Neu im Kino: Shoplifters - Familienbande

Die ganze 'Familie' vereint: Nobuyo (Sakura Ando), Yuri (Miyu Sasaki), Shota (Kairi Jyo), Osamu (Lily Franky), Aki (Mayu Matsuoka) und Hatsue (Kilin Kiki).
Die ganze 'Familie' vereint: Nobuyo (Sakura Ando), Yuri (Miyu Sasaki), Shota (Kairi Jyo), Osamu (Lily Franky), Aki (Mayu Matsuoka) und Hatsue (Kilin Kiki). Foto: wild bunch

Nach einem erfolgreichen Ladendiebstahl, bei dem fast alle Bestellungen der Lieben daheim erledigt werden konnten, kehren Osamu Shibata (Lily Franky) und sein Sohn Shota (Kairi Jyo) nach Hause zurück. Plötzlich fühlt sich der Gelegenheitsarbeiter beobachtet – von einem kleinen, verwahrlosten Mädchen, das, wie sich später herausstellt, Yuri Hojo (Miyu Sasaki) heißt. Kurzerhand nimmt er das Kind für eine warme Mahlzeit mit in seine Wohnung.

Die anfänglichen Bedenken seiner Frau Nobuyo (Sakura Ando) über das neue Familienmitglied sind nach der Entdeckung einiger Brandflecken an Yuris Arm schnell verflogen. Auch Großmutter Hatsue (letzte Rolle der 75-jährigen Kilin Kiki, die am 15. September 2018 ihrer langjährigen Krebserkrankung erlag) und Nobuyos quirlige Halbschwester Aki (Mayu Matsuoka), die hinter einer verspiegelten Scheibe in einem Stripclub arbeitet, heißen Yuri in der Enge ihrer alten, mit Waren und Gerümpel vollgestellten Behausung willkommen. Obwohl Hatsues Rente nur bescheiden ist, Nobuyo in der Wäscherei nicht viel verdient und Osamu als Hilfsarbeiter auf dem Bau von der Zeitarbeitsfirma kein festes Gehalt bezieht, fühlt sich die Familie in dem von anonymen Wohnblöcken umgebenen Altbau wohl. In dem offiziell die Oma allein wohnt, weshalb sie das Sozialamt in ein Heim stecken will.

Zu der nun auch Yuri zählt, die – offenbar von niemandem vermisst – von ihrem Halbbruder Shota in die Kunst des Diebstahls eingeführt wird. Erst nach Monaten sucht die Polizei auch über das Fernsehen nach dem verschollenen Mädchen, obwohl die Eltern ihr Verschwinden nicht angezeigt haben. Wohl auch, weil sie eine Aufdeckung ihrer Misshandlungen fürchten. Nachdem Nobuyo ihren Job in einer Großreinigung verloren hat, weil sie von einer Kollegin des gesuchten Kindes wegen erpresst worden ist, kommen sich die Eheleute nach langen Jahren erstmals wieder näher – in einer von mehreren sehr berührenden Szenen dieses mit zwei Stunden keine Sekunde zu langen Films.

Dann die erste Katastrophe: Nach einem Ausflug an das von ihr so geliebte Meer stirbt Oma Hatsue im Kreise der Familie – und nicht in der Einsamkeit eines Pflegeheimes. Sie wird heimlich im Keller begraben, um weiter ihre Rente kassieren zu können. Shota, den sein „Papa“ einfach aus einem Auto geholt und zu sich genommen hat, ist zunehmend eifersüchtig auf Osamus Zuneigung zu Yuri. Eines Tages lässt er sich absichtlich bei einem routinemäßigen Supermarkt-Ladendiebstahl festnehmen. Was das nur auf den zweiten Blick so fragile Kartenhaus der scheinbar nur aus Lebenskünstlern bestehenden Familie Shibata zusammenbrechen lässt...

Nach Nobody knows – Die Kofferkinder (2004), Like Father, like Son (Jurypreis Cannes 2013) und Unsere kleine Schwester (2015) gelingt dem 1962 in Tokio geborenen japanischen Meisterregisseur Hirokazu Kore-eda mit Manbiki Kazoku, so der Shoplifters-Originaltitel, erneut das einfühlsame Porträt einer Familie am Rande der japanischen Gesellschaft. Meisterhaft leicht und subtil erzählt Kore-eda von der Doppelmoral einer widersprüchlichen Nation zwischen einer sich zwar sozial korrekt verhaltenden, aber gefühlskalten Gesellschaft und der Wärme einer kleinkriminellen Patchwork-Familie in prekären Verhältnissen. Diesen Kontrast unterstreicht er sowohl visuell, und das erstmals in Zusammenarbeit mit Kameramann Kondo Ryuto, als auch akustisch durch die Musik des Komponisten Hosono Haruomi, die dem brüchigen Glück der Familie Shibata eine fast fröhliche Leichtigkeit verleiht – bis zum geradezu herzzerreißenden Finale.

Statt mit dem düsteren Pathos sozialer Außenseiter, zeichnet Kore-eda in seinem 13. Kinofilm einprägsame Charaktere mit einfühlsamer Menschlichkeit voller Würde und Poesie. Und zeigt, dass bei der Familie Blutsverwandtschaft nicht die Hauptrolle spielt, sondern Empathie. Kore-eda: „In Japan werden Straftaten wie Rentenbetrügereien und Eltern, die ihre Kinder zu Ladendieben machen, heftig kritisiert. Natürlich ist diese Kritik berechtigt. Dennoch frage ich mich, warum Menschen wegen solch geringfügiger Verstöße so wütend werden, obwohl es so viele Kriminelle gibt, die weitaus schlimmere Verbrechen begehen, ohne dafür verurteilt zu werden. (…) In der Summe ist ‚Manbiki Kazoku‘ eine Geschichte darüber, was Familie bedeutet, eine Geschichte über einen Mann, der versucht, ein Vater zu sein und die Geschichte über die Zukunft eines Jungen.“

Shoplifters – Familienbande, bei den Filmfestspielen Cannes 2018 mit der Goldenen Palme und beim Filmfest München 2018 als Bester internationaler Film ausgezeichnet, ist am 27. Dezember 2018 bundesweit in den Kinos gestartet und im Revier im Metropolis Bochum, im Eulenspiegel Essen und in der Camera Dortmund zu sehen. Der Film hat das Halbfinale des Oscar-Rennens erreicht: Shoplifters schaffte es in die Vorauswahl von neun Kandidaten für den Auslands-Oscar. Die fünf Finalisten werden am 22. Januar 2019 bekanntgegeben, die 91. Oscar-Verleihung geht am 24. Februar 2019 in Hollywood über die Bühne.

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