halloherne.de lokal, aktuell, online.
Lauter Übertreibungskünstler in Dorothee Curios schrillen Klamotten (v.l.): Danai Chatzipetrou, Puk Brouwers, Jakob Schmidt, William Cooper und Jost Grix.

'Die Gehaltserhöhung' im Bochumer Schauspielhaus

Schrille Farce aus der Arbeitswelt

Sie haben reiflich nachgedacht haben ihren ganzen Mut zusammengenommen und entschließen sich, Ihren Abteilungsleiter aufzusuchen um ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten. Entweder ist er in seinem Büro oder aber er ist nicht in seinem Büro. Ist er nicht in seinem Büro, was wahrscheinlich ist, bleibt Ihnen folglich nur eins, im Flur auf seine Rückkehr – oder überhaupt auf seine Ankunft zu warten. Oder seiner Sekretärin, Mademoiselle Yolande, in ihrem Büro einen Besuch abzustatten.

Wenn sie denn in ihrem Büro ist. Wenn nicht, bleibt immer noch die Möglichkeit, eine Runde durch die verschiedenen Abteilungen des fabelhaften Unternehmens drehen und dann einen erneuten Versuch zu starten…

Sprachmächtiger Autor

Der französische Autor, Filmemacher und Uni-Dozent im australischen Bisbane, Georges Perec (1936 Paris – 1982 in Ivry-sur-Seine), hat als Sohn polnischer Juden im Kindesalter die deutsche Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg miterleben müssen. Sein Vater fiel 1940 als Freiwilliger in der französischen Armee, seine Mutter wurde 1943 nach Auschwitz verschleppt.

Kurz vor ihrer Verhaftung konnte sie ihren Sohn mit einem Zug des Roten Kreuzes aufs Land schicken und ihm so das Leben retten. Vielleicht, so vermuten Literaturwissenschaftler, hat ihn diese frühe Prägung zu einem der sprachmächtigsten französischen Schriftsteller des vorigen Jahrhunderts werden lassen.

Posthum veröffentlicht

In seinem erst posthum 2008 in Paris erschienenen Text „L’art et la manière d’aborder son chef de service pour lui demander une augmentation“, im Jahr darauf in der Übersetzung von Tobias Scheffel unter dem Titel „Über die Kunst, seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten“ bei Klett-Cotta in Stuttgart herausgekommen, variiert Perec die immer gleiche Grundsituation: Ein Angestellter sucht seinen Abteilungsleiter auf, um eine Gehaltserhöhung zu erbitten.

Linde Dercon (l.), gerade dem skurrilen Bühnen-Orkus entstiegen, und ihre Büro-Kollegen Danai Chatzipetrou, Jakob Schmidt, Jost Grix (im Büro-Aquarium) und William Cooper (v. l.) geben dem Affen reichlich Zucker.

Am Ende schließt sich der Kreis: „Angenommen – etwas, das man alle Tage sieht – Sie haben Ihre Gehaltserhöhung nicht bekommen. In diesem Fall müssen Sie wieder von vorne anfangen“.

Regelbasierter Text

„Wir schreiben nach Regeln, wir suchen nach Regeln, die es immer gegeben hat“: Der kurz vor seinem 46. Geburtstag verstorbene Perec, welcher der nur „Oulipo“ genannten experimentierfreudigen Werkstatt für potentielle Literatur („l’ouvroir de littérature potentielle“) um Raymond Queneau und Italo Calvino angehörte, spielt alle möglichen Variationen des Versuchs durch – und zwar auf Basis eines der Buchausgabe beigefügten Organigramms aus dem Jahr 1968, das ihm sein Freund Jacques Perriaud, Forscher im Rechenzentrum der Maison des sciences de l’homme, erstellt hat. Und das den absurden Witz des wissenschaftskritischen Textes erst richtig komplettiert.

Aus dem zunächst in der Neuübersetzung von Eugen Helmlé ein Hörspiel entstand, die knapp 45-minütige Produktion des Saarländischen Rundfunks unter dem Titel „Wucherungen“ kann in der ARD-Audiothek abgerufen werden. Und dann ein Theaterstück, das unter dem Titel „L'augmentation“ am 26. Februar 1970 im Pariser Théâtre de la Gaîté uraufgeführt wurde. Seit der Deutschsprachigen Erstaufführung am 26. Oktober 1972 im Münchner Theater am Sozialamt (TamS) wird „Die Gehaltserhöhung“ immer wieder aufgeführt, zuletzt u.a. am Deutschen Theater Berlin.

Ein kleines Nichts

Un petit rien: Nun sorgt Albrecht Schroeder für die erstmalige Präsentation eines Perec-Werkes in Bochum. Von 2023 bis 2025 Regieassistent an der Bochumer Königsallee, wo er Arbeiten wie „Eschenliebe“ und „Clyde und Bonnie“ herausbrachte, hat er sich, seit dieser Spielzeit 2025/2026 CEO des Oval Office, mit Verve in die Aufgabe geworfen, diese realsatirische Farce aus der Arbeitswelt möglichst extraordinär auf die Bretter zu hieven.

Seine turbulente, über 90 Minuten nicht immer kurzweilige Inszenierung, was einige Zuschauer am Sonntag (1.3.2026) zum vorzeitigen Verlassen der Premiere in den Kammerspielen veranlasste, ist vor allem eines: schrill. Wozu die Kostüme der Ausstatterin Dorothee Curio wesentlich beitragen.

Repertoire-Renner

Das sichtlich hochmotivierte Darstellerteam aus den Ensemblemitgliedern Puk Brouwers, Danai Chatzipetrou, Linde Dercon und Jakob Schmidt, dem Bochum-Rückkehrer William Cooper sowie dem immer wieder gern gesehenen Gast Jost Grix gab dem Affen reichlich Zucker, sodass die in der Vorlage angelegte Differenzierung zur saftigen Typenschau mutierte. Das, so die Bochumer Dramaturgie, „hochnotkomische Zeugnis der Vergeblichkeit“ wird dennoch ganz sicher ein neunzigminütiger Repertoire-Renner.

Die weiteren Aufführungen in den Kammerspielen des Schauspielhauses Bochum:

  • Samstag, 7. März 2026, 19.30 Uhr
  • Samstag, 14. März 2026, 19.30 Uhr
  • Samstag, 21. März 2026, 18 Uhr (10-Euro-Tag)
  • Sonntag, 5. April 2026, 19 Uhr
  • Samstag, 11. April 2026, 19.30 Uhr (anschl. Publikumsgespräch)
  • Freitag, 24. April 2026, 19.30 Uhr

Karten unter schauspielhausbochum.de oder Tel. 0234 – 33335555.

März
14
Samstag
Samstag, 14. März 2026, um 19:30 Uhr Schauspielhaus Bochum, Königsallee 15, 44789 Bochum Karten unter schauspielhausbochum.de oder Tel. 0234 – 33335555.
Weitere Termine (4) anzeigen...
  • Samstag, 21. März 2026, um 18 Uhr
  • Sonntag, 5. April 2026, um 19 Uhr
  • Samstag, 11. April 2026, um 19:30 Uhr
  • Freitag, 24. April 2026, um 19:30 Uhr
Vergangene Termine (1) anzeigen...
  • Samstag, 7. März 2026, um 19:30 Uhr
Montag, 2. März 2026 | Autor: Pitt Herrmann