Boris Palmer - Schwäbischer Schweden-Schwätzer

Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

Die Cool Cats haben ausnahmsweise mal keine Worte.
Die Cool Cats haben ausnahmsweise mal keine Worte. Illustrator: Jörg Lippmeyer

Wenn mir mal wieder jemand von dem so genannten „schwedischen Sonderweg“ in der Bewältigung der Covid-19-Pandemie vorschwärmt, kann ich mir mittlerweile ein bitteres Lachen kaum noch verkneifen. Jetzt will auch Boris Palmer (Sie wissen schon, derjenige, der meint, 80-Jährige sterben innerhalb der nächsten 6 Monate) glauben machen, man könnte in Schweden die grundsätzlichen Regeln des Infektionsgeschehens ignorieren, also auf soziale Distanzierung verzichten und sich trotzdem nicht anstecken. Das ist ungefähr so, als würde man behaupten, man könne ins Wasser springen und ohne Maßnahmen, die ein Untergehen verhindern, das Ertrinken vermeiden. Offenbar haben weder er noch einer seiner Mitschwätzer sich mehr als flüchtig mit den tatsächlichen Verhältnissen in Nordeuropa und speziell in Schweden befasst.

Fakt ist: Die Schweden haben das Management der ersten Welle der Pandemie gründlich und mit katastrophalen Folgen vergeigt. Sie haben durch Inkompetenz, Ignoranz, Schlamperei, eine Kette von Fehleinschätzungen und nicht zuletzt durch eine geradezu penetrante Überheblichkeit reichlich 5.000 Menschen über die „Klinge springen lassen“ und 50.000 Jahre menschlichen Lebens vernichtet. Daran ist nichts zu deuteln und zu relativieren. Die dortigen Verantwortlichen winden sich zwar und versuchen, mit teils aberwitzigen Erklärungen ihr Versagen zu beschönigen und ihr Gewissen zu beruhigen. So behaupteten sie jüngst, die hohe Zahl der Corona-Opfer erkläre sich, weil die Grippe in der vergangenen Saison einen milden Verlauf nahm, frei nach dem Motto: Denjenigen, die der Grippe trotzen konnten, hat SARS-CoV 2 den Rest gegeben – welch ein zynischer Schwachsinn. Aber, man sieht, dass sie ihrer Schuld im Grunde doch nicht entfliehen können.

Ich habe etliche Verwandte und Freunde, die in den skandinavischen Ländern leben und arbeiten. Wir diskutieren oft und gerne über die Vor- und Nachteile des nordischen „Way of Life“. Wenn man sich mit unseren Nachbarn von Dänemark bis Finnland etwas intensiver befasst, wird man feststellen, dass das soziale Miteinander dort in einigen wesentlichen Bereichen anders abläuft als hierzulande mit unserer preußischen Zackigkeit und Disziplin. Generell kann man in den nordischen Ländern ein höheres Maß an zwischenmenschlicher Rücksichtnahme und Respekt beobachten. Von staatlicher Seite pflegt man eher eine Kultur der Appelle, Erklärungen, auch Bitten, weniger des Kommandierens. Das macht mir die Alltagsatmosphäre in diesen Ländern sympathisch.

Nur, dieses Virus ist in Skandinavien dasselbe, wie im restlichen Europa. Das Virus schreibt das Gesetz des Infektionsgeschehens. Das heißt: Je näher Menschen sich kommen, desto schneller wird es sich ausbreiten. Da macht es keine Kompromisse. Ohne soziale Distanz explodiert das Infektionsgeschehen überall, auch in Skandinavien. Wenn die soziale Distanzierung in Skandinavien funktioniert, indem an die Bevölkerung appelliert und wenig auf Verbote gesetzt wird, ist das nicht zu kritisieren. Einsicht ist wesentlich nachhaltiger als Kadavergehorsam. Aber ohne „social distancing“ verbreitet sich das Virus genauso schnell, wie in Frankreich, Spanien und dem Rest der Welt.

So bittet und emotionalisiert der schwedische Staat die Bevölkerung, Abstand zu halten, sich regelmäßig die Hände zu waschen, auf unnötige Reisen zu verzichten und zu Hause zu arbeiten. In Restaurants darf nicht am Tresen bestellt werden. Zusammenkünfte von mehr als 50 Leuten sind nicht gestattet. „Arbeite zu Hause, wenn Du kannst!, Benutze keine öffentlichen Verkehrsmittel, wenn Du nicht musst!, Fahr mit dem Fahrrad zur Arbeit!, Mach es für Deine Oma!“ heißt es auf den Bildschirmen in den Bussen. Sperrstunden und Alkoholverkaufsverbote sind in Schweden nichts neues. Es gibt sie nicht erst seit der Pandemie, sondern immer schon. Kneipen hatten noch nie länger als bis 23 Uhr auf. Alkohol kann man nur in staatlichen Alkoholläden kaufen. Die schließen wochentags um 19 Uhr und am Samstag bereits um 15 Uhr.

Mit vielen Appellen und wenig Verboten verbindet die schwedische Regierung die Hoffnung, diese Maßnahmen über Monate, wenn nicht Jahre, durchhalten zu können. Dennoch genau wie in anderen Ländern steigen auch in Schweden die Infektionszahlen, nicht weniger als in Deutschland, aber (noch) nicht so rapide wie in Frankreich, Spanien oder Belgien. Angeblich liegt das an Studentenpartys, Familienfesten, Sportvereinen und der Rückkehr von Menschen in die Büros – genau, wie bei uns. Noch scheinen sie besser als in der ersten Welle die vulnerablen Gruppen schonen zu können, noch! Neuerdings werden laut dem Staatsepidemiologen Anders Tegnell auch in Schweden die Maskenpflicht und Lockdowns mit Schulschließungen erwogen, wenn auch nur in einzelnen Stadtteilen und nur wenige Wochen – genau, wie bei uns, nur später und hoffentlich nicht wieder zu spät. Nächstes Jahr um diese Zeit wird man wissen, ob das gereicht hat, eine erneute Katastrophe wie in der ersten Welle zu verhindern.

Wenn das Infektionsgeschehen in Skandinavien derzeit ähnlich moderat verläuft wie in Schleswig-Holstein, Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern, hat das im Übrigen viel mit der geringen Bevölkerungsdichte zu tun. Von den 20 Provinzen Schwedens haben nur sechs eine Bevölkerungsdichte von mehr als 50 Einwohner pro km². Die durchschnittliche Einwohnerzahl Restschwedens, das sind 85 Prozent des Landes, liegt bei 21 pro km². Die deutschen Spitzenreiter Schleswig-Holstein (184 EW/km²), Mecklenburg-Vorpommern (69 EW/km²) und Sachsen-Anhalt (107 EW/km²) sind dichter besiedelt und trotzdem effektiver in der Bekämpfung der Pandemie.

Was ist nun unter dem Strich in Schweden anders als in Deutschland? Eigentlich fast nichts. Auch in Deutschland sind über 80 Prozent der Mitbürger, Junge, Ältere und Alte, verantwortungsbewusst und nicht blöde. Es bleibt niemandem verwehrt, die Sinnhaftigkeit der hiesigen Maßnahmen und insbesondere deren Zielsetzung zu begreifen und sich entsprechend zu verhalten. Zugegeben, es hapert manchmal an der Erklärung. In der gegenwärtigen Situation ist zum Beispiel für meinen Geschmack nicht ausreichend erläutert worden, worum es eigentlich geht, nämlich die Zahl zwischenmenschlicher Kontakte, wo auch immer sie stattfinden, zu reduzieren. Wenn auf den Straßen weniger Autos fahren, gibt es weniger Unfälle. Wenn die Menschen weniger unterwegs sind, egal ob ins Kino, zum Konzert, in die Muckibude, ins Restaurant, ins Fußballstadion und so weiter und so fort, gibt es weniger Sozialkontakte und entsprechend weniger Möglichkeiten für das Virus, sich zu verbreiten.

Gerade Deutschland geht einen „Sonderweg“ und zwar einen höchst erfolgreichen. Dessen besondere Charakteristik ist die schier endlose Diskussion. Die Bundesregierung diskutiert intern, sie diskutiert im föderalen System mit den Länderchefs, die sich wiederum bereits in ihren Landesregierungen und Parlamenten erklären mussten. Auch die Nicht-Regierungsparteien von Linksaußen bis Rechtsaußen bemühen sich, ihre Sicht der Dinge zum Besten zu geben. Kaum ein Tag vergeht, an dem die einschlägigen Talkmaster das Thema nicht durchkauen. Die Zahl der selbst ernannten Bundestrainer ist wahrscheinlich lächerlich im Vergleich zu denen, die sich für kompetente Epidemiologen halten. Dennoch, auch wenn das mittlerweile nervt: Es könnte eben diese deutsche Eigenart sein, die uns bislang in der Spitzengruppe der (demokratischen) Länder hält, die mit der Pandemie besonders gut zurecht kommen.

Der angebliche „schwedische Sonderweg“ wird vor allem von Querulanten instrumentalisiert, die das Infektionsgeschehen an sich verdrängen. Den meisten scheint die tatsächliche Situation in Schweden, die im Ergebnis der Einschränkungen sich kaum unterscheidet, unbekannt zu sein – und das ist das eigentliche Problem.

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