Kino-Tipp: 'Vivaldi und ich'
Zwei Seelen finden über die Musik zusammen
Im Venedig des 18. Jahrhunderts wächst das Waisenkind Cecilia (Tecla Insolia) im Ospedale della Pietà auf und, nachdem der Priester und Komponist Antonio Vivaldi (Michele Riondino) als Leiter des Orchesters zurückgekehrt ist, zu einer talentierten Violinistin heran. Das von einer strengen Priorin (Fabrizia Sacchi) geführte Heim finanziert sich zum einen aus Geldern, welche die Zuhörer der sonntäglichen Kirchenkonzerte des reinen Mädchenorchesters spenden.
Die jungen Instrumentalistinnen, die zumeist wie Cecilia von ihren anonym gebliebenen Müttern in einer Babyklappe abgelegt und wie ein Stück Vieh mit einem Brandzeichen stigmatisiert wurden, musizieren, mit Gesichtsmasken unkenntlich gemacht, auf einer Empore. Sie sollen nicht als eigenständige Personen angesehen werden, obwohl sie später wesentlich zur Finanzierung der Einrichtung beitragen: Durch ihre Verheiratung mit wohlhabenden Gönnern werden die meisten Spendengelder generiert.
Virtuose, ja ekstatische Musik
Doch als der an Tuberkulose erkrankte Vivaldi seinen greisen, für den Musikgeschmack des Publikums zu konservativen Vorgänger Don Giulio abgelöst hat, ändert sich das Binnenverhältnis im Orchester: Cecilia wird zur 1. Violinistin und damit zu seiner Stellvertreterin ernannt, die den körperlich Geschwächten immer häufiger bei den Proben vertritt – unter den kritischen, ja missbilligenden Augen der Priorin. Die wohlweislich nicht einschreitet angesichts des enormen Publikumszuspruchs zur schwungvoll vorgetragenen virtuosen, ja ekstatischen Musik Vivaldis.
Ja, sie zeigt sogar Herz für die heimliche Protagonistin des Orchesters, die Vivaldi als Inspirationsquelle für seine berühmteste Komposition, das Violinkonzert „Die vier Jahreszeiten“, diente, indem sie Cecilia einen Blick in die Kladde gewährt, in der die Beigaben der in die Babyklappe gelegten Neugeborenen aufbewahrt werden. Kommt es doch wenn auch selten vor, dass reuige Mütter später Kontakt zu ihren Kindern aufnehmen wollen und ein Erkennungszeichen, in Cecilias Fall eine Windrose, beilegen.
Tabubruch beim Staatsbesuch
Zum Staatsbesuch des dänischen Königs Frederik IV. (Miko Jarry) spielt Cecilia eine für den Gast komponierte Sonate – wie üblich maskiert. Der ist dermaßen fasziniert, dass er das Gesicht der Geigenvirtuosin sehen möchte, um ihr zu gratulieren. Was der Gouverneur (Andrea Pennacchi) schlecht ablehnen kann – mit Folgen. Denn der junge Graf Sanferno (Stefano Accori), der spätere Held von Korfu in der Abwehrschlacht der mit Venedig verbundenen Österreicher gegen die Türken, ist sofort in Cecilia verliebt. Und die Priorin wittert sogleich ein großes Geschäft.
Aber Cecilia, für die Vivaldi eine eigene Geige bauen lässt, will Musikerin sein und nicht als Ehegattin versauern, auch nicht im Goldenen Käfig Sanfernos. Weshalb sie sich mit dem jungen Gemüsehändler Michele einlässt mit dem Ziel, den üblichen Jungfräulichkeits-Test nicht zu bestehen.
Was auch klappt, aber der gekränkte Sanferno sorgt dafür, dass Cecelia aus dem Orchester ausgeschlossen wird und Laura (Hildegard De Stefano) ihre Geige überlassen muss: Er bricht ihr sämtliche Finger! Noch einmal zeigt die strenge Priorin Herz und lässt Cecilia heimlich gehen, um außerhalb der Klostermauern ein bescheidenes, aber selbstbestimmtes Leben führen zu können. Der Nachspann klärt darüber auf, dass Vivaldi vierzig Jahre lang das Waisenhausorchester geleitet hat, seine Kompositionen aber erst 200 Jahre später wiederentdeckt worden sind.
Fiktiv, aber historisch grundiert
„Vivaldi und ich“ erzählt eine fiktive, aber dennoch historisch grundierte Geschichte weiblicher Selbstbestimmung, eingebettet in die atmosphärische Kulisse des barocken Venedigs und getragen von der Musik Antonio Vivaldis. Der preisgekrönte italienische Theater- und Opernregisseur Damiano Michieletto verwebt in seinem opulenten Spielfilmdebüt die Biografie des weltberühmten Komponisten mit dem Schicksal einer jungen Waise, die in der Musik die Inspiration findet, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen.
Es ist für die große Leinwand und eine leistungsfähige Soundanlage bestimmt mit traumschönen Venedig-Bildern von Daria D’Antonio sowie der vom Orchester und Chor des Teatro La Fenice Di Venezia unter Carlo Boccadoro eingespielten Originalmusik von Fabio Massimo Capogrosso.
European Shootingstar
Im Mittelpunkt der European Shootingstar 2026 Tecla Insolia („The Art of Joy“, „Be Loves“) als Cecilia und Michele Riondino („Zehn Winter“, „Der Graf von Montecristo“), der als ehrgeiziger Komponist, der um künstlerische Anerkennung kämpft, brilliert: Zwei suchende, ringende Seelen, die über die Musik zusammenfinden. „Vivaldi und ich“ ist angelehnt an den historischen Roman „Stabat Mater“ des venezianischen Autors Tiziano Scarpa, der mit Italiens wichtigstem Literaturpreis, dem „Premio Strega“, ausgezeichnet wurde und auf Deutsch im Verlag Klaus Wagenbach erschienen ist.
Der Film ist unter dem Originaltitel „Primavera“ vom 27. September bis zum 4. November 2024 in Rom und vor allem in Venedig gedreht worden, feierte seine Uraufführung am 6. September 2025 auf dem 50. Toronto International Film Festival und erhielt in der Folge zahlreiche Preise. Kinostart der 111-minütigen italienisch-französischen Produktion ist am 21. Mai 2026, bei uns zu sehen im Casablanca Bochum, in der Schauburg Dortmund, der Schauburg Gelsenkirchen, dem Eulenspiegel Essen, der Lichtburg Oberhausen sowie dem Metropol Düsseldorf.
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- Donnerstag, 21. Mai 2026