Als Hitler das rosa Kaninchen stahl

Judith-Kerr-Verfilmung neu im Kino – auch in Herne

Carla Juri, Riva Krymalowski und Oliver Masucci.
Carla Juri, Riva Krymalowski und Oliver Masucci. Foto: Frederic Batier / Sommerhaus

Berlin im Winter des Jahres 1932. Die neunjährige Anna Kemper (Riva Krymalowski begeistert mit selbstverständlicher Souveränität) lebt mit ihrer Familie in der Hauptstadt. Ihr Vater Arthur (Oliver Masucci) ist ein berühmter und daher auch umstrittener Theaterkritiker. Als erklärter Gegner der Nationalsozialisten, noch mehr aber als Jude muss er Hitlers Machtübernahme fürchten, weshalb er im Frühjahr 1933 die Ausreise der Familie in die Schweiz plant – so lange sie noch möglich ist.

Als ihm ein befreundeter Polizist steckt, dass sein Name auf einer Liste der Nazis steht, denen die Pässe nach der Reichstagswahl im März entzogen werden sollen, flieht er sofort nach Prag. Worüber seine Gattin Dorothea (Carla Juri), Anna und ihr zwölfjähriger Bruder Max (Marinus Hohmann) eisern schweigen, um ihre eigenen Ausreisevorbereitungen nicht zu gefährden. Zürich ist das Ziel, und mitgenommen werden kann nur, was in die wenigen Koffer passt. So muss Anna ausgerechnet ihr geliebtes rosafarbenes Stoffkaninchen zurücklassen, hofft aber, dass es die Haushälterin Heimpi (Ursula Werner) mitbringt, wenn sie in die Schweiz nachkommt.

Anna (Riva Krymalowski) und ihr rosa Kaninchen.
Anna (Riva Krymalowski) und ihr rosa Kaninchen. Foto: Frederic Batier / Sommerhaus

Onkel Julius (Justus von Dohnany), ein Naturwissenschaftler, hält das alles für übertrieben und pflichtet Max bei: „Wenn die Nazis uns nicht mögen, dann sind sie doch bestimmt froh, uns loszuwerden.“ Doch dann brennt der Reichstag und am Tag vor dem befürchteten Wahlsieg der NSDAP reisen die drei über Stuttgart in die eidgenössische Republik. Anna vertreibt sich die Zeit mit der Lektüre des Buches „Sie wurden berühmt“ und stellt fest, dass es all' den Berühmtheiten in ihrer Jugend schlecht ergangen war. Sie hatten alle eine besonders schwere Kindheit gehabt, weshalb Anna zu der festen und für sie enttäuschenden Überzeugung gelangt, niemals berühmt zu werden.

In Zürich werden sie von Papa abgeholt, der Zimmer im besten Hotel der Stadt reserviert hatte in der Hoffnung, im deutschsprachigen Teil der Schweiz Arbeit zu finden. Doch die Blätter der neutralen Schweiz wollten es sich mit Hitler-Deutschland nicht verderben. Fräulein Heimpel alias Heimpi muss in der Reichshauptstadt bleiben und sich eine neue Herrschaft suchen – und das noble Hotel wird mit einem einfachen Gasthaus in einem der Dörfer am Zürichsee getauscht. Das Wirtsehepaar Zwirn (Benjamin Sadler und Rahel Hubacher) hat drei Kinder, von denen Vreneli (Hannah Kampichler) bald Annas beste Freundin wird. Während Max zur höheren Knabenschule in Zürich fährt, besucht Anna mit den Zwirnschen Kindern die Dorfschule des schon ziemlich betagten Lehrers Graupe (Martin Hug), der selbst einige Defizite in Rechtschreibung und Mathematik aufweist.

Die Großstadtkinder Anna und Max blühen in der naturnahen Umgebung Zürichs förmlich auf. Als Onkel Julius zu Besuch kommt und davon berichtet, dass man auch Papas Bücher öffentlich verbrannt und viele gemeinsame Freunde verhaftet hat, sind das für sie Nachrichten aus einer fernen, vergangenen Welt, Anna trauert nur den Zoo-Besuchen mit Onkel Julius nach. Die Geschwister verbringen nach einigen Anpassungsschwierigkeiten eine letztlich unbeschwerte Zeit mit den Dorfkindern. Ausgerechnet an Annas zehntem Geburtstag bringt Papa Paris ins Gespräch: „Wenn die Schweizer nichts von dem, was ich schreibe, drucken wollen, weil sie Angst haben, die Nazis jenseits der Grenze zu verärgern, dann können wir genauso gut in einem ganz anderen Land leben.“

Anna hat sich zwar noch nicht ganz daran gewöhnt, ein Flüchtling zu sein und nicht zu wissen, wann oder ob überhaupt eine Rückkehr in die Heimat möglich ist. Aber es kommt ihr andererseits auch schön und abenteuerlich vor, kein festes Zuhause zu haben. Weil: Wer einmal berühmt werden will, muss eine schwere Kindheit gehabt haben. Nun fühlt sie sich auf dem besten Wege dahin: Papa fährt nach Paris, wo er für die gerade gegründete deutschsprachige „Pariser Zeitung“ schreiben kann. So ziehen sie in eine kleine möblierte Etagenwohnung unterm Dach eines Hauses, das recht zentral zwischen dem Eiffelturm und dem Triumphbogen liegt. Und von einer, wie sich freilich erst viel später herausstellt, antisemitischen Concierge, Madame Prune (Anne Bennent), betreut wird. Mitbewohnerin ist mit Grete Hader (Luisa-Celine Gaffron) eine österreichische Studentin, die in Paris Französisch lernen will und Mama Dorothea bei der Hausarbeit unterstützen soll. Was beides nicht so recht vorangeht.

„Es ist mir wirklich ganz gleich“, sagt Anna am anderen Morgen am Frühstückstisch, „wo wir sind, solange wir nur alle zusammen sind.“ Nun müssen die Geschwister freilich Französisch lernen: Max kommt auf ein Lycee, eine höhere Schule für Jungen, Anna auf eine kleine ecole communale an einer Seitenstraße der Champs Elysees. Auf dieser „Ecole de filles“ findet sie nicht nur mit Madame Socrate (Marie Goyette) eine verständnisvolle Lehrerin, sondern mit Colette (Chammas Viktoria) eine gleichaltrige Freundin. Anna hat größte Probleme mit der Sprache, bemerkt aber auch, wie lange sie schon nicht mehr mit anderen Kindern gespielt hat: „Es war herrlich, wieder in die Schule zu gehen.“ Max, der es leid ist, schon wieder als Außenseiter zu gelten, entwickelt einen besonderen Ehrgeiz, was die Sprache, aber auch das Outfit betrifft. „Du siehst genau aus wie ein französischer Junge“: das Lob seiner Schwester zaubert ein Lächeln in sein sonst verbissen-ernstes Gesicht.

Im Frühling hebt sich die Stimmung der Kinder: Anna und Max fühlen sich wohl in Paris. Und in der französischen Sprache, die sie nun fast perfekt beherrschen. Im Sommer geht es in den Bois de Boulogne, einen großen Park nicht weit von ihrer Wohnung entfernt. Am 14. Juli feiern alle den Jahrestag der Französischen Revolution – mit Essen und Trinken, Tanz und Musik bis zum frühen Morgen. Anna bereitet sich im neuen Schuljahr auf das „certificat d'etudes“ genannte Examen vor, das sie an einem heißen Julitag des Jahres 1935 mit Auszeichnung besteht, während gleichzeitig ihr Bruder den „prix d'excellence“ als bester Schüler der Klasse gewonnen hat.

So könnte es also weitergehen, aber es ziehen dunkle Wolken am blauen Pariser Sommerhimmel auf: die allgemeine Wirtschaftskrise hat sich auch auf Papas Verdienstmöglichkeiten negativ ausgewirkt. Der nun auf ein Filmmanuskript über Napoleons Mutter setzt. Doch kein französischer Produzent zeigt Interesse, nur ein in London lebender ungarischer Regisseur hat sich gemeldet. Als die Concierge vergeblich um die Miete bittet, offenbart sie ihre wahre Gesinnung: „Hitler wusste, was er tat, als er sich Leute wie Sie vom Halse schaffte.“ Und dann trifft unvermutet ein Brief aus London ein: Tausend Pfund für das Filmmanuskript. London zu viert ist nun keine Vision mehr...

Caroline Link hat sich bei ihrer am 8. Dezember 2019 im Berliner Zoo-Palast uraufgeführten rund zweistündigen Romanverfilmung, die zwischen Juli und Oktober 2018 in Travemünde, Berlin, München, Prag sowie in Bergell/Graubünden gedreht worden ist, eng an die Vorlage gehalten – mit zwei Ausnahmen. Ursula Werners Rolle der Haushälterin Heimpi ist zu einer Großmutter-Figur ausgeweitet worden und der übrigens in Prag gedrehte Paris-Teil der Vorlage, der etwa die Hälfte des 230seitigen Buches einnimmt, ist stark zusammengestrichen worden, auch was die handelnden Personen betrifft. Judith Kerr hat den Film leider nicht mehr sehen können: Sie starb am 22. Mai 2019 im Alter von 95 Jahren. Ihr Geburtsname lautete Judith Kempner, den ihr Vater, der berühmte und gleichzeitig gefürchtete Theaterkritiker Alfred Kerr, erst später ändern ließ.

Die Verfilmung des 1971 bei Collins in London erschienenen Romans „When Hitler Stole Pink Rabbit“ lebt natürlich von der Hauptdarstellerin Anna Kemper alias Judith Kerr: die zehnjährige Newcomerin Riva Krymalowski, 2008 in Zürich geboren und in Berlin aufgewachsen, besucht derzeit die gleiche Grunewalder Schule wie einst Judith Kerr. Sie kannte schon vor dem Cast wie ihre Angehörigen die um „Warten bis der Frieden kommt“ und „Eine Art Familientreffen“ komplettierte autobiographische Roman-Trilogie und die Lebensgeschichte der Autorin. Riva Krymalowski begeistert wie im Jahr zuvor der neunjährige Julius Weckauf in Caroline Links Leinwand-Adaption des autobiographischen Romans „Der Junge muss an die frische Luft“ von Hape Kerkeling mit einer frappierend unspektakulären Souveränität.

„Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ ist am 25. Dezember 2019 bundesweit gestartet und wird in der Filmwelt Herne, in der Schauburg Dortmund, im Eulenspiegel Essen sowie in den beiden Bochumer Bermuda-Dreieck-Kinos Union und Casablanca gezeigt.

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