'Als Hartzerin im Harz'
Sehnsucht in Sangerhausen
Zwei Frauen aus prekären Verhältnissen begegnen sich in der ostdeutschen Kleinstadt Sangerhausen: Ursula (Clara Schwinning), eine Kellnerin mit Zweitjob und gebrochenem Herzen und Neda (Maral Keshavarz), eine iranische Möchtegern-YouTuberin mit gebrochenem Arm. Erstere sucht menschliche Nähe, letztere will einen Low-Budet-Film („Als Hartzerin im Harz“) drehen.
I. Lotte. Ursulas Ur-Ur-Ur-Großmutter, die Dienstmagd Lotte (Paula Schindler), muss schwere Wassereimer schleppen und dem jungen Grafen Hardenberg (Nils Ramme), besser bekannt als romantischer Dichter Novalis, die Stiefel wichsen. Im Gegensatz zu ihrer Kollegin Grete (Luise von Stein) hat sie Lesen gelernt, interessiert sich für Frankreich nach der Revolution, weiß aber nicht, was es mit dem Kamel im Matthäus-Evangelium auf sich hat. Beide lauschen dem „Steinschlucker“ Norbert (Jakob Schmidt), der vom Mansfelder Bergbau erzählt und fürchten sich vor einem Kursächsischen Husar (Alexander Knappe), der einen Pferdedieb verfolgt.
Teure Kirschen im Supermarkt
II. Ursula. Die mit Uwe Ursprung (Stefan Stern) verheiratete Kellnerin Ursula, die im Zweitjob in den frühen Morgenstunden ein Möbellager reinigt, ärgert sich über die teuren Kirschen im Supermarkt für ihre noch in der Ausbildung steckende 16-jährige Tochter Moni. Auf dem Nachhauseweg trifft sie auf drei Musiker, die Cellistin Danella (Marlene Hauser), den Bratschisten Paul (Jérémie Galiana) und die Geigerin Zulima (Henriette Confurius), zu der sie sich sogleich hingezogen fühlt. Ursula ist beeindruckt vom Wissen und von der Weltläufigkeit der bürgerlichen Germanistentochter, deren Vorname auf das arabische Mädchen Zulima im Novalis-Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“ zurückgeht.
Ursula, die auch einen Novalis-Becher besitzt, erfährt von Sung-Nam (Kyung-Taek Lie), ihrem Nachbarn im Plattenbau an der „Straße der Volkssolidarität“, dass er seinen VW Bulli verkaufen muss und dadurch auch seinen Job als Fremdenführer verliert. Der menschenfreundliche Koreaner, der mit dem kleinen Buk (Buksori Lie) zusammenlebt, dem Enkel einer Bekannten, brät ihrem Gatten Uwe schon ‘mal ein Schnitzel, wenn sie Sonderschichten fahren muss.
Bayerische Nacktwanderer
Das Berliner Musiker-Trio ist von Angelika Markgraf (Valerie Neuenfels) zum Kultursommer-Konzert im Amphitheater eingeladen worden. Es nutzt die Zeit, um sich den Ort und die grüne Umgebung anzuschauen, beobachtet erstaunt eine Kamel-Wanderung zum Kyffhäuser-Denkmal und belustigt zwei skurrile bayerische Nacktwanderer (Johannes Berzl und Andreas Bittl), die mit dem Akkordeon unterwegs sind. Während die YouTuberin Neda im Park in die Kamera sprechen will, aber ihren Blick auf zwei Straßenfegerinnen (Ghazal Shojaei und Mariya Nouri) nicht abwenden kann.
III. Neda. 500 Euro veranschlagt der Automechaniker Robert (Leonard Scheicher) nur für Ersatzteile, um Nedas Auto wieder flottzumachen. Immerhin hat er Kirschen mitgebracht, ein schwacher Trost für die Hartzerin, die in der Straßenkehrerin Marjam eine alte Freundin aus dem Iran zu erkennen glaubt.
IV. Die schönste Sehenswürdigkeit der Region im klimatisierten Reisebus. Ein Lichtblick, wenn auch nur für kurze Zeit: Sung-Nam kutschiert Neda und Ursula für die letzten Film-Einstellungen durch die Gegend. Sie landen in einer Felsspalte, in der sich einst Lotte vor dem Husar verbarg. So hängt alles mit allem zusammen – einschließlich der titelgebenden Sehnsucht nach einem anderen Leben.
Geister der Vergangenheit
Julian Radlmaiers vom 29. Juli bis 12. September 2024 in Sachsen-Anhalt und Thüringen gedrehter Film kontrastiert zwei Begegnungen: Die erste ist die romantische, aber zum Scheitern verurteilte Liebesbeziehung zwischen der proletarischen Kellnerin Ursula und der bürgerlichen Geigerin Zulima, die nach dem Konzert wortlos verschwindet, obwohl Ursula extra das Auto ihres Nachbarn Günther (Horst Heine) geklaut hat für ein letztes Treffen. Die zweite ist die zwischen Ursula und Neda, am Schluss noch erweitert um Sung-Nam: Sie gelingt, weil, jedenfalls nach Auffassung des Regisseurs, die tiefere Kluft zwischen den Menschen nicht horizontal zwischen Nationen und Kulturen verläuft, sondern vertikal zwischen sozialen Klassen. Am Ende verbinden sich die Protagonisten in der Barbarossa-Höhle Rottleben sogar mit den Geistern der Vergangenheit, die nicht zu Unrecht über die Vergesslichkeit der Lebenden klagen…
Blauer Stein als Roter Faden
Ein profaner blauer Stein zieht sich wie ein Roter Faden durch die am 7. August 2025 in Locarno uraufgeführte höchst anspielungsreiche 90-minütige Realsatire, der Bezug nimmt auf die blaue Blume, das Sehnsuchts-Symbol der Romantik. Auch musikalisch setzt Radlmaier auf Kontraste zwischen Bianca Grafs Heimatschnulzen und Robert Schumanns Kinderszenen, Geistervariationen und Kreisleriana-Stücken. Nach der Deutschlandpremiere am 27. September 2025 auf dem Filmfest Hamburg wurde Produzent Kirill Krasovski mit dem Hamburg Producers Award für Deutsches Kino ausgezeichnet.
Kinotour mit Clara Schwinning
Zum Kinostart am 27. November 2025 zu sehen im Sweetsixteen Dortmund, im Filmstudio Glückauf Essen sowie im Metropol Düsseldorf. Die bundesweite Kinotour mit der Hauptdarstellerin Clara Schwinning macht Station am Sonntag, 30. November 2025, um 20 Uhr im Filmstudio Glückauf Essen und am Montag, 1. Dezember 2025, um 19 Uhr im Metropol-Kino Düsseldorf.