„Drei Mal Leben“ im Livestream

Im März folgen „Die Hydra“ und „Iwanow“

v.l. Oliver Möller, Jele Brückner, Karin Moog und Sascha Nathan.
v.l. Oliver Möller, Jele Brückner, Karin Moog und Sascha Nathan. 'Drei Mal Leben' Foto: Julian Baumann

Von der Bühne in den Browser: Das Livestream-Programm des Schauspielhaus Bochum wird Pandemie-bedingt auch in den Monaten Februar und März 2021 fortgesetzt. Mit Yasmina Rezas „Drei Mal Leben“, „Die Hydra“ nach Texten von Heiner Müller und Anton Tschechows „Iwanow“ stehen drei höchst unterschiedliche Theaterstücke auf dem virtuellen Spielplan.

Den Auftakt macht am Samstag, 20. Februar 2021, um 19.30 Uhr eine Live-Übertragung von Yasmina Rezas Komödie „Drei Mal Leben“, mit der die Schauspielerin und Theatermacherin Martina Eitner-Acheampong im Oktober vergangenen Jahres ihr Regie-Debüt an der Königsallee gab. Das Stück seziert in messerscharfen Dialogen drei Versionen eines ungeplanten Pärchenabends, die immer knapper, schneller, „exzentrischer“ werden – mit überraschenden Wendungen, wechselnden Bündnissen und immer neuen Varianten der Eskalation.

Henri (Sascha Nathan als sensibler Vater, gebeutelter Gatte und zuletzt wenig erfolgreicher Wissenschaftler) beschäftigt sich als Astrophysiker wie sein Freund Hubert Finidori („Eine Karriere, das ist ein Schlachtplan“: Oliver Möller als selbstgefälliger Macho, der ganz offen die Gastgeberin anbaggert) mit Eigenschaften und Verhalten von Himmelskörpern außerhalb des Planeten Erde. Henri sitzt seit zwei Jahren an einer wissenschaftlichen Untersuchung, die nun kurz vor ihrer Veröffentlichung steht und die ihn, mit Huberts Hilfe, zu einem Karrieresprung verhelfen soll: Thema ist der galaktische Halo, der helle Lichthof des Gases um die sichtbaren Himmelskörper der Galaxien. Genauer gesagt: der Dark Matter Halo, die kugelförmige bis elliptische Umgebung aus dunkler Materie. Die der Mensch zwar nicht sehen kann, aber ihre Wirkung erkennt. Hubert gilt als einer der größten Kosmologie-Experten weltweit, der sich mit der Frage nach Ursprung, Entwicklung und Beschaffenheit des Kosmos beschäftigt: „Nicht erhöht und nichts transzendiert. Der Mensch allein entscheidet über das, was er ist.“

Ein Abendessen der beiden ungleichen Freunde mit ihren Ehefrauen steht bevor. Doch Huberts Gattin Ines („Ich bin unkränkbar“: Jele Brückner als hysterische Hausfrau, die sich zunächst vergeblich gegen die Allüren ihres Mannes wehrt und sich in den Alkoholkonsum flüchtet) hat sich im Datum geirrt und nun stehen sie einen Tag zu früh vor Henris Haustür. „Er will einen Keks“: Dahinter spielt sich ein Familiendrama ab, das zunächst noch ausgesprochen heitere Züge trägt, nachvollzogen durch die zahlreichen Eltern mit gleichen Erfahrungen im Parkett: Der Sohn macht Henri und Sonja (ganz selbstbewusste Juristin und Geschäftsfrau: Karin Moog) eine Szene nach der anderen, weil er nicht einschlafen kann – oder will. „Er wird ein grauenhafter Tyrann“ prophezeit die genervte Mutter.

v.l. Karin Moog, Oliver Möller, Jele Brückner und Sascha Nathan.
v.l. Karin Moog, Oliver Möller, Jele Brückner und Sascha Nathan. „Drei Mal Leben“ Foto: Julian Baumann

„Das ist eine Katastrophe“: Doch nun stehen Hubert und Ines an der Wohnungstür. Da heißt es improvisieren mit Gebäck, Appetithäppchen und reichlich Sancerre. Hubert berichtet Henri von einer ins Internet gestellten Veröffentlichung eines mexikanischen Forschers offenbar exakt zu dessen Thema – und Henri sieht sich um die Früchte seiner jahrelangen Forschertätigkeit gebracht. Der Abend scheint gelaufen – und endet im Chaos.

In der ersten, ausführlichen Version ist Henri der total verunsicherte, vor dem Scheitern seiner Ambitionen stehende Mann, gedemütigt von seiner beruflich erfolgreichen Frau und seinem „Freund“, der mit einem Gutachten nun wohl nichts mehr für ihn tun kann. Und Sonja ist hin- und hergerissen zwischen dem Abscheu über Huberts vermutlich gezielte Indiskretion und seiner Männlichkeit – der selbstbewussten Stärke des Erfolgreichen und Mächtigen.

Ines dagegen versucht so verzweifelt wie vergeblich, sich auf Henris Seite zu schlagen, um ihrer eigenen Situation, der einer grauen Maus an der Seite des erfolgreichen Forschers, welcher jetzt sogar in die Akademie der Wissenschaften aufgenommen wird, wenigstens einen Abend lang zu entfliehen. Sie glaubt keinesfalls, „dass der Mensch ein Nichts im Universum ist.“ Sondern fragt im Gegenteil: „Was wäre das Universum ohne uns?“ Ihre Antwort: „Ein Ort des Trübsinns, der Düsternis, ohne ein Gramm Poesie.“

Zu modifizierten Konstellationen und Koalitionen kommt es in den beiden weiteren „Leben“ genannten Durchgängen, wobei jeder mit jedem und jeder für sich selbst kämpft. Am Ende verbünden sich die beiden Frauen in ihrer Rolle als Mütter, um das quengelige Kind zu besänftigen. Und die beiden Männer sehen einer erfolgreichen gemeinsamen Zukunft entgegen, nachdem Henri durch ein Telefonat mit seinem vermeintlichen Konkurrenten aus Mexiko geklärt hat, dass beide Forscher zwar am gleichen Thema arbeiten, jedoch unter gänzlich anderen Aspekten und mit entgegengesetzten Resultaten. Hubert Finidori, der im ersten „Leben“ noch vorrangig Konkurrenten ausschalten wollte, spricht nun von der Notwendigkeit gemeinsamen Forschens auf dem Weg zu einer Allheitstheorie: mit einer solchen Formel könne man einer „Welt ohne Trennung“ näher kommen und damit die Erkenntnis des von ihm zitierten französischen Mathematikers und Physikers Jules Henri Poincaré überwinden, nach der die Wissenschaft niemals die letzte Wahrheit der Objekte beobachten und beschreiben kann, sondern nur die Relationen zwischen realen Objekten.

Am Ende alles in Butter? Mitnichten! Denn die Grundkonstellation, hier die harte, erfolgreiche, sich nun aber gegen Huberts Anmache wehrende Geschäftsfrau und der verunsicherte Wissenschaftler (Henri: „Eine brillante Frau und ein Versager“), aber zugleich liebevolle und kompromissbereite Vater, dort der erfolgreiche Forscher und Macho und die gedemütigte Hausfrau, bleibt die gleiche, nur der Grad der Abhängigkeiten zwischen den beiden Männern hat sich geändert. „Von einer absurden Freude in eine ebenso absurde Melancholie zu wechseln“ weiß Henri: „Das alles beruht doch auf nichts.“

Die Neuinszenierung der früheren Bochumer Schauspielerin Martina Eitner-Acheampong nähert sich unserer Zeit an (Alexa-Technik im Smartphone, „Abstand“-Extempores) und ermöglicht über gut einhundert Minuten ein freudiges Wiedersehen mit vier Bochumer Ensemblemitgliedern der Goerden-Intendanz. Welche auf einer mit nur wenigen Designer-Requisiten ausgestatteten elliptischen Weltenscheibe des Bühnenbildners Jan Steigert immer wieder aus ihren Rollen fallen: in ihrer ersten Bochumer Inszenierung setzt die Regisseurin auch mit dem exaltierten Spiel ihrer Protagonisten Zeichen gegen die Aufführungstradition des nur scheinbar in die Jahre gekommenen Stücks. Martina Eitner-Acheampong will den wissenschaftlichen Hintergrund des Stücks, in den bisherigen Inszenierungen völlig übergangen, beleuchten, was sich freilich neben surrealen Momenten der Erinnerung, der Träume und der (Selbst-) Reflexion der Figuren vor allem in der Ausstattung niederschlägt (skurrile Kostüm-Accessoires im dritten Leben: Valerie Hirschmann). Die Regisseurin im Programmheft: „Unsere Videoellipse über der Spielfläche ist auch ein Halo, und sie ist ein Spiegel, der ein anderes Universum zeigen kann. Und sie ist auch immer wieder eine Fläche, in der man Alltagsgegenstände in anderer Wahrnehmung sieht, Gegenstände, die eigene Universen bilden: ein Küchenschwamm, verschüttete Kondensmilch. So haben wir drei Leben und drei Universen auf der Bühne: Die Spielfläche selbst, die, hochglänzend, ein (kopfstehendes) Spiegelbild erzeugt und der Video-Halo, in dem wir ein drittes Universum aus Bildern sehen.“

März-Streaming

Wimmelbild mit (v.l.) Moritz Bossmann, Sandro Tajouri, Sandra Hüller und Michael Graessner.
Wimmelbild mit (v.l.) Moritz Bossmann, Sandro Tajouri, Sandra Hüller und Michael Graessner. Foto: Thomas Aurin

Auf „Drei Mal Leben“ folgt am Samstag, 20. März 2021, um 19.30 Uhr ein musik-theatraler Höhepunkt aus der Spielzeit 2019/2020: „Die Hydra“ nach Heiner Müller. Nach der gefeierten Adaption von Wolfgang Herrndorfs „Bilder deiner großen Liebe“ ist der Abend um die Sagengestalt des Herakles das zweite Bühnen-Abenteuer zu dem der Regisseur Tom Schneider und das Ensemble Moritz Bossmann, Michael Graessner, Sandra Hüller und Sandro Tajouri gemeinsam aufbrechen

Knapp eine Woche später, am Freitag, 26. März 2021, streamt das Schauspielhaus Bochum um 19 Uhr eine Vorstellung von Johan Simons‘ gefeierter „Iwanow“-Inszenierung. Das erste Stück des weltberühmten Dramatikers Anton Tschechow fasziniert mit dem großen Thema, das auch alle seine späteren Werke bestimmt: das Leben der Menschen in seiner ganzen Absurdität, Lächerlichkeit und Traurigkeit. Intendant Johan Simons inszenierte dieses große Schauspiel aus Tragödie und Komödie im Januar vergangenen Jahres mit Jens Harzer in der Titelrolle.

Tschechows Iwanow: Martin Horn, Marina Frenk und Thomas Dannemann.
Tschechows Iwanow: Martin Horn, Marina Frenk und Thomas Dannemann. Foto: Monika Rittershaus

Für das Streaming-Programm des Schauspielhaus Bochum werden die Vorstellungen stets als „Geisteraufführungen“ im leeren Theater gespielt und von mehreren Kameras live für das Publikum zu Hause übertragen. Im Anschluss folgen jeweils Gesprächsrunden mit den beteiligten Künstlern, an denen sich das Publikum über einen Live-Chat beteiligen kann.

Virtuelle Tickets für die Teilnahme an den Streamings können auf der Website des Theaters erworben werden. Der reguläre Kartenpreis für die Aufführungen beträgt 15 Euro (ermäßigt 10 Euro). Wer den Kartenkauf mit einer Spende verbinden möchte, hat die Möglichkeit, ein „Unterstützerticket“ für 25 Euro (ermäßigt 20 Euro) zu erwerben. Zudem können im Webshop Wahlabo-Scheine für die Bezahlung eingesetzt werden.

Februar
20
Samstag
Samstag, 20. Februar 2021, um 19:30 Uhr www.schauspielhausbochum.de

Weitere Termine:

  • Samstag, 20. März 2021, um 19:30 Uhr
  • Freitag, 26. März 2021, um 19 Uhr
Quelle: