Verdis „Nabucco“ am MiR

Verbotene Liebe

Nabucco - ein König (Bastiaan Everink) am Ende.
Nabucco - ein König (Bastiaan Everink) am Ende. Foto: Pedro Malinowski

Gelsenkirchen. „Va, pensiero...“: Mit Verdis zum Nationalepos mutierter dritten, 1842 uraufgeführten Oper Nabucco ist der größte Skandal der Gelsenkirchener Musiktheater-Geschichte verbunden. Zum Auftakt der Saison 2001/2002 hatte Regisseur Tilman Knabe das Geschehen um den babylonischen König Nabucco, seine Töchter Fenena und Abigaille sowie das Objekt der Begierde beider Frauen, Ismaele, ein Neffe des hebräischen Königs, in den biedermeierlich-bürgerlichen Salon des Hohepriesters Zaccaria verlegt. Und die beiden Chöre der Hebräer und Babylonier zu einer einzigen, hin und her schwankenden Stimme des Volkes vereinigt.

Nabucco - Verbotene Liebe: Anke Sieloff und Martin Homrich.
Nabucco - Verbotene Liebe: Anke Sieloff und Martin Homrich. Foto: Pedro Malinowski

Knabes als so albern wie geschmacklos empfundene Regieeinfälle gipfelten in der Explosion einer Bombe mitten im Gefangenenchor – ausgerechnet in einem Thoraschrein. Was nicht nur auf erheblichen Widerstand der Philharmoniker stieß, die beim neuen Intendanten Peter Theiler für ihre Forderung nach einer konzertanten Aufführung freilich kein Gehör fanden. Sondern auch auf den des Premierenpublikums. Der darob erzürnte Regisseur warf bei der Premierenfeier im West-Foyer eine Flasche gegen die gerade erst vom Architekten Werner Ruhnau eigenhändig gereinigte große Yves-Klein-Wand, die danach aufwändig restauriert werden musste.

Von solchen Begleiterscheinungen ist die Neuproduktion des Musiktheaters im Revier (MiR), die am Samstag (16.6.2018) umjubelte Premiere feierte, frei. Auch weil die Regisseurin Sonja Trebes, am Kennedyplatz bestens eingeführt mit Händels Belsazar und Rotas Der Florentiner Hut, im Gegensatz zu Dortmunds scheidendem Opernchef Jens-Daniel Herzog ein Vierteljahr zuvor den Fokus nicht auf politische Tagesaktualität legt, sondern auf die Vater-Töchter-Beziehungen und den (Macht-) Kampf der Schwestern.

Wobei nicht Fenena (Anke Sieloff), leibliche Tochter und erklärter Liebling des babylonischen Königs Nabucco (der niederländische dramatische Bariton Bastiaan Everink als Gast), ins Zentrum rückt, sondern ihre ältere Schwester Abigaille (die international gefeierte Wagner-Sopranistin Yamina Maamar). Aus verschmähter Liebe zu Ismaele (Martin Homrich), mehr noch in dem Wissen, von Sklaven abzustammen, schlägt sie sich auf die Seite des intriganten Oberpriesters des Baal (MiR-Rückkehrer Dong-Won Seo als Gast), der sie als Gallionsfigur seiner Ränkespiele missbraucht.

Dass die Rivalität der Königskinder bereits in frühester Jugend angelegt ist, zeigt Sonja Trebes während der Ouvertüre im Streit der Schwestern um einen Teddy: Für die kleine Abigaille, in der grünen Uniform ganz der Vater, hängen die Trauben auf Papas Tisch ungleich höher als für die im duftigen Kleid gewandete Schwester (Kostüme: Britta Leonhardt). Eine schmerzliche Zurückweisung, an die sich die erwachsene Abigaille stets erinnern wird.

In Dirk Beckers von Neonröhren gefasstem Treppen-Guckkasten mutiert der von Alexander Eberle in gewohnter Extraqualität einstudierte Chor auch zum szenischen Hauptdarsteller. Etwa zur sonnenbebrillten Schickeria an der üppigen Festtafel des Königs, dessen Operetten-Soldaten Kappen tragen, die als Reminiszenz an die Knappen zum Ende der Steinkohleförderung im Revier angesehen werden können.

Als sich Nabucco zum Gott erhebt, wird er rücklings von Fenena erschossen - was freilich so nicht im Buch steht. In den hängenden Gärten von Babylon huldigt eine dekadente Bussi-Gesellschaft der neuen Herrscherin Abgaille, die unter dem roten Königsmantel nun ein elegantes Kleid trägt: Sonja Trebes stellt Bezüge zum Hier und Jetzt ganz unaufgeregt her, womit das Gelsenkirchener Florett den Dortmunder Holzhammer klar aussticht.

Musikalisch lässt Giuliano Betta am Pult keine Wünsche übrig. Mehr noch: der von der Deutschen Oper am Rhein zur Spielzeit 2018/19 als neuer 1. Kapellmeister ins Revier wechselnde gebürtige Italiener ist ein Versprechen auf die Zukunft. Zusammen mit hochkarätigen Gästen, unbedingt noch zu nennen der stimmgewaltige kroatische Bass Luciano Batinic als hebräischer Hohepriester Zaccaria, erfüllt dieser Nabucco höchste Ansprüche des Publikums. Wieder auf dem Spielplan am Sonntag, 8. Juli 2018, um 18 Uhr im Großen Haus sowie in der neuen Saison am Sonntag,16. September, 21., Freitag, 26. Oktober, Donnerstag,1., und Dienstag,18. November 2018. Karten unter musiktheater-im-revier.de.

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