Neu im Kino: Westwood

Vivienne Westwood führt ihr Modeimperium sowohl geschäftlich als auch kreativ.
Vivienne Westwood führt ihr Modeimperium sowohl geschäftlich als auch kreativ. Foto: Dogwoof

„Lassen Sie mich einfach reden...“: In ihrem ersten Kinofilm Westwood: Punk. Ikone. Aktivistin. erzählt die durch Musik-Videos international bekannte Regisseurin Lorna Tucker die Geschichte einer nimmermüden Kämpferin, die aller Niederlagen zum Trotz ihren Idealen treu geblieben ist und als Grande Dame des Punks bis heute Geschichte schreibt. Mit einem exklusiven Blick hinter die Kulissen des einzigartigen Modehauses und der dort wirkenden Mitarbeiter des exzentrischen Enfant Terrible der britischen Modewelt vermittelt Westwood einen bisher singulären Eindruck dieser ikonischen Legende, die sich niemals auf ihren Lorbeeren internationaler Design-Preise ausruht und am liebsten noch Chinesisch lernen würde.

Die selbst erklärte Tagträumerin Vivienne entstammt einfachen Familienverhältnissen und kam im Alter von 17 Jahren nach London und damit mitten hinein in die Swinging Sixties der 1960er Jahre. Ihr erster Gatte, dessen Namen sie behalten hat, hieß Westwood. Die Ehe hielt nicht lange und er flüchtete vor dem Trouble, um als Filmemacher in den USA neu anzufangen. Viviennes Leben änderte sich abrupt, als sie Malcolm McLaren traf, den Impresario und Manager der Sex Pistols. Mit ihm eröffnete sie an der angesagten Kings Road einen gemeinsamen Laden, der die Popkultur nachhaltig revolutionieren sollte. In den folgenden vierzig Jahren war Vivienne Westwoods Leben von gescheiterten Beziehungen, Rechtstreits, Hohn und Spott der Medien sowie nicht zuletzt von finanziellen Problemen geprägt. Doch sie blieb standhaft und wurde gegen alle Widerstände zur Kult- und Kulturikone weit über Großbritannien hinaus.

Heute wird sie im gleichen Atemzuge wie die Top-Modelabels Gucci, Dior und McQueen genannt – mit dem Unterschied, dass Vivienne nicht nur Namensgeberin ist, sondern ihr Modeimperium sowohl im kreativen als auch im geschäftlichen Bereich selbst führt. „Lassen Sie es einfach hinter uns bringen“: Die binnen drei Jahren entstandene achtzigminütige Dokumentation, die beim Int. Sundance Festival uraufgeführt wurde und jetzt in die deutschen Kinos gekommen ist, steht auf dem Spielplan im Casablanca Bochum und im Essener Filmstudio Glückauf. Sie begleitet eine in Interviews mit der Filmemacherin immer wieder störrisch-abweisende Vivienne Westwood ins Atelier wie zu den Eröffnungen ihrer Label-Shops in den Modehauptstädten Paris und New York. Und blickt mit munteren, die Spannung des Publikums hoch haltenden Sprüngen auf der Zeitachse zurück auf Schlüsselmomente ihrer Vergangenheit.

Dabei wird deutlich, dass der Ursprung ihres bis heute anhaltenden politisch-ökologischen Engagements etwa für die Menschenrechtsorganisation Liberty im systemkritisch-antikapitalistischen Punk-Rock-Ethos ihrer Jugend liegt. Kleidung als Ausdruck der Persönlichkeit: Die mit einzigartigen privat-persönlichen Einsichten angereicherte Dokumentation Lorna Tuckers geht weit über das Level eines Modefilms hinaus – als so intimes wie inspirierendes Porträt einer inzwischen weltweit verehrten britischen 77-jährigen Ikone, hinter der ein ewig jung gebliebener Punk und Agent Provocateur steckt, aber auch eine alleinerziehende Mutter mit allen Problemen der Überforderung. Nicht zu vergessen: Hinter einer erfolgreichen Frau steckt auch hier ein starker Partner im Hintergrund, in diesem Fall ihr ehemaliger Wiener Student und langjähriger, im Beruf wie im Leben ebenbürtiger Mann Andreas Kronthaler.

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