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Der versoffene Hugo Drowak (Karl Markovics) entpuppt sich als erstaunliches erzählerisches Talent.

Trauma einer vergangenen Liebe

'Sie glauben an Engel, Herr Drowak?'

Eine Ratte auf Erkundungstour durch die mit 4.000 bis an die Decke gestapelten leeren Flaschen messiehaft vollgestopfte Behausung eines alten Säufers, der in einem der oberen Stockwerke eines brutalistischen Wohnhochhauses „lebt“. Hugo Drowak (Karl Markovics) wehrt sich mit stoischer Beharrlichkeit, wenn es sein muss aber auch mit Urin gefüllten Luftballons und Zigarettenasche gegen paramilitärisch auftretende „AMT“-Männer, die ihn aus seiner Wohnung zerren wollen.

Schnitt. Mit dem Fahrrad ist die energiegeladene Germanistik-, Soziologie- und Puppenspiel-Studentin Lena Jacobi (Luna Wedler) an monumentalen Betonbauten vorbei zum kurz „AMT“ genannten „Amt für Ruhe und Ordnung“ geradelt, um sich auf eine Stelle als Schreibtherapeutin zu bewerben. Weil die Schlange Wartender vor einer viel zu kleinen Aufzugstür lang ist, kämpft sie sich durch ein zugemülltes Treppenhaus bis zu Marlon Grohmann (Jan Bülow) durch, dem „Sozialbearbeiter“ für die Buchstaben A bis E. Und lässt sich durch dessen horrible Stellenbeschreibung nicht abschrecken: Im Rahmen des Resozialisierungsprogramms „Tolerant und gewaltfrei durch Kreativität“ soll sie aus dem einsamen, hasserfüllten Alkoholiker Hugo Drowak durch „kreatives Schreiben“ einen gesellschaftsfähigen Bürger machen.

Scheitern ausgeschlossen

„Sozialbearbeiter“ Marlon Grohmann (Jan Bülow) bemüht sich sehr um die Studentin Lena (Luna Wedler).

Auf einer von Marcula von der Aue (Thelma Buabeng, 2017/19 am Schauspielhaus Bochum), Sekretärin des skurrilerweise stets rückwärts laufenden Amtsleiters (Lars Eidinger), organisierten Pressekonferenz, an der Lena Jacobi mit den anderen Tutoren teilnimmt, verkündet Grohmanns Chef, dass ein Scheitern des Programms ausgeschlossen ist. Doch der erste Arbeitstag Lenas ist wenig ermutigend: Zum einen antwortet Drowak auf ihre Frage, was ihm zum Glück fehlt, mit: „Die Abwesenheit aller Menschen.“ Zum anderen findet sie anschließend ihr im Treppenhaus abgestelltes Fahrrad skelettiert vor. Beim zweiten Treffen ist ihr Hugos Nachbar und bester, da einziger Freund Edgar (Dominique Pinon), der regelmäßig für flüssigen Nachschub sorgt, als Eisbrecher behilflich – und ein erster gemeinsamer Schreibversuch zum Thema „Sehnsucht“ offenbart Hugo Drowaks erstaunliches erzählerisches Talent.

Als es den „AMT“-Männern endlich gelungen ist, Hugo aus seiner Wohnung herauszuholen, führt sein erster Weg naturgemäß zu Edgar. Aber dessen fürchterliche Frau Lore (Bettina Stucky) ist nicht auszuhalten, weshalb Lena den Obdachlosen in ihrer Wohnung aufnimmt. Wo der sich bisher von Dämonen, Ratten und anderem Getier verfolgt fühlende Hugo zur Ruhe kommt und sich an, nun wird der Schwarzweiß-Film farbig, an die eigene Jugendzeit erinnert: Hugo (nun Nikolai Gemel) lernt auf einem Musikfestival die finnische Studentin Ana Pajua (Saga Sarkola) kennen und lieben. Es ist die alte Geschichte: Als sie schwanger ist, freut er sich nicht wirklich, sein Freiheitsdrang ist größer als die Liebe zu Ana und die Verantwortung für das Kind.

Pure Poesie

Nikolai Gemel als junger Hugo Drowak, der die finnische Studentin Ana Pajua (Saga Sarkola) liebt – aber dann schnöde sitzenlässt.

„Pure Poesie“: Die Texte, die der alte Drowak auf Lenas Schreibmaschine tippt, kommen beim Amtsleiter an, sodass Hugo wieder in seine alte Sozialwohnung ziehen kann. Gleichzeitig bemüht sich der „Sozialbearbeiter“ um Lenas Gunst, was durchaus auf Gegenseitigkeit beruht, bis sie Grohmann mit einer anderen erwischt. Aber auch Lenas Verhältnis zu Hugo wird nachhaltig gestört, als sie sein Manuskript ungefragt an einen Verlag weitergegeben hat, was er als Vertrauensmissbrauch empfindet…

Kafkaesk-dystopische Tragikomödie

Der Schweizer Regisseur Nicolas Steiner hat mit seinem ersten Spielfilm, das Drehbuch stammt von der Dortmunder Schriftstellerin Bettina Gundermann, eine leicht kafkaesk-dystopische Tragikomödie inszeniert, in der die Schatten der Vergangenheit bis in die Gegenwart reichen – und zu Literatur werden. Steiner gelingt es, in schwarzweißen Bildern eine fast surreale Gegenwartswelt zu schaffen, mit brutalistisch anmutenden Bauten und kantigen Wohnklötzen, während er die Szenen in der Vergangenheit in warmen Farben wiederaufleben lässt.

Karl Markovics hat für den herausfordernden Part des Hugo Drowak als eine Mischung aus Arschloch und liebenswertem Menschen auf eine große Rolle in Wes Andersons „Der Phönizische Meisterstreich“ verzichtet, was dem österreichischen Star-Schauspieler (Oscar für „Die Fälscher“) hoch anzurechnen ist. An seiner Seite brilliert die Zürcherin Luna Wedler, die 2025 in Venedig mit dem Marcello-Mastroianni-Preis als beste Nachwuchsschauspielerin für ihre Rolle in „Silent Friend“ ausgezeichnet worden ist. „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“ startet am 19. Februar 2026 in den Kinos Casablanca Bochum, Roxy Dortmund, Astra Essen, Lichtburg Oberhausen und Metropol Düsseldorf.

Mittwoch, 18. Februar 2026 | Autor: Pitt Herrmann