Neu im Kino: Gelobt sei Gott

Alexandre Guerin (Melvil Poupaud) bringt den Stein ins Rollen.
Alexandre Guerin (Melvil Poupaud) bringt den Stein ins Rollen. Foto: Pandora Film

Francos Ozons auf zwar inzwischen bekannten, aber im Detail immer noch unfassbar wahren Begebenheiten fußender und in jeder seiner 137 Minuten hochspannender, unter die Haut gehender Spielfilm „Gelobt sei Gott“ beginnt mit einer geradezu majestätischen Sequenz: Francois Marthouret steht in vollem Habitus als Kardinal Barbarin auf der Terrasse der Basilika Notre Dame de Fourviere und betrachtet das Häusermeer der unter ihm liegenden Stadt Lyon. Ein Fels in der Brandung, ein Feldherr im Namen des Herrn. Doch der Schein trügt.

Juni 2014. Alexandre Guerin (zunächst auch der Ich-Erzähler: Melvil Poupaud) lebt mit Gattin Marie (Aurelia Petit) und fünf Kindern in Lyon. Der gut situierte Banker ist gläubiger Katholik und zusammen mit seiner Familie regelmäßiger Gottesdienstbesucher. An einem Sonntag traut er seinen Augen kaum: Bernard Preynat (Bernard Verley), von dem er vor drei Jahrzehnten als heranwachsender Pfadfinder über zwei Jahre lang sexuell missbraucht worden ist, übt nicht nur wieder ein Priesteramt aus, sondern arbeitet auch wieder – oder immer noch – mit Kindern.

Alexandre erinnert sich an das Sommerferienlager 1986 in Portugal, als sei es gestern gewesen. Er offenbart sich seiner Frau Marie und erfährt, dass sie als Kind ebenfalls missbraucht worden ist. Dreißig Jahre später stehen solche Vorwürfe praktisch weltweit im Raum, zu juristischen Verfahren gegen die Täter und deren Vorgesetzte ist es bisher allerdings in nur ganz seltenen Fällen gekommen. Was an der Macht der Kirche und an der vor ihr sich immer noch fürchtenden Politik liegt.

Alexandres detaillierte Schilderungen des mehrfachen Missbrauchs nimmt mit Regine Maire (Martine Erhel) eine empathische, aber vom Lyoner Klerus eingesetzte Psychologin ohne eigene Kompetenzen entgegen. Das Äußerste, was sie vereinbaren kann, ist eine Art Mediation, ein Treffen Alexandres mit Pater Preynat in ihrem Beisein im Bistumshaus. „Ja, das ist ein Schatten, der auf meinem Leben liegt“ gesteht der Gottesmann in verblüffender Offenheit ein – und dass Alexandre bei weitem nicht das einzige Opfer ist. Pädophilie sei eine Krankheit, mit der er geschlagen sei. Ihretwegen war er in Behandlung, sehe daher weder einen Anlass zu einer persönlichen Entschuldigung bei seinen Opfern noch zu einem öffentlichen Schuldeingeständnis.

Der völlig entgeisterte Alexandre beschließt, sein Schweigen zu brechen und sich für die Sicherheit der Preynat anvertrauten Kinder einzusetzen. In seinem Freund und damaligen Leidensgefährten Olivier Itaque (Nicolas Bride) sucht er vergeblich nach einem Mitstreiter: dessen Gattin Isabel will aus familiären Gründen jedes Aufsehen vermeiden. Regine Maire kann Kardinal Philippe Barbarin davon überzeugen, sich mit Alexandre zu treffen: immerhin hat er zwei seiner Söhne gefirmt. Der setzt große Hoffnung in den vertrauenserweckenden Mann, der sich stets öffentlich gegen den Missbrauch in der Kirche positioniert hat. Und muss erkennen, dass Barbarin zwar Mitgefühl zeigt, aber kein Interesse daran hat, den Fall Preynat öffentlich zu machen, ja noch nicht einmal, ihm die Arbeit mit Kindern zu verbieten.

Alexandre, der auch bei der Lokalpresse abblitzt, die sich nicht mit der Kirche anlegen will, findet endlich in Francois Debord (Denis Menochet) und dessen Gattin Aline (Julie Declos) entschlossene Verbündete, die den durch Internet rasch bekannten Verein „La Parole Liberee“ (in der deutschen Synchronfassung „Das gebrochene Schweigen“) gründen und Preynat anzeigen – und so den Stein ins Rollen bringen. Denn nun kann nach Opfern gesucht werden, deren Fälle noch nicht – wie bei Alexandre - verjährt sind. Auch Olivier ist jetzt im Boot – und die Dominoeffekte nehmen täglich zu: Immer mehr Missbrauchsopfer, die aus Angst und Scham bisher nicht die Kraft aufbrachten, selbst aktiv zu werden, offenbaren sich dem sehr familiär-freundschaftlichen Kreis der Vereinsmitglieder. So auch Emmanuel Thomassin (Swann Arlaud), der nach wie vor körperlich und seelisch unter dem Erlebten so sehr leidet, dass er als Epileptiker kein normales Leben führen kann.

Januar 2016. Kardinal Barbarin sieht sich gezwungen, selbst eine Pressekonferenz zu geben. Und kann weder verhindern, dass gegen Pater Preynat Anklage erhoben und dieser wegen sexuellen Missbrauchs unter gerichtliche Aufsicht gestellt wird, noch, dass er selbst – am 7. März 2019 – wegen Nichtanzeige der sexuellen Übergriffe auf Minderjährige unter 15 Jahren und unterbliebene Hilfeleistung zu einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten verurteilt wird. Diese nüchternen Fakten liest man im Nachspann des am 10. Dezember 2018 im westfranzösischen Angers uraufgeführten Spielfilms, dessen emotionaler Wucht sich auch die Jury der 69. Berlinale nicht entziehen konnte, die „Gelobt sei Gott“ den Silbernen Bären verlieh.

Francois Ozons Spielfilm ist eine einzige Anklage, die sich freilich nicht auf eine gerade durch ihre Authentizität erschütternde Bestandsaufnahme beschränkt. In seinem ersten Film, der ein aktuelles Thema aufgreift, geht der Kino-Spezialist für starke Frauen und melodramatische Zuspitzungen sehr behutsam mit der Komplexität der Geschehnisse um. Nach seinem Outing wird Alexandre von einem seiner Söhne gefragt: „Papa, glaubst du immer noch an Gott?“ Er bleibt am Ende des Films zwar eine klare Antwort schuldig, ist aber trotz allem ein konservativ-bürgerlicher, gläubiger Katholik geblieben und würde den Satz eines Chirurgen aus dem Verein voll unterstreichen: „Ich tue das für die Kirche, nicht gegen sie.“ Ozon beleuchtet auch das familiäre Umfeld der Opfer mit frappierender Nüchternheit. Louis Debord (Stephane Brel) etwa, dem eifersüchtigen Bruder von Francois, platzt der Kragen angesichts des öffentlichen Aufsehens: „Wir haben die Nase voll von deiner Geschichte! Unsere Eltern reden von nichts anderem mehr!“

Francois Ozon: „Ich habe mich an die Fakten gehalten. Im Mittelpunkt standen für mich die persönlichen Geschichten der Männer, die als Kinder missbraucht wurden, und zwar aus deren Opferperspektive. Bei den Figuren aus ihrem näheren Umfeld habe ich mir etwas mehr künstlerische Freiheit erlaubt, wobei ist ihre Erzählungen und Aussagen wahrheits- bzw. sinngemäß dargestellt habe. Ich habe ihre Familiennamen geändert und sie zu fiktionalen Helden gemacht, anders als bei Kardinal Barbarin und dem Priester Preynat.“

„Gelobt sei Gott“ läuft im Casablanca und Capitol Bochum, in der Camera Dortmund sowie im Astra Essen.

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