Basis- und Nettoreproduktionszahl

Eine Kolumne von Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey

Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.
Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey. Foto: Wolfgang Quickels

Basisreproduktionszahl R0

Diese Zahl (auch einfach nur als R0 bezeichnet) beschreibt, wie schnell sich eine Infektionskrankheit ausbreitet, wenn sie auf eine naive Bevölkerung trifft, die also noch nie Kontakt mit dem entsprechenden Erreger hatte und somit keinerlei Immunität entwickeln konnte. Die Null hinter dem R kennzeichnet: Es gibt keine Hindernisse, die einer Ausbreitung entgegen stehen. Die Basisreproduktionszahl ist ein Maß für die Infektiosität (= Ansteckungsfähigkeit) eines Erregers und gibt an, wie viele Menschen eine erkrankte Person innerhalb einer Population durchschnittlich ansteckt. Sie beschreibt somit eine spezifische Eigenart eines Virus. Je höher diese Zahl, desto rasanter breitet sich eine Infektion aus. Für COVID-19 wird die Basisreproduktionszahl auf circa 3 (2,4 bis 3,3) geschätzt. Wenn man davon ausgeht, dass ein Infizierter nach circa 3 Tagen selbst zur Virusschleuder wird, würden innerhalb von 48 Tagen 16 Infektionszyklen stattfinden und 130 Millionen Menschen angesteckt sein. Das entspricht ungefähr der Bevölkerung von Deutschland plus Benelux. Würden von diesen nur 0,3 Prozent sterben, hätte man mit 390.000 Toten zu rechnen, wohlgemerkt in circa 2 Monaten. In Italien und Spanien hat man erst Ende Februar begriffen, was „die Uhr geschlagen hatte“. Da war es aber schon „fünf nach Zwölf“.

Beispielwerte für die Basisreproduktionszahl anderer Erkrankungen

  • Pocken und Poliomyelitis 6
  • Diphtherie 7
  • Masern 15
  • Keuchhusten 14

Bei der „Spanischen Grippe“ von 1918 wurde die Basisreproduktionszahl auf 2 bis 3 geschätzt, für die aktuelle saisonale Influenza beträgt sie ca. 1,5.

Nettoreproduktionszahl (Rt)

Derzeit wird in den öffentlichen Verlautbaren oft vermittelt, man wolle durch die Restriktionen die Basisreproduktionszahl verändern. Das ist nicht ganz richtig. Diese Zahl ist virusspezifisch und deshalb unveränderbar. Man meint in Wirklichkeit den variablen Wert der Nettoreproduktionszahl Rt, gelegentlich auch effektive Reproduktionszahl.

Im Gegensatz zum fixen Wert R0 informiert die Nettoreproduktionszahl darüber, wie viele Menschen ein Infizierter durchschnittlich anstecken kann, wenn ein wie auch immer gearteter Schutz vor einer Ansteckung besteht. In der gegenwärtigen Situation kann das nur durch die bekannten Maßnahmen - Hygiene, soziale Distanz, Quarantäne für die Infektiösen – geschehen. Dabei sind Hygiene und soziale Distanz noch relativ einfach zu bewerkstelligen. Sie sind zudem auch das Fundament aller Möglichkeiten, den Virus auszubremsen, solange keine Impfung zur Verfügung steht. Infektiöse Personen muss man aber zunächst identifizieren, bevor man sie in Quarantäne stecken kann. Das ist bei einer Seuche, die bei fast der Hälfte der Betroffenen ohne Symptome verläuft, praktisch unmöglich.

Die Nettoreproduktionszahl Rt beschreibt also die Effektivität, mit der die Ausbreitung der Infektion abgebremst werden kann. Wenn ein Infektiöser im Durchschnitt weniger als einen anderen anstecken kann, ist die Nettoreproduktionszahl kleiner als 1. Diesen Zustand scheinen wir in Deutschland gerade zu erreichen. Ab jetzt wird sich die Krankheit nicht weiter exponentiell ausbreiten und mit der Zeit gänzlich ausgerottet. Voraussetzung aber bleibt, je strenger wir den Ansatz des „Social Distancing“ einhalten, je besser wir die Infektiösen identifizieren und isolieren, desto weniger Neuansteckungen wird es geben. Noch gehört die überwiegende Mehrheit unserer Bevölkerung zu den (infektiologisch) Naiven.

Egal wie gefährlich oder übertragbar ein Virus ist, genügend Seife und vor allem physischer Abstand hungert ihn aus. Klopapier ist da von absolut nachrangiger Bedeutung.

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