Hin und Zurück

MiR-Kurzoper als horribles B-Movie

„Hin und Zurück“ in Gelsenkirchen mit Mercy Malieloa.
„Hin und Zurück“ in Gelsenkirchen mit Mercy Malieloa. Foto: MIR

Robert (der britische Tenor Adam Temple-Smith) kommt überraschend nach Hause, um seiner Gattin Helene (die südafrikanische Sopranistin Mercy Malielo) ein Geburtstagsgeschenk zu überreichen. Dabei fällt auch etwas für die im Hintergrund unter einer Stehlampe im Sessel sitzende und ein Buch lesende Tante Emma (stumme Rolle: Patricia Bues) und selbst für das kesse Dienstmädchen (Wendy Krikken) ab, welche der Gnädigen Frau einen Brief aushändigt. Dieser weckt schon deshalb das Misstrauen Roberts, als Helene sich weigert, ihm diesen zu zeigen, obwohl er angeblich von ihrer Schneiderin stammt.

Zwischenzeitlich ist auch ein Handwerker (der englische Bass-Bariton Timothy Edlin) mit seinem Werkzeugkasten eingetroffen. Der sich rasch wieder verabschiedet, als Robert seine Ehefrau erst auf das Übelste beschimpft und dann erschießt. Ein hier „Pfleger“ genannter Krankenwärter (Philipp Kranjc) kann nur noch ihren Tod feststellen. Von Reue über diese Affekthandlung übermannt will auch er nicht mehr leben und bringt sich selbst um, freilich nicht wie bei Hindemith, indem er aus dem Fenster springt, sondern mit der gleichen Pistole.

Plötzlich ertönt wie in Marco Ferreris Film „Das große Fressen“ aus einem Kopf auf einer mit Gemüse drapierten Anrichteplatte die geheimnisvolle Stimme eines in Gelsenkirchen weiblichen Weisen (Wendy Krikken), die von einer höheren Macht spricht, welche nicht wolle, dass eine solche Kleinigkeit wie Ehebruch zu Mord und Selbstmord führt: die Zeit sei nichts im Angesicht der Ewigkeit, zwischen vorher und nachher bestehe kein Unterschied. Und plötzlich beginnt alles von vorn...

Als wärs eine Szene aus „Das große Fressen“: Wendy Krikken.
Als wärs eine Szene aus „Das große Fressen“: Wendy Krikken. Foto: MIR

Ein Ehedrama in zwölf Minuten: Mit „Hin und zurück“, uraufgeführt am 15. Juli 1927 in Baden-Baden und schon einmal am 19. April 2009 in Gelsenkirchen im Rahmen des Jugendprojektes „Bis aufs Blut“ zusammen mit Kurzopern von Darius Milhaud und Bohuslav Martinu gespielt, hat Paul Hindemith (1895 – 1963) eine der kürzesten Opern aller Zeiten geschrieben. Der Clou daran: Ab der Mitte des Stückes läuft die Handlung – wie auch zumindest in groben Zügen die Musik – genau rückwärts und endet am Ausgangspunkt. Mit diesem in den experimentierfreudigen 1920er Jahren entstandenen Opern-Sketch haben sich der Komponist und sein Textdichter Marcellus Schiffer von der groß dimensionierten Opernform spätromantischen Zuschnitts abgesetzt und den traditionellen linearen Handlungsverlauf ausgehebelt.

Unter der musikalischen Leitung von Robin Phillips entdeckt Regisseurin Tanyel Bakir („A Hand of Bridge“) in dem an unsere Zeit angenäherten und ungleich turbulenteren Geschehen tiefenpsychologische Schichten, die in Julieth Villadas Videografie ihre bildliche Entsprechung finden: Im ersten, mit zwei von Tanyel Bakir hinzuerfundenen „dunklen Gestalten“ als Traumsequenz inszenierten Teil, verkörpert Adam Temple-Smith den machohaften Gatten eines im eleganten Abendkleid posierenden Ausstellungsstücks an seiner Seite. Im zweiten, mit einem Farbfilter überlagerten Teil, ist er der Pantoffelheld einer Frau, die auch ungeschminkt im Hauskleid die Hosen anhat.

In der sehr theatralen Ausstattung von Julieth Villada (Bühne) und Hedi Mohr (seine Retro-Kostüme erinnern an alte Hollywood-Streifen) geht es in dieser spektakulären Mischung aus Film noir, Sitcom und Horror-B-Movie, welche sicherlich auch Menschen mit wenig oder keiner Opernerfahrung anspricht, letztlich um eine spannungsgeladene Neu-Erzählung dieses neunzig Jahre alten Sketches – mit einem horriblen Split-Sreen-Finale, das hier natürlich nicht verraten wird.

Im letzten Sommer präsentierte das Musiktheater im Revier mit „A Hand of Bridge“ die erste Internetoper, der nun die zweite folgt: Am 12. Juni 2021 um 19.30 Uhr feiert „Hin und Zurück“ online Premiere. Damit setzt Gelsenkirchen nach „Mathis der Maler“ die Beschäftigung mit dem gerade nicht häufig aufgeführten Komponisten Paul Hindemith fort: In der Inszenierung des Hausherrn Michael Schulz wurde Urban Malmberg in der Titelpartie am Premierenabend des 28. Oktober 2017 mit Ovationen gefeiert.

„Hin und Zurück“, binnen einer Woche im Kleinen Haus am Kennedyplatz im Playback-Verfahren gedreht, ist ab Samstag, 12. Juni 2021, online auf Spendenbasis verfügbar – und das jedenfalls bis Ende der Spielzeit. Wie übrigens auch „A Hand of Bridge“ bei den beteiligten Bühnen des Opernstudios, neben dem MiR noch die Oper Dortmund, des Aalto-Musiktheater Essen und die Oper Wuppertal, gestreamt werden kann. Übrigens: Wer Adam Temple-Smith, Timothy Edlin, Wendy Krikken und, pandemiebedingt ihr Debüt auf den Brettern, Mercy Malieloa live erleben möchte, hat dazu ab 25. Juni 2021 Gelegenheit, dann feiert Giovanni Paisiellos komische Oper „Il re Teodoro in Venezia“ am MiR Premiere.

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Samstag
Samstag, 12. Juni 2021, um 8 Uhr Das MiR zeigt Stücke auf Spendenbasis hier: musiktheater-im-revier.de
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