Ruhrfestspiele 2019: Poesie und Politik

Lina Beckmann liest am Eröffnungswochenende

Der Neue auf dem Hügel: Olaf Kröck.
Der Neue auf dem Hügel: Olaf Kröck. Foto: Pitt Herrmann

Als der langjährige Castorf-Schauspieler Milan Peschel, der am Sonntag, 9. Juni 2019, in Recklinghausen Heiner Müllers Für alle reicht es nicht liest, dem neuen Ruhrfestspiel-Intendanten Olaf Kröck per Videobotschaft No Fear wünschte unter dem Zusatz „in guter alter Volksbühnen-Tradition“, ging ein Raunen durch die versammelte Medienschar auf der Hinterbühne des Festspielhauses bei der Programmpräsentation. Denn mit der Volksbühne verbindet man hier nicht wirklich gute Erfahrungen. Was kein böses Omen für den Neuen sein muss, der die erste, heftig abgespeckte Spielzeit der Nach-Hoffmann-Ära unter dem Motto Poesie und Politik vorstellte. 90 Produktionen mit rund 210 Veranstaltungen, davon drei Eigenproduktionen, eine Uraufführung, eine Premiere im deutschsprachigen Raum sowie sechs Deutschlandpremieren sind neben der traditionellen Kunstausstellung die Eckpunkte für das auch zeitlich verkürzte Programm zwischen Samstag und Montag, 1. Mai - 9. Juni 2019, auf dem Hügel und an zahlreichen weiteren Spielstätten in Reckluinghausen und Marl. Der Kartenvorverkauf beginnt am Freitag, 1. Februar 2019, um 9 Uhr.

Lina Beckmann kommt nach Recklinghausen.
Lina Beckmann kommt nach Recklinghausen. Foto: NDR/Alexander Fischerkoesen

Gleich am Eröffnungswochenende gastiert die Herner Schauspielerin Lina Beckmann mit ihrem Gatten und Hamburger Schauspielhaus-Ensemblekollegen Charly Hübner auf Recklinghausens Grünem Hügel: Am Sonntag, 5. Mai 2019, lesen sie um 11 Uhr im Großen Haus aus John Bergers Liebesgeschichte Einst in Europa. Darin blickt Odile Blanc, Tochter eines Bauern in einem kleinen Dorf in Savoyen, zurück auf ihr Leben, den Hof ihres Vaters, die Berge, die Fabrik. In einer der Fabrikbaracken, von den Bewohnern scherzhaft „In Europa“ genannt, hat sie ihre glücklichste Zeit verbracht – zusammen mit Stepan, einem später tödlich verunglückten russischen Arbeiter. Auch Michel, der Motorradfahrer, der Odile schon als junges Mädchen umwarb, wurde ein Opfer der Fabrik: er verlor beide Arme. Doch wie Michel gibt Odile niemals auf – und Jahre später werden die beide ein Paar. Das Foto zeigt die Hernerin übrigens als Tamara Rosenberg in dem Fernsehfilm Tödliches Comeback, dessen für Ende Januar 2019 geplante Ausstrahlung im Ersten wegen der Handball-Liveübertragung auf einen noch unbekannten Termin verschoben worden ist.

Poesie und Politik: Themen der 2019er Ruhrfestspiele sind das Zusammenleben verschiedener Kulturen, Abschottungsfantasien in Europa, romantische Sehnsüchte nach Lebendigkeit im, so die Hoffnung der Ruhrfestspiel-Dramaturgie, Spätkapitalismus sowie Strukturen des Populismus. Beteiligt sind mehr als 850 Künstler aus 16 Ländern. Zu den Höhepunkten des Festivals gehören die Uraufführung der Romanadaption Das Heerlager der Heiligen nach Jean Raspail (4. bis 6. Mai), die deutschsprachige Erstaufführung des archaischen Märchens The Prisoner von Peter Brook und Marie-Helene Estienne (9. bis 12. Mai), die Premiere der Wilhelm-Busch-Adaption Max und Moritz von Antu Romero Nunes unter anderem mit Constanze Becker, Tilo Nest und Stefanie Reinsperger (10. bis 12. Mai) und, als Gastspiel des Deutschen Schauspielhauses Hamburg, Karin Beiers Albee-Inszenierung Wer hat Angst vor Virginia Woolf? unter anderem mit Maria Schrader und Devid Striesow (24./25. Mai).

Im Schnelldurchgang weitere Empfehlungen für rasche Entscheidungen, hier werden alle Tickets schnell verkauft sein: Christopher Rüpings Adaption des Romans Hochdeutschland von Alexander Schimmelbusch an den Münchner Kammerspielen (7. bis 9. Juni), Bertolt Brechts Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui als Gastspiel des Berliner Ensembles u.a. mit Martin Wuttke und dem 87-jährigen Jürgen Holtz, Heiner Müllers letzte Inszenierung (8./9. Juni), die szenische Lesung der Lokalmatadoren Martin Brambach und Christine Sommer von Erich Kästners Der Gang vor die Hunde (6. bis 8. Juni), die äußerst humorvolle Performance Raven des Berliner Kollektivs still hungry zum Thema Muttersein, die das Variete Chamäleon unterm Dach der Hackeschen Höfe erbeben ließ (26./27. Mai), die ganz heutige Romeo-und-Julia-Geschichte Dschabber des Berliner Grips-Theaters (17. Mai) sowie die Premiere des musikalischen Aufeinandertreffens der nun zum Bochumer Ensemble gehörenden Schauspielerin Sandra Hüller mit dem Komponisten und Pianisten Volker Bertelmann alias Hauschka (29. Mai).

Der Kartenvorverkauf beginnt am Freitag, 1. Februar 2019, um 9 Uhr in der Kartenstelle an der Martinistraße 28 in Recklinghausen, Tel. 02361 – 9218-0 beziehungsweise per E-Mail. Neu: 50 Prozent Ermäßigung für Kinder, Schüler und Studenten bis 27 Jahren, Auszubildende, Erwerbslose und Freiwillige (BFD, FSJ u. a.). Karten für Kindergärten, Jugendgruppen, Schulklassen, Kurse und Seminare für 6,50 Euro über die Kartenstelle oder per E-Mail. -zum Programm.

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