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Derya (Özgü Namal) und ihr Gatte Aziz (Tansu Biçer) sehen keine andere Möglichkeit, als nach Istanbul zu ziehen und auf neue Jobs zu hoffen. Foto:

'Goldener Bär' für 'Gelbe Briefe'

Polit-Drama von İlker Çatak

Update, Donnerstag (7.5.2026)

„Gelbe Briefe“ läuft im Rahmen des VHS-Filmforums dreimal in der Filmwelt Herne: Am Sonntag, 10. Mai 2026, um 13 Uhr, am Montag, 11. Mai 2026, um 20.15 Uhr sowie am Mittwoch, 13. Mai 2026, um 17.15 Uhr.

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  • Sonntag, 10. Mai 2026, um 13 Uhr
  • Montag, 11. Mai 2026, um 20:15 Uhr
  • Mittwoch, 13. Mai 2026, um 17:15 Uhr

Der Kino-Text

Menschen in Käfigen unter grellem roten Licht: Die Dunkelheit kommt von ganz allein, auch im wirklichen Leben. Vorhang. Standing Ovations. Im Staatstheater von Ankara wird die Schauspielerin Derya (Özgü Namal) gefeiert, aber auch ihr Gatte, der Theaterautor und Universitätsprofessor Aziz (Tansu Biçer). Der populäre Star schließt sich in der Garderobe ein, will niemanden sehen, weder die aus Istanbul angereiste Kübra (Jale Arikan), die Derya für eine Fernsehserie gewinnen will, noch den Gouverneur, der allein ihretwegen die Vorstellung besucht, aber nicht einmal sein Handy stummgeschaltet hat.

Aus dem Gleichgewicht

Danach gerät das bisher eher beschauliche Leben des gefeierten Künstlerehepaars aus dem Gleichgewicht, zumal sich ihre 13-jährige Tochter Ezgi (Leyla Smyrna Cabas), die grundsätzlich den Anspruch des Vaters, mit dem Theater die Welt retten zu wollen, infrage stellt, einer studentischen Friedensdemonstration anschließt. Ihr Vater hält derweil sein Seminar vor nur fünf Studenten, denen er freistellt, sich dem Protest ebenfalls anzuschließen:

„Wenn ihr das Theater unseres Staates nicht live erlebt habt, kann ich euch nichts über Dramaturgie erzählen. Lasst euch das nicht entgehen!“ Der Satz, per Smartphone aufgezeichnet, kostet Aziz und zahlreichen weiteren Dozenten den Job. Aber auch Derya und die anderen an der neuen Produktion beteiligten Theaterleute erhalten die gefürchteten „gelben Briefe“.

Beleidigung des Präsidenten

Der Theaterautor und Hochschullehrer Aziz (Tansu Biçer) steht in Ankara vor Gericht wegen Beleidigung des Staatspräsidenten.

Da der Gerichtstermin zum Vorwurf der Beleidigung des Staatspräsidenten erst in sieben Monaten ist, die Bank die Kreditlinie nicht verlängert und der Vermieter Zülifikar (Vedat Erincin) nach Hausdurchsuchungen kalte Füße bekommen hat, zieht die Familie nach Istanbul, wo sie vorläufig in der kleinen Wohnung von Aziz‘ Mutter (İpek Bilgin) unterkommt. Durch Vermittlung von Deryas Bruder Salih (Aydin Işik), einem Import-Export-Händler, bekommt Aziz vom Unternehmer Recai (Özgür Karadeniz) einen Job als Taxifahrer. Derya braucht eine Weile, bis sie politische Posts von ihrem Social-Media-Account löscht, um eine hochdotierte Hauptrolle in der Unterhaltungsserie eines regierungsnahen TV-Kanals zu bekommen.

Verrat an gemeinsamen Werten

Was Aziz, der an seinen Überzeugungen festhält und heimlich an einem neuen Theaterstück schreibt, als Verrat an den gemeinsamen Werten empfindet. Nach und nach vergrößert sich die Distanz nicht nur zwischen den Eheleuten, sondern auch zwischen ihnen und ihrer Tochter: Ezgi will unter dem Einfluss ihres 23-jährigen Freundes İsmail (Emre Bakar) das Studium schmeißen und freie Künstlerin werden. Als Derya ihren konservativen Bruder Salih und dessen Ehefrau Gülin (Emine Meyrem) zum Fastenbrechen einlädt, prallen grundsätzlich verschiedene Wertvorstellungen und Lebenseinstellungen aufeinander.

Familie kitten statt Welt retten

Das Theater kann zwar die Welt nicht retten, aber vielleicht die Familie kitten: In der kleinen, nur 100 Zuschauer fassenden Off-Bühne ihres Freundes Baran (Aziz Çapkurt) und seines Ko-Direktors Rojda (Sultan Ulutaş Alopé) beginnen die Proben zu Aziz‘ neuem Stück „Sarı Zarflar“ („Gelbe Briefe)“, in dem Derya die Hauptrolle spielen soll. Doch die hat inzwischen die lukrative Hauptrolle einer Werbeagentur-Chefin in der Serie „Paradiesgarten“ des Staatsfernsehens übernommen: Geld schlägt Ideale. Die Emotionen kochen hoch – und plötzlich ist Ezgi verschwunden…

Erhellender Verfremdungs-Effekt

Ilker Çatak war mit „Das Lehrerzimmer“ als deutscher Beitrag im Oscar-Rennen, nun lässt er „Gelbe Briefe“ folgen – mit der großartigen Idee, die in den beiden Metropolen am Bosporus spielende Geschichte in den deutschen Großstädte Berlin und Hamburg zu drehen. Und das ausschließlich in türkischer Sprache mit türkischen und türkischstämmigen, in ganz Europa lebenden Schauspielern. Ein höchst erhellender Brechtscher Verfremdungseffekt zum immergleichen Thema menschlicher Ängste vor politischer Verfolgung – und den Antagonismen Feigheit und Mut, Anpassung und Widerstand. Und das bewusst ganz aus der Perspektive einer seit langem intakten Ehe und konfliktfreien Familie betrachtet.

Der 128-minütige Spielfilm ist vom 24. Mai bis 10. Juli 2024 in Berlin (für Ankara) und Hamburg (für Istanbul) gedreht und am 13. Februar 2026 im Wettbewerb der 76. Berlinale uraufgeführt worden, wo er mit dem „Goldenen Bären“ als „Bester Film“ ausgezeichnet worden ist. Bei uns zu sehen im Casablanca Bochum, in der Schauburg Gelsenkirchen, im Eulenspiegel Essen, in der Lichtburg Oberhausen sowie im Atelier Düsseldorf.

Donnerstag, 7. Mai 2026 | Autor: Pitt Herrmann