Kontrollverlust am Semmering
'Welcome Home Baby'
Gerade hat sie in einem Neuköllner Treppenhaus einer jungen Frau (Janina Stopper) geholfen, ihr Kind zur Welt zu bringen, da erreicht die Berliner Notärztin Judith (Julia Franz Richter) eine Nachricht wie von einem anderen Stern: Sie habe von ihrem ihr völlig unbekannten leiblichen Vater ein Haus in Österreich geerbt und müsse alsbald die Formalitäten regeln. Ihr Gatte, der Fotograf Ryan (Reinout Scholten van Aschat), ist zwar der Ansicht, dass das über einen Anwalt auch von daheim aus geht, begleitet sie aber trotz noch ausstehender Aufträge in die Alpenrepublik.
Nach neunstündiger Autofahrt stehen sie im niederösterreichischen Schottwien unter der gewaltigen Brücke der Semmering-Schnellstraße am gebuchten Gasthaus vor verschlossener Tür. Ein Blick aufs Handy bestätigt, dass die Buchung kurzfristig storniert wurde. Also geht’s weiter zum Anwesen, an dessen Türschild einen gewissen Dr. Eduard Sarstein als Bewohner ausweist. Tante Paula (Gerti Drassl) empfängt die beiden an der Türschwelle mit einer Herzlichkeit, als seien sie verlorene und plötzlich wiederaufgefundene Königskinder. An ihrer Seite die in etwa gleichaltrige Moni Ramsauer (Maria Hofstätter), die den beiden offenbar längst Erwarteten bereits das Zimmer gerichtet hat.
Das Leben auf der anderen Seite
Judith, inzwischen Anfang 30, war bereits als kleines Kind weggegeben worden ohne späteren Kontakt zu ihren leiblichen Eltern. Sie hat daher keinen Bezug zum Haus, das sie so schnell wie möglich verkaufen will und bereits mit einem Makler Kontakt aufgenommen hat. Doch am anderen Morgen ist das Wartezimmer ihres verstorbenen Vaters voller Menschen, die ganz selbstverständlich von Judith erwarten, die Arztpraxis zu übernehmen. „Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf“: Paula, Moni und die anderen haben auch schon Überlegungen angestellt, wie Ryan hier als Hochzeits- und Werbefotograf tätig sein könnte.
Auch sonst gehen merkwürdige Dinge vor sich. Der Termin mit der Maklerin Johanna Gebtesroither (Carmen Gratl) ist von wem auch immer abgesagt worden und Judith betritt mit einem aufgefundenen Schlüssel ein Kinderzimmer, das sie nicht als das ihre identifizieren kann. „Wie ist das Leben auf der anderen Seite, du kennst es ja“ fragt die alte Frau Scheichl (Linde Prelog), die mit Schmerzen in die Sprechstunde gekommen ist: In der Tat zeugen zwei große Narben an Brust und Bauch von einer einst schweren Verletzung Judiths. Die auch an Hand von Fotos in die eigene Vergangenheit blicken kann, die ihr Hanna Schatzberger (Erika Mottl), eine enge Freundin ihrer offenbar früh verstorbenen Mutter Anna, zeigt. Sie ist aus dem Altenheim nach Hause gelaufen und wird von den Dorfbewohnern wieder „eingefangen“.
Horrible Alpträume
Judith wird zunehmend von horriblen bildmächtigen Alpträumen geplagt, die auch, soviel sei verraten, den Kinozuschauern an die Nieren gehen (Kamera: Carmen Treichl, Geräusche: Max Bauer, Musik: Karwan Marouf). Als Ryans Digitalkamera ihren Geist aufgibt, findet sich wie von Zauberhand eine analoge Kamera- und Fotolabor-Ausrüstung. Beide versuchen vergeblich, sich den Stress mit den übergriffigen Bewohnern, welche die Berliner offenbar fest im Griff haben, wegzuvögeln. Und dann ist Judith über Nacht im sechsten Monat schwanger, hat Berlin völlig vergessen und lebt im Ort, als sei es nie anders gewesen…
„Welcome Home Baby“, vom 10. Mai bis 28. Juni 2024 vor allem im Haus des Schottwiener Dorfarztes, aber auch in der Steiermark und in Wien gedreht, ist ein über 115 Minuten elektrisierender Psychothriller mit grandios-atmosphärischen Bildern, die so recht nur auf der großen Kino-Leinwand wirken. Am 13. Februar 2025 als Eröffnungsfilm des Panorama-Wettbewerbs der 75. Berlinale uraufgeführt startet „Welcome Home Baby“ am 27. November 2025 in unseren Kinos, zu sehen im Sweetsixteen Dortmund und im Metropol Düsseldorf.