Neu im Kino: Die Berufung

Ein Leben für Gerechtigkeit

Felicity Jones als Ruth Bader Ginsburg.
Felicity Jones als Ruth Bader Ginsburg. Foto: One Germany

Harvard Law School, 1956. Lauter männliche Schlipsträger bahnen sich den Weg zur zentralen Begrüßung der Studenten in die Aula, wo sich der Tradition entsprechend alle persönlich vorstellen. Eine junge Frau blickt sich mehrfach um, offenbar sucht sie nach weiblichen Kommilitonen. In den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts dürfen Frauen in den Vereinigten Staaten von Amerika weder als Polizisten arbeiten noch in Princeton studieren. Ruth Bader (herausragend: die britische Schauspielerin Felicity Jones) aus Brooklyn will diese Welt verändern und studiert als eine von nur neun Frauen Jura an der Elite-Universität Harvard. Als sie vom Dekan Erwin Griswold (ein Mann vom alten Schlag: Sam Waterston) nach den Intentionen gefragt wird, gerade dieses schwierige Studienfach gewählt zu haben, antwortet Ruth scheinbar ironisch: um ihren Mann besser zu verstehen.

So ironisch war das aber gar nicht gemeint, denn ihr Kommilitone und designierte Gatte Martin Marty Ginsburg (Armie Hammer), von dem sie bald ein Kind erwartet, studiert an der gleichen Fakultät. Ein smarter, intelligenter und dabei auch noch gut aussehender Mann, der selbstbewusst genug ist, kleine, fiese Sticheleien der Mitstudenten bezüglich seiner ihm an Intellekt ebenbürtigen Freundin tunlichst zu überhören. Als Jane geboren wird, beschließen die inzwischen verheirateten Eltern, sich Studium, Haushalt und Familie zu teilen – Mitte der 1950er Jahre nicht nur in den USA ein singulärer Ausnahmefall von männlicher Emanzipation.

Die naturgemäß ausschließlich männlichen Dozenten wie Professor Brown (Stephen Root) übersehen Ruths Wortmeldungen geflissentlich, aber die junge Mutter muss sich auch mit ihren kaum weniger machohaften Kommilitonen auseinandersetzen. Als Martin plötzlich im Hörsaal zusammenbricht und der behandelnde Klinikarzt Dr. Leadbetter (Arthur Holden) Hodenkrebs mit einer nur fünfprozentigen Überlebenschance diagnostiziert, scheint für Ruth die Zeit still zu stehen. Sie beißt sich durch – im Hörsaal bei Professor Freund (Geordie Johnson), dessen Vorlesungen sie für ihren bettlägerigen Gatten mitschreibt, in ihrem eigenen Studium und daheim an der Schreibmaschine bei den Hausarbeiten für beiden angehenden Juristen. Weil beim langsam genesenden Martin ein Rückfall nicht auszuschließen ist, wäre es für Ruth von Vorteil, ihr Studium an der Columbia University fortzusetzen. Allein der Dekan Griswold mag nicht über seinen eigenen Schatten springen und eine Lex Ruth Bader Ginsburg schaffen.

1959. Nach ihrem Abschluss als Jahrgangsbeste und Veröffentlichungen sowohl in Harvard als auch an der Columbia hagelt es ein Dutzend Absagen renommierter Anwaltssozietäten: Ruth ist Frau, Mutter – und auch noch Jüdin. Rechtsanwalt Greene (Tom Irwin) sagts ganz offen: Er befürchtet die Eifersucht der Ehefrauen seiner Juristen, wenn er eine Frau in die Kanzlei aufnimmt. Obwohl sie lieber Gerichtssäle erobern würde, schon um das bisherige Privileg der Männer dort zu brechen, nimmt sie eine Stelle als Professorin an – und köpft mit ihrem Gatten, der naturgemäß sofort einen Spitzenjob als Anwalt gefunden hat, eine Flasche Champagner zu Wolfgang Amadeus Mozarts Die Hochzeit des Figaro.

New York, 1970. Aus dem Baby Jane (Cailee Spaeny) ist eine eigenwillige Polit-Aktivistin geworden, die ihrer Mutter sehr ähnelt, weshalb sie sich mit ihr nicht wirklich gut versteht. Der Teenager geht lieber zur Demo als zur Schule. Und hat mit James (Callum Shonike) inzwischen ein Brüderchen bekommen. Martin, der auf bestem Weg ist, ein gefragter Steueranwalt zu werden, macht Ruth auf den Fall Charles Moritz aufmerksam. Trotz der aufopfernden Pflege seiner kranken Mutter wird Moritz (Chris Mulkey) nicht der übliche Steuernachlass für Haushaltshilfen gewährt – aufgrund seines Geschlechts. Es geht nur um 296 Dollar, aber Ruth wittert einen Präzedenzfall, der eine seit Jahrzehnten stillstehende Gesetzeslage ad absurdum führt.

„Das Gesetz hat Unrecht“ ist Ruth überzeugt – und sieht hier eine Geschlechter-Diskriminierung mit umgekehrtem Vorzeichen. Während ihr die berühmte Anwältin Dorothy Kenyon (Kathy Bates), Mitbegründerin der American Civil Liberties Union (ACLU) zunächst wegen Aussichtslosigkeit die Unterstützung verweigert, hilft der ACLU-Rechtsvorstand Mel Wulf (Justin Theroux) mit Erfahrung und Geld. Was dringend geboten ist, denn Jim Bozarth (Jack Reynor), der den Staat vertritt, stehen ganz andere Mittel zur Verfügung – darunter die ersten Computer. Letztlich ist es Charles Moritz selbst, der einer zwischendurch immer wieder verzweifelten Ruth den Rücken stärkt. „Vernunft ist die Seele aller Gesetze“ steht am Portal des Gerichtssaals, in dem Ruth Bader Ginsburg amerikanische Rechtsgeschichte schreibt. Ihr brillantes, frei gehaltenes und sehr persönliches Schlussplädoyer ist mit fünf Minuten und 32 Sekunden die bisher längste Gerichts-Sequenz eines Spielfilms überhaupt.

On the Base of Sex, so der Originaltitel des in Deutschland Die Berufung genannten zweistündigen Biopics von Daniel Stiepleman (Buch), dem Neffen der heute 85-jährigen Richterin am Obersten Gerichtshof der USA, und Mimi Leder (Regie), kommt am 7. März 2019 in unsere Kinos. Es ist das über volle zwei Stunden nachhaltig beeindruckende – und überdies spannend erzählte - Porträt einer heute nur „RBG“ genannten Frau, die es mit eisernem Willen und scharfem juristischen Verstand bis in die Top-Position der US-Gerichtsbarkeit geschafft hat. 1993 vom damaligen US-Präsidenten Bill Clinton ernannt, füllt diese leidenschaftliche gegen die Diskriminierung von Frauen und Männern diese bis heute aus.

Die Berufung läuft im Union und in der UCI Kinowelt Bochum, im Filmstudio Glückauf Essen und in der Camera Dortmund. Im Casablanca Bochum ist der preisgekrönte Dokumentarfilm RBG – Ein Leben für Gerechtigkeit zu sehen.

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