Marc Elsbergs „Blackout“ am WLT

Realistischer „Grüner Thriller“ über unsere Strom-Abhängigkeit

Gehetzt: Mario Thomanek als Piero Manzano.
Gehetzt: Mario Thomanek als Piero Manzano. Foto: Volker Beushausen

Als an einem kalten Februartag in Italien das Licht ausgeht, wird im eng verzahnten europäischen Stromnetz eine verheerende Kettenreaktion ausgelöst: Auf dem ganzen Kontinent schalten sich die Kraftwerke ab. Nichts geht mehr, buchstäblich: Fahrstühle bleiben stecken, U-, S-Bahnen und Eisenbahnzüge bleiben stehen. Ampeln fallen aus, aber auch Heizungen, Kühlschränke, Toiletten, Fernsehgeräte, Computer. Die Menschen haben kaum Möglichkeiten, sich zu verständigen noch gar sich zu versorgen. Weder mit Lebensmitteln noch mit Bargeld. Kühe können nicht mehr gemolken werden, Ärzte nicht mehr ihre Patienten behandeln. Und nach wenigen Tagen versagen auch die Notstromaggregate in Kliniken und Atomkraftwerken mangels Diesel-Nachschub…

Der selbständige Mailänder Informatiker Piero Manzano (Mario Thomanek), ein ehemaliger Hacker, findet bei den Smart Meter genannten intelligenten Stromzählern seiner Mietwohnung merkwürdige Zahlenkombinationen. Doch die italienischen Behörden halten ihn für einen Spinner, erst über die Tochter eines Nachbarn, die bei der Europäischen Union in Brüssel arbeitet, kann er Francois Bollard (Burghard Braun), Europol-Führungskraft in Den Haag, kontaktieren. Stets an seiner Seite die amerikanische CNN-Reporterin Lauren Shannon (Svenja Marija Topler). Als sich der Verdacht eines terroristischen Hackerangriffs bestätigt, glühen die Drähte zwischen Rom, Paris, Berlin und London.

Während sich Herwig Oberstätter (Mike Kühne), Ingenieur im niederösterreichischen Donau-Kraftwerk Ybbs, nicht erklären kann, warum die Geräteanzeigen so verrückt spielen, dass er die Turbinen abschalten muss, wiegelt James Wickley (Tobias Schwieger), Vorstandsvorsitzender der Ratinger Talaefer AG, die mit Smart Grit ein Riesengeschäft macht, ab: alle Hinweise auf Software-Fehler seines Unternehmens seien Erfindungen eines kranken italienischen Hirns. Was im übrigen auch Jürgen Hartlandt (Guido Thurk) so sieht, Spitzenbeamter im Geheimen Terrorismusabwehrzentrum des Bundeskriminalamtes in Berlin. Der Piero Manzano selbst für einen der Täter hält, zumal auf dessen Laptop merkwürdige Mails aufgetaucht sind.

Nachdem sich die Tatarenmeldungen im von Frauke Michelsen (Franziska Ferrari) geleiteten Lagezentrum des Innenministeriums häufen, sieht sich der Bundeskanzler (in der WLT-Fassung eine Kanzlerin: Vesna Buljevic) dazu gezwungen, den Notstand auszurufen: „Verdammt! Da steigt man schon aus, und dann passiert trotzdem noch etwas!“ Inzwischen sind auch die staatlichen Kommunikationssysteme von unbekannten Angreifern durchsetzt. Doch steht die Rückkehr zur Brieftauben-Reaktivierung nicht wirklich ernsthaft zur Debatte…

Ratlos: Mike Kühne, Franziska Ferrari und Vesna Buljevic.
Ratlos: Mike Kühne, Franziska Ferrari und Vesna Buljevic. Foto: Volker Beushausen

Blackout, 2012 im Münchner Blanvalet Verlag erschienen und nicht nur in alle großen Weltsprachen übersetzt, sondern in Deutschland in der mittlerweile 29. Auflage auch wohlfeil als Taschenbuch erhältlich, ist ein hochspannender Thriller, wie er zeitgemäßer, vorstellbarer und auch beängstigender kaum sein kann. Kein Wunder, dass der 1967 in Wien geborene Schriftsteller und Kolumnist der österreichischen Tageszeitung Der Standard, Marc Elsberg, vom Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit, von der Bundesnetzagentur und zahlreichen weiterem Behörden im In- und Ausland zu Vorträgen eingeladen worden ist. Denn sein erschreckend realistisches Szenarium macht in 24 Kapiteln auf knapp 800 Seiten deutlich, in welchen Abhängigkeiten und Anfälligkeiten unser Alltag funktioniert. Blackout, 2012 als Wissensbuch des Jahres ausgezeichnet, ist nun von Thomas Tiberius Meikl für die Bühne adaptiert und am Westfälischen Landestheater inszeniert worden, umjubelte Erstaufführungspremiere war am 5. Oktober 2019 in der ausverkauften Stadthalle Castrop-Rauxel.

Meikl und sein Ko-Regisseur Maximilian von Ulardt, die 2017 bereits mit einer Adaption des Romans „Das München Komplott“ von Wolfgang Schorlau über das Münchner Oktoberfest-Attentat von 1980 am WLT begeisterten, haben die Unzahl von Personen und Schauplätzen der Vorlage auf das Machbare eines achtköpfigen Ensembles reduziert. In Meikls kongenialer Einheitsbühne, einem Labyrinth aus Metallgestängen, das zu geradezu akrobatischen Turneinlagen verleitet und gleichzeitig auf die in der Theaterfassung nur kurz angedeuteten Anschläge auf Strommasten verweist, tritt der Regisseur am Ende zudem als nur schemenhaft unter einer Kapuzenjacke wahrnehmbarer Terrorist Jorge Pucao in Erscheinung, dessen selbstreflektierenden Texte aus der Kommandozentrale zuvor als Zwischenspiele aus dem Off zu hören sind.

In den Video-Einspielungen Alec Barths, der die aus dem Berliner Zoo ausgebrochenen Giraffen majestätisch über den Castroper Europaplatz schreiten lässt, ergänzen gleich acht Augenzeugen das besonders im zweiten Teil actionreiche Bühnengeschehen eines 135-minütigen Abends, dem es zunächst an Krimispannung mangelt: zu wichtig sind dem Gespann Meikl/Ulardt die wissenschaftlichen, technischen und politischen Basics ihres appellativen grünen Thrillers. Nach der Pause zieht nicht nur das Tempo merklich an, auch die Geschichten werden persönlicher, menschlicher, emotional packender. Dass die schwedische EU-Mitarbeiterin Sonja Angström, mit der Piero Manzano, nachdem er einen Anschlag durch Jorge Pucao glücklich überlebt hat, am Ende zusammenlebt, dem Rotstift zum Opfer gefallen ist, ist der Materialfülle der Vorlage geschuldet. Ein Grund mehr, den Roman zu lesen.

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