Von Schweinehirten und Gesundheitsministern

Die Sau durchs Dorf treiben.
Die Sau durchs Dorf treiben. Foto: Jörg Lippmeyer

Schweinehirten und Gesundheitsminister haben eines gemeinsam: sie müssen gelegentlich eine Sau durchs Dorf treiben. Bei den Schweinehirten ist es allerdings im Regelfall eine reale Sau. Die Gesundheitsminister bevorzugen dagegen eine Sau, die es nur in ihrer Phantasie gibt. Der damalige Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe schenkte uns die zentrale Terminvergabe. Die wird derzeit von circa 200.000 Patienten in Anspruch genommen. Angesichts der Tatsache, dass der durchschnittliche Deutsche etwa 20 (zwanzig) Arztbesuche pro Jahr zu stemmen pflegt, das sind 1,6 Milliarden Termine, eine lächerliche Zahl. Von einem systembeherrschenden Problem kann man angesichts dieser Zahlen kaum ausgehen.

Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey.
Dr. Gerd Dunkhase von Hinckeldey. Foto: Wolfgang Quickels

Karl-Josef Laumann, aktueller NRW-Gesundheitsminister, will mit einer Hausarztquote für Medizinstudenten das Problem der Unterversorgung in ländlichen Gebieten lösen. Was dieser Idee halte, habe ich in meiner letzten Kolumne erörtert (halloherne berichtete). Die so populistischen wie amateurhaften Geistesblitze ihrer Vorgänger über Horst Seehofer, Andrea Fischer, Ulla Schmidt und Philipp Rösler sind so zahlreich, dass sie den Rahmen einer Kolumne sprengen würden. Das Gesundheitswesen wird noch Jahrzehnte darunter leiden. Jetzt kommt Jens Spahn - als Bundesgesundheitsminister - und versucht der Öffentlichkeit weiszumachen, man könne das Problem der Wartezeiten auf Termine dadurch lösen, indem man die Zahl der Pflicht-Sprechstunden für Kassenpatienten von 20 auf 25 erhöht. Ich bitte um Verzeihung, wenn ich diesen Vorschlag als eine der schlimmsten Albernheiten in dem allgemeinen dem gesundheitspolitischen Aktionismus der letzten 30 Jahre empfinde. Die durchschnittliche Arbeitszeit, die ein niedergelassener Arzt aktuell am Patienten verbringt, beträgt 55 Stunden pro Woche. Glaubt Herr Spahn wirklich, dass davon 35 Stunden auf Privatpatienten entfallen? Wenn er wirklich ernst machen wollte mit der Abschaffung der gestreckten Terminpläne, müsste er schon sehr Grundlegendes verändern.

Da wäre zunächst die Budgetierung. Wenn nur eine begrenzte Zahl an Patienten pro Quartal mit einer ebenfalls begrenzten Leistungsmenge bezahlt werden, ist dies das Limit, über das hinaus nicht mehr sehr viel unentgeltlich geleistet wird. Auch müssten die erbrachten Leistungen rentierlich bezahlt werden. Bei der herrschenden Flat-rate-Mentalität und dem dadurch kaum zu bremsenden Konsumrausch im deutschen Gesundheitswesen würde das die Finanzkraft unserer Krankenkassen natürlich sprengen. Erforderlich wäre daher eine angemessene Eigenverantwortlichkeit des Endverbrauchers / Patienten für Leistungen, die über die Grundversorgung hinausgehen. Weiterhin wäre es auch ganz gut, wenn irgendein Gesundheitsminister mal begreifen würde, dass auf medizinische Spitzenleistung getunte Ärzte noch längst keine geborenen Unternehmer sind. Immer noch werden 90 Prozent der ambulanten Medizin in ärztlichen Tante-Emma-Läden erbracht. Da ist der Arzt nicht nur das Produkt, das verkauft wird, er ist der Produkt- und Personalmanager ebenso wie Finanzvorstand und was sonst noch zu einem florierenden Unternehmen gehört – ohne dass er dafür einen Hauch von Ausbildung erfahren hätte. Wie soll da ein auf Effizienz getrimmtes Gesundheitssystem entstehen? Derartige Projekte wären natürlich schwierig zu realisieren und einer verwöhnten Bevölkerung mit jahrzehntelang gepflegter Konsummentalität zum Nulltarif schwer zu vermitteln. Da ist es für einen Politiker doch viel einfacher, mal eine fiktive Sau durchs Dorf zu treiben und so zu tun, als täte er was.

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