Ungewöhnliche Vater-Tochter-Tragikomödie
Paternal Leave – Drei Tage Meer
Mitten im rauen Winter reist die 15-jährige Leona „Leo“ Neumann (Juli Grabenhenrich) mit einem schon älteren Foto aus dem Familienalbum in den zu diesem Zeitpunkt auch längst nicht mehr sonnigen Süden. Die ständigen Anrufe ihrer vielbeschäftigten Mutter ignorierend macht sie sich auf, um den Mann zu finden, den sie all‘ die Jahre so schmerzlich vermisst hat: ihren Vater Paolo (Luca Marinelli). Der ist, wie sie im Internet herausgefunden hat, Surflehrer in Marina Romea, einem eleganten Strandbad an der norditalienischen Adria vor den Toren Ravennas.
Die Saison ist längst vorbei und die Strandbar verrammelt, sodass die rasch ernüchterte Leo sich zu einer recht heruntergekommenen Lagerhalle durchfragen muss, die ihrem Vater als Werkstatt und, zumindest während des Sommers, auch als Schlafplatz dient. An der Pinnwand hängen Fotos von seiner neuen, offenbar glücklichen Familie, auf denen auch ihre kleine Halbschwester Emilia (Joy Falletti Cardillo) abgebildet ist. So einen fürsorglichen Vater, wie er hier auf den Bildern erscheint, hat Leo ein Leben lang vermisst.
Fürsorglichen Vater vermisst
Als Paolo auftaucht, ist er nicht nur bass erstaunt, wie aus heiterem Himmel einer fast erwachsenen Tochter gegenüberzustehen, sondern auch hilflos. Zumal sich das Babyphon meldet, da die kleine Tochter nebenan im Camper aufgewacht ist und lautstark nach Mama verlangt. Leo erbettelt sich erst einmal ein Nachtquartier in der Halle und hofft, in den Tagen danach mit ihrem Vater länger ins Gespräch zu kommen.
Der junge Pizzaausfahrer Edoardo (Arturo Gabbriellini), der ihr die Werkstatt gezeigt hat, nimmt Leo auf dem Motorrad in den nächsten Ort mit, wo sie eine aufblasbare pinke Flamingo-Badefigur für die kleine Emilia erwirbt. Die dann tatsächlich zum Eisbrecher zwischen Tochter und Vater wird, der erklärt, warum die Verbindung eines noch sehr grünen 20-Jährigen mit ihrer um ein Jahr jüngeren Mutter im „Summer of Love“ keinen Bestand haben konnte. Leo hat einige weitere Fotos aus ihrer Kindheit mitgebracht, die eine gewisse Nähe nach sich ziehen. Und sein Geständnis, dass er, wenn er sich denn damals auf die Vaterschaft gefreut hätte, seine Tochter Mathilde genannt hätte – „gute Kriegerin“.
Schreitherapie befreit
Aber als Emilias Mutter Valeria (Gaia Rinaldi) auftaucht, verleugnet Paolo ihr gegenüber seine Tochter: An eine von Leo so sehnlich gewünschte Familienzusammenführung ist nicht zu denken, sodass sie bitter enttäuscht reißaus nimmt und in einem Baufahrzeug übernachtet, wo sie Edoardo am anderen Morgen findet. Als Emilia, die sich sehr gut mit Leo verstanden hat, die Spannungen bemerkt, läuft sie weg – und wird von ihrer Halbschwester wieder eingefangen. Was Leo völlig unverdienter Weise eine schallende Ohrfeige ihres Vaters einbringt mit der Folge, dass sie dem ebenfalls Vater-geschädigten Edoardo die befreiende Schreitherapie beibringt.
Leo hat sich freilich nichts gefallen lassen und stets verbal zurückgeschlagen, hat ihren zaudernden, ja ängstlichen Vater wie einen Versager aussehen lassen. Am Ende ist nicht nur der pinke Ballon platt, sondern auch ein echter Flamingo, den der emotional völlig überforderte Paolo überfahren hat. Immerhin gibt’s eine versöhnliche Begräbniszeremonie mit Musik aus dem Autoradio…
Feinfühlige Coming-of-Age-Tragikomödie
„Paternal Leave – Drei Tage Meer“ ist eine besonders feinfühlige Coming-of-Age-Tragikomödie. Was nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass die Autorin und Regisseurin Alissa Jung als praktizierende Kinderärztin mit dem Thema vertraut ist – und die Vaterrolle ihres Langfilm-Debüts mit dem eigenen Gatten Luca Marinelli besetzt hat. Apropos Debüt: Die junge Berlinerin Julia Grabenhenrich überzeugt in ihrer ersten Rolle mit Verletzlichkeit einerseits und klarer Haltung andererseits.
Das 113-minütige Vater-Tochter-Drama, gedreht vom 9. Februar bis 22. März 2024 in Deutschland und der italienischen Emilia-Romagna, ist am 15. Februar 2025 auf der 75. Berlinale uraufgeführt und mit dem Gilde-Preis der AG Kino ausgezeichnet worden. Beim Starnberger Fünf Seen Filmfestival 2025 gabs den „Perspektive“-Spielfilmpreis und beim Final Cut 2025 in Marburg den Hauptpreis der Kategorie Jugendfilm. Zum Kinostart am 27. November 2025 ist die deutsch-italienische Koproduktion in der Lichtburg Oberhausen und im Metropol Düsseldorf zu sehen.