex Karp für ein längeres Gespräch vor die Kamera zu bekommen während der aufwändigen Dreharbeiten von Mai 2019 bis März 2020 in Davos, Palo Alto, New York, Los Angeles, San Francisco, London, Moskau, Zell am See, Frankfurt und Wiesbaden. Das immerwährende Katz-und-Maus-Spiel zwischen den einstigen guten Bekannten Thomas Giefer und Alex Karp ist der zweite Rote Faden dieser sehr distanzierten Doku, mit der Klaus Sterm bewusst keine moralischen Vorgaben macht: der Zuschauer soll selbst entscheiden.

„Watching You“ fördert dennoch erstaunliche Details aus dem Berufs- und dem Privatleben Karps zutage durch Gesprächspartner wie dessen Frankfurter Doktormutter Karola Brede und den damaligen wissenschaftlichen Mitarbeiter am Freud-Institut, Christian Schneider. Vor allem der heute in Andalusien lebende Exil-Russe Alfredas Chmieliauskas liefert als einst führender Mitarbeiter von Palantir bisher unbekannte Details über die Entstehung der Big-Data-Software und ihre Einsatzmöglichkeiten etwa bei der hessischen und nordrhein-westfälischen Polizei. Nach Auffassung des bayerischen Datenschutzbeauftragten Thomas Petri zahlt unsere Demokratie einen „extrem hohen Preis“ mit dem Einsatz des Hessendata-Tools, den das Karlsruher Bundesverfassungsgericht im Februar 2023 immerhin begrenzt hat.

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Uraufgeführt am 1. Mai 2024 als Eröffnungsfilm des DOK.fest München, es gab minutenlang stehende Ovationen der 1.470 Besucher im Deutschen Theater, startet „Watching You“ am 6. Juni 2024 in den Kinos, bei uns zu sehen in der Endstation Bochum, im Sweetsixteen Dortmund, im Filmstudio Glückauf Essen und im Metropol Düsseldorf.

Mittwoch, 5. Juni 2024 | Autor: Pitt Herrmann