Neu im Kino: Wenn Fliegen träumen

Katharina Wackernagel präseniert ihr Regiedebüt

Robert Glatzeder, Niels Bormann, Zoltan Paul und Tina Amon Amonsen in dem Film: Wenn Fliegen träumen.
Robert Glatzeder, Niels Bormann, Zoltan Paul und Tina Amon Amonsen in dem Film: Wenn Fliegen träumen. Foto: Resistefilm

„Bin ich hier richtig? Mehr sind nicht gekommen?“: Berlin im Winter. Eine farbige Frau in Weiß, sie heißt Naja (überzeugt in ihrer ersten Hauptrolle: Thelma Buabeng), wie wir später erfahren, trifft einen Mann in Schwarz (Robert Beyer), der Tod – wie wir später erfahren. Wenn Fliegen träumen, die jüngste Wackernagelsche Familienproduktion, die am 23. Oktober 2018 auf den 52. Internationalen Hofer Filmtagen uraufgeführt wurde und am 27. Juni 2019 in die Programmkinos gekommen ist, beginnt sehr verwirrend. Als nächstes fängt Fabian Spucks Kamera eine norwegische Reisegruppe ein, die sich von Hannah (Nina Weniger) am Mauerdenkmal Bernauer Straße die deutsche Teilung erklären lässt.

Hannah und Naja, aber das erfahren wir erst sehr viel später, sind Halbschwestern. Erstere ist stark suizidgefährdet, da sie sich bei Dr. Faust (nomen est omen: Helmut Mooshammer) einer weiteren Krebs-Operation unterziehen soll und nicht wirklich Vertrauen zu seinen Fähigkeiten hat. Und zu seiner alkoholkranken Anästhesistin (die Regisseurin Katharina Wackernagel) schon gar nicht, die mit einem hochprozentig gefüllten Flachmann die Selbsthilfegruppe der Psychotherapeutin Naja besucht. Was in den ersten von insgesamt nur 83 Minuten wie ein typisches deutsches Befindlichkeitsdrama beginnt, entwickelt sich zu einem ziemlich abgefahrenen Roadmovie mit wunderbar schräger Besetzung. Zu der übrigens auch Sabine Wackernagel gehört, im Film Hannahs Mutter, im wahren Leben die Mutter der Regisseurin.

Ihr gemeinsamer Vater ist gestorben und hat den beiden ein Haus im norwegischen Møre og Romsdal vermacht – und einen Oldtimer, welcher einst der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Hünfeld, also tief in der odthessischen Provinz, gehörte. „Ich bin nirgends so allein wie bei dir“: Hannah, die mit einem erheblich jüngeren, nicht erwachsen werden wollenden Gatten geschlagen ist, wäre mit dem Auto zufrieden, um endlich von Christian (Sebastian Schwarz), der einen nicht sehr erfolgreichen Comic-Laden führt, wegzukommen. Naja aber besteht beim Testamentsvollstrecker Luz (Niels Bormann), übrigens auch ein Angehöriger ihrer Therapiegruppe, darauf, die ganze Erbschaft zu sichten.

Im klapprigen roten Feuerwehrauto geht’s also in den hohen Norden. Bald begleitet vom Spanier Carlos (Johannes Klaussner), der nach Finnland will. Und verfolgt von Doktor Faust und dem ganzen Haufen gestrandeter Persönlichkeiten aus Najas Therapiegruppe, noch zu nennen der Autorenfilmer Peter (Zoltan Paul), die Nymphomanin Marie (Tina Amon Amonsen) und den sechsfachen Vater Ole (Robert Glatzeder) ohne Sorgerecht und Besuchsberechtigung für seine Kinder. Alle kommen in einer norwegischen Ferienhaussiedlung zusammen – und landen im Knast, weil die Polizistin Inga (Marie Burchard) kein Verständnis für die durchgeknallte Berliner Truppe aufbringt.

Nur gut, dass sich ihr Kollege Knut (Iver Kjekshus) von Naja im Schnelldurchgang therapieren lässt. Umnebelt von Wodka, Tabletten und der Virilität des beiden Frauen zugetanen Spaniers, der ihnen übrigens das Gleichnis von zwei träumenden Fliegen im Flugzeug erzählt, geht’s weiter bis ans Ziel. Wo ein märchenhaftes Finale auf alle Beteiligten wartet...

Jonas Grosch und Katharina Wackernagel sind das Geschwisterpaar, das hinter diesem höchst ungewöhnlichen, Anfang 2017 in Berlin und Strömstad gedrehten deutsch-skandinavischen Roadtrip steckt. Nach der Revolution („Resiste! - Aufstand der Praktikanten“), der Liebe („Die letzte Lüge“) und der Freundschaft („bestefreunde“) ist nun in ihrem vierten Film „Wenn Fliegen träumen“ die Einsamkeit ihr Thema. In Katharina Wackernagels Regiedebüt beweisen sie erneut ein feines Gespür für die so liebevolle wie humorige Zeichnung skurriler Typen, die an die Filme Kaurismäkis erinnern.

Jonas Groschs bereits vor dreizehn Jahren geschriebenes Drehbuch hat keinen Sender gefunden – und damit keine Förderung. Der Film ist daher frei finanziert worden, auch aus dem Erlös ihres an das ZDF verkauften Vorgängers „bestefreunde“, was dem Wackernagel-Clan nicht hoch genug angerechnet werden kann. Um so „Independent“ sein zu können und sich bewusst keinen Genres oder Zielgruppenkonventionen zu unterwerfen, bedarf es freilich der Honorare der viel beschäftigten Schauspielerin Katharina Wackernagel („Aenne Burda“, „Stralsund“).

Die hat sich am Montag, 1. Juli 2019, in der Dortmunder Nordstadt angesagt – zur 19-Uhr-Vorstellung im Sweet Sixteen an der Immermannstraße 29, dem einzigen Programmkino des Ruhrgebiets, der ihren Film zeigt. Das von einem gemeinnützige Trägerverein geführte Kino im Depot-Kulturzentrum zeigt übrigens ab 4. Juli 2019 revier-exclusiv den aktuellen Publikumspreis-Gewinner des Max-Ophüls-Festivals, die rabenschwarze österreichische Mafia-Komödie „Kaviar“. Wir kommen darauf zurück.

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